Das rätselhafte Wort sibyllinisch

Frage

Heute um die Mittagszeit habe ich auf DRS 2 den Ausdruck „sybillisch“ gehört. Weil ich nicht weiß, was das bedeutet, habe ich den Versuch unternommen, das via Duden, Brockhaus, Wikipedia etc. herauszubekommen – ohne Erfolg! Können Sie mir den Begriff erläutern?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

wahrscheinlich meinte der Sprecher oder die Sprecherin das Wort sibyllinisch oder sibyllenhaft. Beachten Sie die Reihenfolge von i und y innerhalb des Wortes. Das hilft beim Suchen. Weil ich das Wort eigentlich nie verwende, kann ich mir die Reihenfolge auch nicht merken. Ich kenne aber eine Sibylle, von der ich diese Eselsbrücke gelernt habe: „Sibylle mit i und y wie im Alphabet“. Das i steht ja auch im Alphabet vor dem y.

Das Adjektiv sibyllinisch oder sibyllenhaft gehört zum gehobenen oder literarischen Sprachgebrauch. Das ist wohl der Grund, weshalb das viel „gewöhnlicher“ klingende sibyllisch nicht üblich ist. Es bedeutet rätselhaft, geheimnisvoll oder auch wahrsagerisch. Es ist von Sibylle, dem antiken Namen weissagender Frauen, abgeleitet. Wenn jemand sibyllinische Worte spricht oder eine Frage sibyllenhaft beantwortet, ist die Aussage nicht direkt, sondern rätselhaft und geheimnisvoll verschlüsselt. Sibyllinische Worte versteht man nicht einfach so, sie müssen gedeutet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kommt Kunst von Können?

Frage

„Kunst kommt von Können“ ist eine verbreitete Plattitüde. Ich habe einmal in einem Wörterbuch gelesen „es kommt zwar von Können, jedoch meinte dieses früher ‚Kennen’ also im Sinne von ‚Wissen’ …“. Was sagen Sie?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wort Kunst kommt tatsächlich vom Verb können. Dieses Verb bedeutete nicht nur können, sondern auch kennen, vermögen und ursprünglich kennen, wissen.** Entsprechend hatte Kunst ursprünglich die Bedeutung Wissen(schaft), Fertigkeit (vgl. die sieben freien Künste). Danach erhielt es die Bedeutung durch Übung erworbene Fertigkeit, die man auch heute noch verwendet, wenn zum Beispiel jemandes Kochkunst gelobt wird oder jemandes Fahrkünste Anlass zur Sorge geben. Noch später (seit dem 18. Jahrhundert) wurde Kunst für die künstlerische, schöpferische Betätigung des Menschen und für das Produkt dieser Betätigung verwendet. Dies ist die heute am häufigsten verwendete Bedeutung von Kunst.

Bevor man nun aber ganze philosophische Betrachtungen oder gar Streitdiskussionen über das Wesen der Kunst an der Herkunft des Wortes „aufhängt“, sollte man nicht außer Acht lassen, dass die Bedeutung eines Wortes vor allem damit zu tun hat, wie wir es heute verwenden, und oft nur sehr wenig damit, was es früher einmal bedeutet hat. So kann man zwar zu Recht behaupten, dass Weib früher einfach Frau bedeutete, aber man kann das Wort Weib heute trotzdem nicht mehr losgelöst von seiner negativen Bedeutung verwenden. Wörter haben heute die Bedeutung, mit der sie heute verwendet werden. Die Antwort auf die Frage, ob das Wort Kunst von können oder von wissen kommt, sagt deshalb nicht viel darüber aus, was heute „zu Recht“ als Kunst bezeichnet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Die Verben können und wissen sind in anderen Sprachen auch heute noch eng miteinander verbunden. So verwendet man zum Beispiel in romanischen Sprachen wie Französisch und Italienisch dasselbe Verb (savoir resp. sapere) für sowohl wissen als auch für können im Sinne von die Fertigkeit haben:

Je sais ce que tu as fait. = Ich weiß, was du getan hast.
Je sais nager. = Ich kann schwimmen.

Sapete quando parte il treno? = Wisst ihr, wann der Zug fährt?
Sapete giocare a tennis? = Könnt ihr Tennis spielen?

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sic!

Frage

den zusatz (sic!) setzt einer ja wohl, wenn er ausdrücken will, der rechtschreib- oder sonstige fehler sei schon „dort“ und nicht ihm selbst unterlaufen. jetzt bitte ich um Ihre meinung zum solcherart kritisierten fehler in dem satzfragment:

„…bedeutet, mandantenorientiert zu arbeiten, nicht als abstraktes (sic!) ‘organ der rechtspflege’.“

will er sagen, es sei falsch, von einem abstrakten organ der rechtspflege zu schreiben?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wie Sie richtig schreiben, verwendet jemand den Zusatz sic, um anzugeben, dass ein Zitat exakt so lautet und nicht auf ein Versehen des Zitierenden zurückzuführen ist.  Das Wörtchen sic wird normalerweise in runde oder eckige Klammern gesetzt und kann noch mit einem Ausrufezeichen verstärkt werden. Es ist lateinisch und bedeutet so. Der Autor oder die Autorin will mit (sic) oder (sic!) meistens angeben, nicht mit dem Geschriebenen einverstanden zu sein oder zumindest daran zu zweifeln. Diese Hervorhebung wird nicht nur für Rechtschreibfehler, sondern auch für andere Sprachfehler und bei Zweifel an der Wortwahl oder dem Inhalt verwendet:

„Ich mache nie Feler [sic!].“
„Jeder Intel ist besser wie [sic] ein AMD“
Dem fügte er hinzu, dass eine Hotelübernachtung dort schließlich nur (sic!) 575 Euro pro Nacht koste.

Wenn sic sich nicht direkt auf ein Zitat bezieht, kann je nach Zusammenhang auch eine Stellungnahmen wie ausgerechnet dieser/diese, wie könnte es auch anders sein, man lese und staune, wirklich und wahrhaftig u. Ä. gemeint sein.

Unser Filialleiter (sic) meinte, wir könnten den Laden eine Stunde früher schließen.
Bis zum Ende des Spiels musste der Schiedsrichter insgesamt zwölfmal (sic!) nach der gelben oder roten Karte greifen.

In Ihrem Beispiel soll (sic!) angeben, dass das Wort abstrakt in diesem Zusammenhang falsch oder auffällig ist. Weshalb dieser Hinweis gemacht wird, kann ich, ohne den ganzen Text zu kennen, nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass kein Rechtschreib- oder Grammatikfehler vorliegt – abgesehen natürlich vom fast vollständigen Fehlen jeglicher Großbuchstaben …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mittelständische Unternehmen und mittelständige Fruchtknoten

Frage

Heißt es mittelständisch oder mittelständig?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

beide Wörter werden verwendet. Wenn Sie den Mittelstand als die gesellschaftliche oder unternehmerische Mittelschicht meinen, verwenden Sie mittelständisch. Zum Beispiel:

kleine und mittelständische Unternehmen
die mittelständische Wirtschaft

Das Wort mittelständig wird unter anderem in der Botanik benutzt. Es bedeutet in der Mitte befindlich, dazwischen befindlich. Zum Beispiel:

ein mittelständiger Fruchtknoten
die mittelständige Nasentrennwand

Man hört und liest allerdings auch hin und wieder mittelständige Unternehmen, doch standardsprachlich ist dies nicht ganz die richtig Wortwahl. Dieser unterschiedlichen Verwendung der beiden Wörter liegt übrigens keine tiefere Logik und auch keine eindeutige Grammatikregel zugrunde. Sie wird durch den allgemein üblichen Gebrauch bestimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Angst vor dem Leuchtturm?

Aus aktuellem Anlass: Das Wort Minarett geht über französisch minaret und türkisch minare auf arabisch manara zurück, wo es eigentlich Leuchtturm bedeutet. So gesehen wäre es ja gar nicht so abwegig: Welchen Sinn haben Leuchttürme in der Schweiz?

Und wenn Sie sich nur fragen, ob das zynisch gemeint ist: Ja, das ist es.

Natürlich weiß ich, dass der Ursprung des Wortes nur wenig mit der heutigen Bedeutung zu tun hat, dass es also um etwas ganz anderes als überflüssige Leuchttürme geht. Ich frage mich nur, ob der Moscheeturm und das Symbol der Bedrohung, das er sein soll, viel mehr miteinander zu tun haben. Worte und das, was sie bedeuten, verhalten sich sehr ähnlich zueinander wie Dinge und das, was sie symbolisieren. Nur weil in irgendeiner Weise ein Zusammenhang  hergestellt werden kann, braucht er noch lange nicht wahr zu sein. Je einfacher und „logischer“ einem der Zusammenhang präsentiert wird, desto vorsichtiger müsste man oft sein.

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Anzischen und zuzischen

Frage

Kann ich jemandem etwas zuzischen oder kann ich ihn nur anzischen? Ich bin der Meinung, dass ich auch jemandem etwas zuzischen kann, z.B.

Er zischte ihm zu: »Und dich will ich in meinem Büro sehen, sofort!«

Meine Freundin ist felsenfest der Meinung, es müsse heißen:

Er zischte ihn an: »Und dich will ich in meinem Büro sehen, sofort!«

Sie sieht sich darin bestätigt, dass bei CanooNet kein entsprechender Eintrag zu finden ist. Ist dem also tatsächlich so, dass es zuzischen nicht gibt? Und falls zuzischen doch möglich sein sollte, gibt es einen Unterschied zwischen anzischen und zuzischen?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

lassen Sie mich vorausschicken, dass die Tatsache, dass ein Wort nicht im Wörterbuch steht, nicht bedeutet, dass es das Wort nicht gibt. Unser Wörterbuch enthält zwar ca. 250 000 Einträge, aber damit sind lange nicht alle im Deutschen verwendeten und möglichen Wörter abgedeckt.

Die Wendung jemandem etwas zuzischen gibt es. Sie ist in jedem Fall korrekt gebildet. Viele Verben des Sagens, des Sichäußerns haben eine mit zu- abgeleitete Variante: jemandem etwas zuschreien, zurufen, zuflüstern, zuschnauben usw. Wenn Sie also zischen als eine Art des Sagens verwenden, können Sie ohne weiteres sagen, dass Sie jemandem einen Befehl, eine Verwünschung oder etwas anderes zuzischen.

Der Unterschied zwischen anzischen und zuzischen ist gleich wie der Unterschied zwischen zum Beispiel anschreien und zuschreien. Man zischt/schreit jemanden an und man zischt/schreit jemandem etwas zu:

Er zischte ihn an.
Er zischte ihm einen Befehl zu.

In Ihrem Beispiel sind beide Formulierungen möglich. Die Sicht auf das Geschehen ist leicht unterschiedlich, aber die Bedeutung ist weitgehend identisch.

Er zischte ihn an: „Und dich will ich in meinem Büro sehen, sofort!“
Er zischte ihm zu: „Und dich will ich in meinem Büro sehen, sofort!“

Vgl.

Er schrie ihn an: „Und dich will ich in meinem Büro sehen, sofort!“
Er schrie ihm zu: „Und dich will ich in meinem Büro sehen, sofort!“

Ein kleiner Unterschied liegt vielleicht darin, dass man der angezischten Person gegenüberstehen muss, während man die Person, der man etwas zuzischt, nicht unbedingt ansehen muss. Anzischen ist also direkter, konfrontierender. Wirklich freundlich gemeint ist allerdings keines von beiden.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist umsonst auch vergebens?

Frage

Woher stammt  der Begriff umsonst? Was hat es mit Wortspielen auf sich, die sagen, dass umsonst nicht vergeblich sei? Zum Beispiel:

Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, da die Ausstellung schon geschlossen hatte.
Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, weil ich eine kostenlose Mitfahrgelegenheit gefunden habe.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Wort umsonst hat drei Bedeutungen:

  1. kostenlos, ohne Gegenleistung: Ich habe es umsonst bekommen.
  2. vergebens, vergeblich: Ich habe umsonst auf ihn gewartet.
  3. (nur verneint) ohne Zweck, grundlos: Ich habe dich nicht umsonst davor gewarnt.

Nun gibt es Leute, die meinen, es sei nicht richtig, umsonst im Sinne von vergebens zu verwenden. Diese Verwendung von umsonst ist aber ebenso alt, wie sie üblich und eingebürgert ist. Solange man darauf achtet, missverständliche Formulierungen zu vermeiden, ist deshalb nichts dagegen einzuwenden. Meist gibt ja – wie in Ihren Beispielsätzen – der Satzzusammenhang an, was gemeint ist. Wenn Sie am Telefon hören: „Sie rufen umsonst an, der Kinderwagen ist schon weg“, ist ganz klar, dass Sie den Anruf vergebens und nicht kostenlos gemacht haben. Wenn man sagt: „Umsonst geht nur die Sonne auf“, ist damit nicht gemeint, dass die Sonne vergebens aufgeht, sondern dass es nun einmal nichts gratis gibt.

Das Wort geht auf mittelhochdeutsches umbe sus zurück, das eigentlich um dieses, um so bedeutete. Wenn man das Aussprechen von sus (dieses, so) mit einer wegwerfenden, herablassende Geste begleitete, bedeutete die Wendung also um nichts, für nichts (Quelle: Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“).

Wenn Sie nun hoffen, dass ich hier auf ein allzu naheliegendes Wortspiel verzichte, hoffen Sie umsonst. Ich kann es einfach nicht lassen:

Fragen Sie Dr. Bopp! Fragen stellen Sie immer umsonst, aber nie umsonst.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Entwalden, entleeren, entsinnen. Was bedeutet ent?

Frage

Als Dichter und Rezitator setze ich mich naturgemäß eingehend mit Sprache auseinander. Mir von der Logik her ungereimt Erscheinendes nutze ich gerne, um es in verdichteter Sprache nach meinem Sprachgefühl und -verständnis zu enträtseln. In diesem Zusammenhang stieß ich kürzlich auf den Begriff des Entsinnens. Woher stammt er, was will er beschreiben? Er wird ja synonym zum Begriff des Erinnerns gebraucht.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Verb entsinnen gab es schon im Mittelhochdeutschen: in den Sinn aufnehmen, sich erinnern. Heute verwendet man sich jemandes/einer Sache entsinnen mit der Bedeutung sich erinnern, sich wieder ins Gedächtnis rufen. Bei der Interpretation schwierig und gleichzeitig sehr interessant finde ich hier die Mehrdeutigkeit der Vorsilbe ent-. Sie kann nämlich je nach dem Verb, bei dem sie steht, verschiedene Bedeutungen haben. Zum Beispiel:

  • das Gegenteil zu be-: entkleiden, entwaffnen
  • das Gegenteil zu ver-: entkrampfen, entzaubern
  • das Gegenteil: enttanken, entwarnen
  • entfernen: entwalden, entrußen, entkernen
  • weggelangen, wegnehmen: entfliehen, entreißen
  • so sein rückgängig machen: entmündigen, entmutigen
  • so werden lassen: entblößen, entfremden, entleeren (bei Adjektiven, die Abwesenheit beinhalten)

In diesen Fälle bedeutet ent- im weiteren Sinne etwas wie gegen, wegnehmen, entfernen. Bei gewissen Verben hat es aber auch noch eine ganz andere Bedeutung:

  • beginnen: entbrennen, entsprießen, entstehen

Beim Verb entsinnen mit der Bedeutung erinnern hat ent- wohl am ehesten die letzte Bedeutung. Es gab früher übrigens auch ein Verb entsinnen, bei dem ent- die Bedeutung entfernen hatte: von Liebe entsinnt = durch die Liebe der Sinne beraubt.

Die Gelehrten vermuten, dass das letzte ent- (beginnen) sprachgeschichtlich nicht die gleiche Vorsilbe wie ent- mit den anderen Bedeutungen ist. Erstaunlich ist aber so oder so, dass wir, in der Regel ohne dabei nachzudenken, eine Vorsilbe verwenden und problemlos verstehen, die derart verschiedene, teilweise sogar gegensätzliche Aspekte ausdrücken kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn Satzzeichen Flügel kriegen: das Ausrufungszeichen

Frage

Ich habe gerade die beiden Begriffe Ausrufezeichen und Ausrufungszeichen nachgesehen, um herauszufinden, welches der beiden die korrekte Bezeichnung für das Zeichen ! ist, oder ob beide gleichberechtigt verwendet werden können. Nun wird beim Eintrag Ausrufungszeichen als Oberbegriff Eule angegeben, was mich zugegebenermaßen etwas verwirrt hat. Vielleicht können Sie mich diesbezüglich erleuchten?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

was das Wort Ausrufungszeichen mit einer Eule zu tun haben soll, war auch mir vorerst völlig unklar. Wenn man dann weitersucht, stellt man fest, dass die automatische Darstellung von Synonymen, Ober- und Unterbegriffen manchmal eher verwirrend als hilfreich ist. Dies gilt insbesondere bei Wörtern wie Ausrufungszeichen, die selten verwendet werden und darüber hinaus noch verschiedene Bedeutung haben. Bei solchen Wörtern ist das Risiko größer, dass im Wörterbuch nicht alle Bedeutungen abgedeckt sind.

Eulen sind natürlich Vögel. Eulen oder Eulenfalter sind aber auch eine Nachtfalterart. Zu den Eulenfaltern gehört neben zum Beispiel der Achateule, der Holzkappeneule, dem Schattenmönch, dem Schwarzen Ordensband, dem Jägerhütchen und dem Silberspinnerchen auch das Ausrufungszeichen, das auch den schönen Namen Gemeine Graseule trägt.

Ausrufungszeichen

Es stimmt also, dass Ausrufungszeichen ein Unterbegriff einer bestimmten Bedeutung von Eule ist. Im Bedeutungswörterbuch fehlt aber die bekanntere Bedeutung des Wortes, das heißt, es wird nicht angegeben, dass Ausrufungszeichen auch eine seltener verwendete Variante von Ausrufezeichen ist. Das kann zu sehr begreiflicher Verwirrung führen. Wir werden die Angaben ergänzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Über oder mehr als 100 000 Menschen?

Frage

Ständig lese ich der Zeitung – hören kann ich es selbstverständlich auch –:

Über 100 000 Menschen haben es bereits gesehen.

Meiner Kenntnis nach ist das Wort über falsch gebraucht. Es gehört in die Gruppe von an, auf, in, über, vor und zwischen. Ich meine, dass es mehr als heißen muss. Liege ich richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

das Wörtchen über wird im Deutschen – auch in der Standardsprache – vor Kardinalzahlen mit der Bedeutung mehr als verwendet:

Wir haben über eine halbe Stunde gewartet.
ein Stadt mit über 100 000 Einwohnern
die über siebzehn Jahre alten Jugendlichen

Dieser Gebrauch ist allgemein verbreitet, gebräuchlich und akzeptiert. Er wird in allen größeren Wörterbüchern angegeben.

Das ist eigentlich gar nichts Außergewöhnliches. Das Wort über gehört tatsächlich in die Reihe der Wörter wie an, auf, in, hinter, über, unter, vor, zwischen. Diese Wörter haben eine räumliche Bedeutung. Sie geben an, wie verschiedene Objekte im Raum zueinander stehen. All diese Wörter werden aber nicht nur räumlich, sondern auch in „übertragenem“ Sinne verwendet. Sehr typisch sind zeitliche Verwendungen. Die räumliche Anordnung wird in bildlichem Sinne auf die Zeit übertragen. Beispiele sind:

in dieser Woche
über
die Feiertage
vor drei Tagen
zwischen
Weihnachten und Neujahr
am Montag
die Nacht auf den Dienstag
usw.

Damit haben sie ihre Rolle in der Sprache aber noch lange nicht ausgespielt. Sie werden nämlich auch mit anderen Bedeutungen und Funktionen verwendet. Sehen Sie anhand einiger Beispiele, wo das Wörtchen über überall auftauchen kann :

über etwas nachdenken
über
alle Maßen
über
kurz oder lang
über
dem Stricken einnicken
drei Grad über Null
über
drei Meter breit
den ganzen Tag über
u.a.m.

Auch die Wendung über 100.000 Menschen mit der Bedeutung mehr als 100.000 Menschen ist, wie bereits gesagt, allgemein übliches, korrektes Deutsch.

Man verwendet ein ganz ähnliches, aus dem Räumlichen übertragenes Bild, wie wenn man von einer hohen oder einer höheren Zahl spricht. Ganz wörtlich, das heißt räumlich gesehen, sind alle Zahlen gleich „hoch“ oder „niedrig“. Als abstrakte Begriffe nehmen sie ja keinen Raum ein. Erst im übertragenen Sinne kann man sagen, dass zwanzig eine höhere Zahl ist als zehn. Das Bild stammt wohl daher, dass zum Beispiel ein Stapel von zwanzig Steinen, Holzblöcken oder Büchern höher ist als ein Stapel von zehn. Wenn es also um mehr als 100.000 Menschen geht, ist ihre Zahl höher als 100.000, d.h. sie liegt über 100.000. Von hier aus ist es dann kein großer Schritt mehr bis zu über 100.000 Menschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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