Kontrafaktische Relativsätze

Meistens versuche ich ja, die Fachterminologie maßvoll zu verwenden. Bei diesem Fachausdruck konnte ich es mir dennoch nicht verkneifen. Ganz so trocken wie es klingt, ist es aber nicht. Es geht um eine schöne Verwendung des Konjunktivs.

Frage

Ab und an stößt man während des Lesens auf den freien Konjunktiv II, der auch in negativen Relativsätzen nicht selten auftritt:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.

Warum findet hierbei der Indikativ eher selten Verwendung? […] Ich möchte hierbei noch anmerken, dass auch ich mich nicht selten zu derartigen Sätzen hinreißen lassen, weil sie nun einmal besser klingen:

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.

Könnte man hier nun auch den Indikativ anwenden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

es handelt sich hier um besondere Nebensätze im Konjunktiv II, die zu den sogenannten kontrafaktischen (irrealen) Relativsätzen gehören. Sie sind von einem übergeordneten Satz abhängig, der verneint ist und dessen Verneinung sich auch auf den Relativsatz bezieht.

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
= Es gab niemanden, für den gilt, dass er in diesem Wald lebte und ein edler Mensch war.

Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Es gibt nichts, für das gilt, dass es (es gibt und) ihn nicht zu faszinieren weiß.

Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.
Es gab keine anmutige Gattin, für die gilt, dass sie zu Hause auf ihn wartete und ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.
Es gibt keinen Menschen, für den gilt, dass er anwesend ist und ihr gefällt.

Die Verneinung im übergeordneten Satz verneint gleichzeitig auch die Aussage im Relativsatz. Der Relativsatz drückt also etwas Irreales, etwas nicht Bestehendes aus. Solche Relativsätze stehen häufig im Konjunktiv II. Es ist aber auch möglich, sie im Indikativ zu formulieren:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl war.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren weiß.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.
Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefällt.

Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die Formulierung im Konjunktiv besser klingt. Sie gibt auch nachdrücklicher an, dass das im Relativsatz Gesagte nicht der Fall ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Wenn ich eins nicht bin, dann …

In letzter Zeit scheinen viele Fragesteller und Fragestellerinnen mit der Verneinung zu hadern, vor allem der doppelten. Deshalb heute noch einmal das Thema Verneinung

Frage

Wenn ich eins nicht bin, dann bin ich nicht dumm. Doppelte Verneinung oder nicht?

Antwort

Guten Tag R.,

beim Thema Verneinung muss man manchmal aufpassen, dass man eher sprachlich als mathematisch vorgeht. Während minus mal minus in der Mathematik immer plus ist (so weit ich das gelernt und verstanden habe), heben sich zwei nebeneinander erscheinende Verneinungen nicht immer auf. Und nun zu Ihrer Frage:

Nur einmal nicht steht normalerweise in diesen Fällen:

Wenn ich eins nicht bin, dann dumm.
Wenn ich eins nicht bin, dann ist es dumm.

Nach dann folgt in diesen Aussagen die Angabe, was mit eins gemeint ist, und eins steht hier für dumm, nicht für nicht dumm. Deshalb sollte man vor allem beim zweiten Satz besser nicht sagen:

Wenn ich eins nicht bin, dann ist es nicht dumm.

Man könnte dann nämlich nicht ganz zu Unrecht verstehen, dass ich nicht nicht dumm, also dumm bin. (Allerdings erschließt sich in der Regel aus dem Kontext klar, was gemeint ist.)

In Ihrem Beispielsatz folgt aber nach dann nicht einfach die Angabe, was mit eins gemeint ist. Nach dann wird der ganze Satz wiederholt. In der Wiederholung wird eins durch die Angabe ersetzt, was damit gemeint ist: dumm. Und weil die ganze Satzkonstruktion wiederholt wird, muss auch die Verneinung nicht wiederholt werden:

 Wenn ich eins nicht bin, dann bin ich nicht dumm.

Sie können es auch mit diesen Konstruktionen vergleichen:

Was bin ich nicht? – Dumm.
Was bin ich nicht? – Ich bin nicht dumm.

Es handelt sich in Ihrem Beispielsatz also nicht um eine doppelte Verneinung, sondern um eine wiederholte einfache Verneinung.

Und weil es hier heute eins nicht ist, nämlich kühl, höre ich nun lieber auf, bevor mir die doppelten und wiederholten nicht durcheinandergeraten und die Finger von der Tastatur rutschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Zweimal verneint ist nicht doppelt verneint

Frage

Heute möchte ich mich mit einem für mich nicht ganz eindeutigen Fall der Verneinung an Sie wenden. Der Satz lautet:

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als keiner mehr daran glaubte, weder hier noch in anderen Ländern.

oder

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als keiner mehr daran glaubte, sowohl hier als auch in anderen Ländern.

Da im Deutschen im Gegensatz zu einigen anderen Sprachen ja die doppelte Verneinung eigentlich eine Bejahung bedeutet, sollte eigentlich die zweite Variante für die Aussage zutreffen, dass weder im In- noch im Ausland jemand daran glaubte. Mir scheint aber auch die erste Variante nicht abwegig.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es stimmt, dass im Deutschen – zumindest in seiner Standardvariante – die doppelte Verneinung zu einer bejahten Aussage führt:

Ich habe nie nichts gesagt.
= Ich habe immer etwas gesagt.

Sie haben niemandem nichts geglaubt.
= Sie haben allen etwas geglaubt.

Weder im In- noch im Ausland glaubte keiner daran.
= Sowohl im In- als auch im Ausland glaubte jemand daran.

Man formuliert deshalb korrekt ohne doppelte Verneinung:

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als weder hier noch in anderen Ländern noch jemand daran glaubte.

oder

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als sowohl hier als auch in anderen Ländern keiner mehr daran glaubte.

Und trotzdem bin ich bei Ihrem Beispiel für die erste Variante:

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als keiner mehr daran glaubte, weder hier noch in anderen Ländern.

Das liegt nicht daran, dass ich mich plötzlich zur doppelten Verneinung bekehrt hätte. Nein, ich bin einfach der Meinung, dass hier keine doppelte Verneinung vorliegt, weil die Wortgruppe weder… noch… als Nachtrag sozusagen aus dem Satz ausgelagert wird. Die Verneinung im Satz hat deshalb keinen Einfluss mehr auf den Nachtrag. Der Nachtrag gehört nicht zu ihrem Wirkungsbereich, so dass die Verneinung im Satz und die Verneinung im Nachtrag einander nicht aufheben.

Ich weiß, dass dies keine wissenschaftlich fundierte Argumentation ist, aber so scheint es im Deutschen zu funktionieren: Nachträge zu etwas Verneintem gehören nicht mehr zum Wirkungsbereich der Verneinung und müssen deshalb ggf. ebenfalls verneint werden. Weitere Beispielpaare a) ohne Nachtrag und b) mit einem Nachtrag:

a) Sie hatte weder im Haus noch im Garten jemanden gesehen.
b) Sie hatte niemanden gesehen, weder im Haus noch im Garten.

a) Ich habe auch zu Hause nie geraucht.
b) Ich habe nie geraucht, auch nicht zu Hause.

a) Sie können nirgendwo jemanden für diese Aufgabe finden.
b) Sie können niemanden für diese Aufgabe finden, wirklich nirgendwo.

Ich hoffe, dass dies dazu beitragen kann, Ihre Zweifel an der Variante zu beseitigen, die Sie zu Recht für nicht abwegig halten. Es ist die richtige, weil ein Nachtrag separat verneint sein will. Zweimal verneint ist nicht immer doppelt verneint.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (6)

Wenn ja und nein unklar werden: „halbverneinte“ Fragen

Frage

Lautet die Antwort auf die folgende Frage „Ja“ oder „Nein“?

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Ja. (Ja, das heißt es.)
– Nein. (Nein, er wurde nicht entlassen.)

Antwort

Guten Tag H.,

es ist besser, diese positiv eingeleitete Frage (heißt das?) mit verneintem Inhalt (er wurde nicht entlassen) nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Logisch Veranlagte können Ihnen sicher erklären, warum die eine oder die andere Antwort eindeutig ist, doch für die Normalsterblichen ist nicht immer klar, was mit der einfachen Antwort Ja oder Nein gemeint ist. Man kann ja nicht immer davon ausgehen, dass sowohl die fragende als auch die antwortende Person die Regeln der Logik so gut beherrschen. Und daran, was richtig wäre, hat man nicht viel, wenn man sicher sein will.

Hier ein paar Beispiele, wie eine Antwort verstanden werden kann:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Ja.
= Ja, das heißt, er wurde nicht entlassen.

Eine andere relativ eindeutige Antwort ist „doch“:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Doch.
= Doch, er wurde entlassen.

Bis hierher gibt es nicht viel Zweideutiges zu verzeichnen. Schwieriger wird es bei dieser Antwort:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Nein
= Nein, das heißt, er wurde entlassen.
= Nein, er wurde nicht entlassen.

Wird mit Nein geantwortet, kann man nicht sicher sein, ob diese Antwort den einleitenden Teil Heißt das? negiert oder den eigentlichen Inhalt der Frage er wurde nicht entlassen.

Beide Antwortvorschläge, die Sie in Ihrer Frage machen, sind also möglich:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Ja = Ja, das heißt es.
– Nein = Nein, er wurde nicht entlassen.

Dummerweise kann Nein aber auch bedeuten, dass er sehr wohl entlassen wurde (s. o.).

Die Antworten ja und doch sind hier ziemlich eindeutig. Man muss aber als normalbegabtes Mitglied der Sprachgemeinschaft doch kurz nachdenken, bis man das auch so interpretiert. Bei der Antwort nein ist meiner Meinung ganz einfach unklar, was ausgesagt werden soll. Es ist deshalb zu empfehlen, keine solchen „halbverneinten“ und allgemein keine verneinten Fragen zu stellen, wenn es um etwas Wichtiges geht. Und wenn jemand Ihnen doch eine Frage mit Verneinung stellt, ist es meistens besser, nicht nur mit Ja oder Nein zu antworten (siehe auch hier).

Oder finden Sie, dass ich nicht recht habe?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Kein und nicht bei dummen Fragen

Frage

„Dumme Fragen gibt es nicht!“ Warum steht hier „nicht“ statt „kein“? Ist „kein“ nicht die Verneinung bei Substantiven ohne Artikel (hier Plural)? „Keine dumme Fragen gibt es“ klingt schon ein bisschen komisch, aber bei anderer Wortstellung ist es doch richtig: „Es gibt keine dumme Fragen“?

Antwort

Guten Tag B.,

man sagt tatsächlich:

Es gibt keine dummen Fragen.

Nur in gewissen Fällen kann man auch sagen:

Es gibt nicht dumme Fragen …

Was aber, wenn ich den Satzteil (keine) dumme Fragen im Satz an die erste Stelle setzen möchte? Ohne Verneinung ist das ganz einfach:

Es gibt dumme Fragen.
Dumme Fragen gibt es.

Mit Verneinung ist die Umstellung ein bisschen komplexer:

Es gibt keine dummen Fragen.
Dumme Fragen gibt es nicht.

Man sagt seltener auch

Dumme Fragen gibt es keine.

aber nie

*Keine dummen Fragen gibt es.

Die Verneinung ist im Deutschen ziemlich komplex. Es gibt häufig verschiedene, einander widersprechende Tendenzen und deshalb kaum „Regeln“, die in allen Fällen gelten. Das ist auch hier der Fall. Wenn im Prinzip kein stehen könnte oder müsste, aber die Verneinung durch eine Umstellung (Hervorhebung) im Satz nicht direkt vor dem Substantiv steht, verneint man den Satz oft mit nicht statt kein:

Wir verkaufen keine Einzelstücke.
Einzelstücke verkaufen wir nicht.

Sie sprechen dort keine Fremdsprachen.
Fremdsprachen sprechen sie dort nicht.

Es gibt keine dummen Fragen.
Dumme Fragen gibt es nicht.

Es gibt also auch im Bereich der Verneinung keine ausnahmslos in allen Fällen geltendend Regeln, oder: Ausnahmslos in allen Fällen geltende Regeln gibt es auch im Bereich der Verneinung nicht. Keine Regel ohne Ausnahme!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (4)

Antwort auf verneinte Fragen

Wir hatten schon einmal eine Frage zur Antwort auf oder-Fragen. Hier nun eine ähnliches Problem, nämlich die Antwort auf eine verneinte Frage:

Frage

Ich liege im Clinch mit Schülern und Kollegen betreffs der Antwort auf verneinte Fragen.

In Ihrer Deutschen Grammatik habe ich (meiner Überzeugung entsprechend) gefunden, dass auf verneinte Fragen die Antwort zur Bestätigung nein lautet, die Antwort zur Verneinung doch. Ich hatte auch keine andere Auskunft erwartet, stehe allerdings mit diesem Regelverständnis bei Schülern und Kollegen weitgehend allein.
Allgemeiner Konsens scheint zu sein, dass man auf die verneinende Frage Hast du keinen Hunger? mit ja antwortet, wenn man tatsächlich keinen Hunger hat.

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

zu Ihrer Frage über die Antwortmöglichkeiten bei verneinten Fragen:

Unbestritten ist die Verwendung von doch wenn Widerspruch ausgedrückt werden soll.

Hast du keinen Hunger? – Doch (= Widerspruch: Ich habe Hunger)

Im Allgemeinen gilt, dass die bestätigende Antwort auf eine verneinte Frage nein ist:

Hast du keinen Hunger? – Nein (= Bestätigung: Ich haben keinen Hunger)

So steht es auch auf unseren Grammatikseiten und in anderen Grammatiken. In der Sprachrealität herrscht aber im letzteren Fall einige Verwirrung. Oft wird hier auch die Antwort ja verwendet:

Hast du keinen Hunger? – Ja (= Bestätigung: Ich haben keinen Hunger)

Hier könnten verschiedene Einflüsse eine Rolle spielen. Zum Beispiel:

  • Das Antwortmuster bei negativen Adjektiven, das sich vom Antwortmuster bei verneinten Sätzen unterscheidet:

Bist du unzufrieden? – Nein (= Widerspruch: Ich bin zufrieden)
Bist du unzufrieden? – Ja (= Bestätigung: Ich bin nicht zufrieden)

Bist du nicht zufrieden? – Doch (= Widerspruch: Ich bin zufrieden)
Bist du nicht zufrieden ? – Nein (= Bestätigung: Ich bin nicht zufrieden)

  • Das Antwortmuster bei Vergewisserungsfragen. Eine Vergewisserungsfrage ist keine eigentliche Frage, sondern eine Bitte um Bestätigung (nicht ist unbetont, gut ist betont):

Hab ich das nicht gùt gemacht? – Nein (= Widerspruch: Du hast das nicht gut gemacht)
Hab ich das nicht gùt gemacht? – Ja (= Bestätigung: Du hast das gut gemacht)

Es gäbe auch noch andere Erklärungsmöglichkeiten. Klar ist in diesem Zusammenhang nur, dass im Deutschen einige Verwirrung herrscht, welche Antwort man als bestätigende Antwort auf eine verneinte Frage geben soll. Nach der Grammatik des Standarddeutschen (und auch meinem Sprachgefühl) sollte man nein verwenden. Da aber viele Leute – wie Ihre Umfrage zeigt – auch ja verwenden, empfiehlt es sich, bei wichtigen Problemen eine verneinte Fragestellung zu vermeiden. Wenn die Frage schon gestellt ist, sollte man bei der Antwort mehr als nur nein oder ja zu sagen:

Hast du keinen Hunger? – Nein, ich habe keinen Hunger

oder, standardsprachlich weniger/nicht? akzeptiert:

Hast du keinen Hunger? – Ja, ich habe keinen Hunger

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (3)