Es wird nicht mehr gemeuchelt

Heute begegnete mir das Wort – und glücklicherweise nur das Wort – Meuchelmörder. Ein Meuchelmörder ist jemand, der einen anderen Menschen heimlich und hinterhältig ums Leben bringt. Begeht eine Frau eine solchen Meuchelmord, ist sie eine Meuchelmörderin. Dies sind Wörter, die man nicht sehr oft hört und liest – meist in einem auf die Vergangenheit bezogenen Zusammenhang, in dem es um historische Figuren geht, die ihr Leben durch die Hand eines Meuchelmörders oder einer Meuchelmörderin verloren. Manchmal sind sie eher scherzhaft gemeint, zum Beispiel in der Schlagzeile „Gericht sühnt Meuchelmord an Frosch Knötti.“

Noch seltener begegnet man dem ersten Wortteil, dem Verb meucheln, und seinen Ableitungen: Wenn Sie lesen, dass ein Bösewicht sich in meuchlerischer Absicht näherte oder jemand meuchlings ermordet wurde, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass Sie eine Passage aus einem historischen Roman des Kalibers „Die drei Musketiere“ oder „Angélique“ vor sich haben. Heute wird meistens nicht gemeuchelt, sondern heimtückisch gemordet. Das Resultat ist allerdings dasselbe. Entsprechend ist die Frage der Wortwahl den Ermordeten wahrscheinlich ziemlich gleichgültig.

Das Verb meucheln bedeutete früher allgemeiner heimlich, heimtückisch handeln und geht auf ein älteres Wort muchon zurück, das (sich) verbergen, verstecken und noch früher u. a. heimlich lauern bedeutete. Mit Meuchel- beginnende Wörter gab es früher viel mehr. Ein paar schöne Beispiele aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm:

Meuchelhund = Schimpfwort für einen heimtückischen Menschen
Meuchellist = heimtückische List
Meuchellüge = heimtückische Lüge
Meuchelrotte = Bande von Meuchelmördern
Meuchelschwert = zum Meuchelmord dienendes Schwert

Mein Favorit (als Wort, nicht als Tätigkeit!):

Meuchelbrennerei = heimtückische Brandstiftung

Meuchel- ist also häufig durch Wendungen mit heimtückisch ersetzt worden. Immer noch springlebendig ist aber ein vielleicht mit meucheln verwandtes, eher umgangssprachliches Wort: mogeln. Auch wenn nicht mehr gemeuchelt wird, gemogelt wird noch immer.

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Feuerwerk

Es knallt hier schon seit gestern ziemlich oft und ziemlich laut. Viele können nicht bis heute Mitternacht warten. Ich kann es ja verstehen. Es hat etwas Schönes, Faszinierendes und Gefährliches. Mir gefällt auch das leicht altertümlich anmutende Wort: Feuer-werk.

Wenn man ein bisschen im Wörterbuch herumsucht, stellt man fest, dass es viele Zusammensetzungen mit -werk an letzter Stelle gibt. Noch erstaunlicher ist die Vielfalt der Bedeutungen dieser Wörter.

Eine erste Gruppe von auf -werk endenden Wörtern bezeichnet die Gesamtheit von etwas. Es kann etwas Natürliches sein:

Astwerk, Blätterwerk, Haarwerk, Laubwerk, Rankenwerk, Strauchwerk, Wurzelwerk

Die Gesamtheit kann aber auch etwas von Menschenhand Geschaffenes sein:

Federwerk (Uhr), Festungswerk, Mauerwerk, Räderwerk, Segelwerk, Seilwerk, Tauwerk

Beispiele von nicht ganz so konkreten Dingen:

Gesetzeswerk, Reformwerk, Vertragswerk, Regelwerk

Wörter auf –werk Bezeichnen auch Produkte bestimmter Tätigkeiten:

Backwerk, Bauwerk, Druckwerk, Knüpfwerk, Schnitzwerk

Wozu sie dienen:

Naschwerk, Schleckwerk, Räucherwerk

Woraus sie bestehen:

Maschenwerk, Netzwerk, Zuckerwerk

Weiter gibt es die Gruppe der Vorrichtungen und Maschinen, die etwas Bestimmtes tun:

Laufwerk, Triebwerk, Schöpfwerk, Förderwerk, Hebewerk, Heizwerk, Leitwerk, Mahlwerk, Rührwerk, Schaltwerk, Schlagwerk, Zählwerk

Diese Gruppe geht über in die Gruppe der Wörter, die ganze Betriebe bezeichnen, in denen etwas getan wird:

Emaillierwerk, Kopierwerk, Lieferwerk, Presswerk, Pumpwerk, Sägewerk, Schmelzwerk, Stauwerk, Walzwerk

Ganz allgemein bezeichnet Werk auch einen Betrieb, eine Fabrik.

- Betrieb nach Erzeugnis:

Betonwerk, Chemiewerk, Elektrizitätswerk, Gaswerk, Kraftwerk, Stahlwerk, Zementwerk (im weiteren Sinne auch: Hilfswerk)

- Betrieb nach Bereich:

Bergwerk, Hüttenwerk, Industrierwerk

- Ganz allgemein Betrieb:

Audiwerke, Volkswagenwerke, Siemenswerke, Stadtwerke, Zweigwerk

Die nächste große Gruppe umfasst ganz andere Bezeichnungen, nämlich die Resultate kreativen Tuns:

Bach-Werk, Bühnenwerk, Erstlingswerk, Frühwerk, Geschichtswerk, Hauptwerk, Jahrhundertwerk, Kunstwerk, Lebenswerk, Lehrwerk, Musikwerk, Nachschlag(e)werk, Prosawerk, Sprachwerk

Andere Wörter auf –werk bezeichnen die Tätigkeit selbst (und deren Resultat) unter verschiedenen Gesichtspunken:

Handwerk, Maßwerk
Einigungswerk, Pionierwerk, Zerstörungswerk
Friedenswerk, Liebeswerk
Menschenwerk, Teufelswerk
Blendwerk, Gaukelwerk
Machwerk, Flickwerk

Eine letzte Restgruppe konnte ich nirgendwo richtig einteilen:

Fuhrwerk, Grottenwerk, Schuhwerk, Stockwerk, Mundwerk

Ganz für sich allein darf heute dieses schöne Wort stehen:

Feuerwerk

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr! Falls Sie es mit Feuerwerk begrüßen, seien Sie bitte vorsichtig. Wenn man nicht gut aufpasst, kann das erste im Wort genannte Element gefährlich sein.

Dr. Bopp

PS: Bevor Sie sich nun vielleicht kopfschüttelnd ans Nachschlagen und Neueinteilen machen, beachten Sie bitte das Folgende: Diese Übersicht ist weder vollständig noch sehr genau – und auch nicht die einzig mögliche.

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Zwei Köpfe Kopfsalat

Frage

Ist „Kopfsalat“ eigentlich eine Sortenbezeichnung oder ist „Kopf“ eine Stückangabe, so dass es getrennt geschrieben werden muss?  Zum Beispiel „zwei Kopf (oder Köpfe) Salat“?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

beides ist zutreffend:

  • Kopf wird unter anderem für Gemüse verwendet, das einen runden Körper bildet, der etwa der Größe eines Kopfes entspricht. Dieses Wort Kopf wird auch als Mengenangabe verwendet:
  • ein Kopf Salat
    ein Kopf Blumenkohl
    zwei Köpfe Eisbergsalat (selten zwei Kopf …)

  • Kopfsalat ist eine bestimmte Salatsorte mit hellgrünen Blättern, die einen solchen Kopf bilden. Der wissenschaftliche Name lautet Lactuca sativa var. capitata. Das lateinische Adjektiv capitatus, capitata bedeutet hier übrigens so etwas wie mit einem Kopf, einen Kopf habend.
  • ein Kopfsalat
    zwei Kopfsalate

Wenn Sie auf dem Markt, beim Bauern oder in einer der wenigen noch bestehenden „bemenschten“ Gemüseabteilungen eines Lebensmittelgeschäftes zwei Exemplare dieser Salatsorte kaufen möchten, können Sie also zwei Kopfsalate oder zwei Köpfe Kopfsalat verlangen.

Zwei Köpfe Kopfsalat habe ich noch nie gesagt, aber ich werde es mir beim nächsten Salateinkauf wohl kaum verkneifen können. Nur schon deshalb lohnt es sich, wieder einmal Kopfsalat zu essen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ohrwürmer

Wenn man an einem Sonntagmorgen Radio hört, ist die Gefahr einer Ohrwurmattacke groß. Bei mir ist heute die Textzeile „Weine nicht, wenn der Regen fällt / dam, dam, dam, dam / Es gibt einen, der zu dir hält / dam, dam, dam, dam“ mit der dazugehörendem Melodie aus Drafi Deutschers Evergreen „Marmorstein Marmor, Stein und Eisen bricht“ in der Endlosschlaufe hängen geblieben. Ohrwürmer sind Melodien, die sich einem so einprägen, dass man sie stunden- und in hartnäckigen Fällen tagelang nicht mehr loswird. Das Bild ist relativ einfach: Wie ein Wurm bohrt sich eine Melodie ins Ohr und lässt einen dann nicht mehr in Ruhe.

Es gibt noch andere Ohrwürmer: die krabbelnden Tierchen mit dem schönen wissenschaftlichen Namen Dermaptera. Ihr deutscher Name ist eigentlich ein Doppelfehler. Es sind keine Würmer, sondern Insekten, und sie interessieren sich nicht sonderlich für Ohren. Man glaubte früher, dass Ohrwürmer in die Ohren Schlafender kriechen und sich mit ihren Zangen einen Weg durchs Trommelfeld zum Hirn bahnen, um dort Blut zu saugen oder – eine noch unangenehmere Vorstellung – ihre Eier abzulegen. Da sich Ohrwürmer wie andere kleinere Tierchen gerne in Ritzen und Spalten verstecken, ist es im Laufe der Menschheitsgeschichte sicher mehr als einmal vorgekommen, dass sich ein Ohrwurm in ein Ohr verirrt hat, aber sehr weit kann ein solches Tierchen mit seinen schwachen Zangen dort nicht vordringen.

Ohrwürmer wurden lange Zeit auch als Mittel gegen Taubheit verwendet. Eines dieser Rezepte schrieb vor, zu diesem Zweck in Hasenurin aufgelöste pulversierte Ohrwürmer zu sich zu nehmen …

Solche Überlieferungen waren nicht nur unter den Deutschsprachigen verbreitet. Auf Englischen heißt der Ohrwurm earwig (Ohr + ein altes Wort für Insekt), auf Französisch perce-oreille (Ohrenbohrer), auf Niederländisch oorworm oder oorwurm (…) und der wissenschaftliche Name des Gemeinen Ohrwurms lautet Forficula auricularia (Ohrenzänglein).

Inzwischen bin ich den musikalischen Ohrwurm leider noch nicht losgeworden: „Nimm den goldenen Ring von mir / dam, dam, dam, dam / Bist du traurig, dann sagt er dir / dam, dam, dam, dam …“ Falls ich sie nun angesteckt habe, tut mir das sehr leid. Und für alle, die diesen Ohrwurm noch nicht kennen, gibt es Youtube.

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Wenn ab morgen alle auf korrekte Adressangaben achten

Frau G. hat für ihre Frage das Kontaktformular verwendet. Dabei hat sie sich bei der Angabe ihrer E-Mail-Adresse wohl vertippt. Ich habe nämlich die Antwort postwendend zurückerhalten: user unknown, d.h. Empfänger(in) unbekannt.

Ich möchte alle Fragesteller und Kommentatorinnen wieder einmal bitten, auf die Angabe einer korrekten Antwortadresse zu achten, wenn sie das Kontaktformular verwenden. Wenn alle dies ab morgen tun, schicke ich nie mehr vergeblich Antworten ins Netz. Noch besser wäre natürlich ab heute.

Und hier dann die Antwort auf Frau G.s Frage:

Frage

Was bedeutet : „ab morgen“? Ist damit der morgige Tag gemeint oder erst der darauf folgende, also übermorgen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

ab morgen bedeutet von morgen an. Ein paar (hoffentlich) erläuternde Beispiele:

Wenn am 12. September gesagt wird, dass ein Pass ab morgen gültig ist, können Sie den Pass vom 13. September an benutzen. Der Pass ist am 13. bereits gültig.

Wenn der Zutritt ab nächstem Mittwoch nicht mehr möglich ist, bleiben die Türen bereits vom nächsten Mittwochmorgen an und nicht erst am nächsten Donnerstag verschlossen.

Wenn die Preise ab nächstem Monat erhöht werden, kann man nur noch bis zum Letzten des laufenden Monats günstiger „zuschlagen“. Am Ersten des folgenden Monats (und danach) ist es dann teurer.

Wenn ein Film für Jugendliche ab 16 Jahren freigegeben ist, dürfen Sechzehnjährige sich den Film anschauen, ohne sich älter machen zu müssen, als sie sind.

Etwas gar theoretisch ausgedrückt: Bei Zeitangaben mit ab ist die nach ab genannte Zeiteinheit inbegriffen. Bei ab morgen wird der morgige Tag also mitgezählt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Bei Zeitangaben ohne Artikelwort kann nach ab der Dativ oder der Akkusativ stehen (vgl. hier):

ab nächstem Mittwoch oder ab nächsten Mittwoch
ab nächstem Monat oder ab nächsten Monat
Jugendliche ab 16 Jahren oder Jugendliche ab 16 Jahre

PS: Eine ähnliche Frage wird hier behandelt: Bis oder bis einschließlich.

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Von Brücken, Tunneln, Unter- und Überführungen

Frage

Für die Kreuzung nicht niveaugleicher Verkehrswege oder von Verkehrswegen mit Hindernissen (Täler, Berge) finden sich in der deutschen Sprache die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung, Überführung und vielleicht weitere.

Was ist nun was?

Eine Brücke führt über etwas hinweg, ein Tunnel unter oder durch etwas hindurch. Aber wird eine Brücke zum Tunnel, wenn man unter ihr hindurch geht? Und was ist eine Unterführung/Überführung?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

verschiedene Wörter haben sehr oft nicht genau voneinander abgegrenzte Bedeutungen. Dies ist auch hier der Fall.

  • Eine Brücke führt einen Verkehrsweg über Wasser, eine Tiefe, einen anderen Verkehrsweg u. Ä. hinweg.
  • Ein Tunnel ist ein langer, unterirdisch angelegter Verkehrsweg oder Gang.
  • Eine Überführung führt einen Verkehrsweg über einen anderen Verkehrsweg hinweg.
  • Eine Unterführung führt einen Verkehrsweg unter einem anderen Verkehrsweg hindurch.

Daraus kann man schließen:

  • Eine Überführung ist in der Regel eine Brücke, aber längst nicht jede Brücke ist eine Überführung.
  • Eine Unterführung kann ein Tunnel sein. Nicht jede Unterführung ist ein Tunnel und längst nicht jeder Tunnel ist eine Unterführung.

Und zum Beispiel auch:

  • Der Weg unter einer Brücke hindurch ist kein Tunnel. Dafür ist der Durchgang in der Regel einfach nicht lang, schmal und unterirdisch genug.

Die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung und Überführung bezeichnen also unterschiedliche Konzepte, die sich teilweise überschneiden.

Das Interessante daran finde ich, dass man diese Wörter im Alltagsleben problemlos benutzt. Erst wenn man genaue, deutlich gegeneinander abgegrenzte Definitionen geben möchte, kommt man ein bisschen ins Schleudern. Die obenstehenden Definitionen decken nämlich längst nicht alle Fälle ab: Eine Autobahnbrücke, die in 136 Meter Höhe das Moseltal überspannt, ist keine echte Überführung, auch wenn sie über zwei Straßen, eine Eisenbahnlinie und einen als Verkehrsweg genutzten Fluss führt. Genauso wenig werden die beiden Straßen und die Eisenbahnlinie, die durch das Moseltal führen, an dieser Stelle Unterführungen genannt. Warum nicht? Eine andere zu klärende Frage ist zum Beispiel: Wie lange (und schmal?) muss eine Fußgängerunterführung sein, damit man sie einen Fußgängertunnel nennt? Oder muss sie einfach unterirdisch sein?

Die Definitionen müssten also verfeinert werden, damit sie auch diese und weitere Fälle abdecken. Für den normalen Sprachgebrauch ist das aber gar nicht notwendig. Wir sind, auch ohne bewusst eine genaue Definition zu kennen, in der Lage, die Wörter Brücke, Tunnel, Überführung und Unterführung richtig zu benutzen. Selbst die Tatsache, dass es zum Beispiel Brücken gibt, die einige eine Überführung nennen und andere nicht, führt in der Regel zu keinen größeren Verständigungsschwierigkeiten. Das ist, wenn man darüber nachdenkt, eines der Wunder der Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie viel ist ein Riese wert?

Frage

Bisher kannte ich das Wort „Riese“ nur in der Bedeutung „1 000 Euro“. Doch der Duden definiert es als die „höchste Banknote (einer bestimmten Währung)“. Ebenso übersetzt das italienisch-deutsche PONS-Wörterbuch das Wort „testone“ ungefähr mit „Riese“ und schreibt dies in Klammern mit „500 Euro“ um.

Meine Frage ist: Wie kommt es zu der Bedeutung „1 000 Euro“? Weil 1 000 einfach eine riesige Zahl ist oder weil die frühere Bedeutung „1 000 Deutsche Mark“ falsch in die heutige übertragen wurde?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

hier zeigt sich, wie ungenaue Wörterbuchdefinitionen zu einer „Regel“ mutieren können, die nicht stimmt. Riese war die Bezeichnung für die höchste Banknote (1 000 DM). Heute meint man – wie auch Sie sagen – mit einem Riesen 1 000 Euro, auch wenn der 500-Euro-Schein die höchste Eurobanknote ist.

In den deutschsprachigen Versionen amerikanischer und englischer Bücher und Filme wurde und wird das Slangwort grand (= 1 000 Dollar resp. 1 000 Pfund) mit Riese übersetzt. Wenn die Kidnapper im Original ein Lösegeld von fifty grand verlangen, fordern die Entführer in der Übersetzung oft fünfzig Riesen für die Freilassung der Geisel. Die höchste jemals gedruckte Dollarbanknote war aber 100 000 Dollar [!] wert und seit 1946 ist der 100-Dollar-Schein die höchste neu gedruckte Dollarnote. Beim britischen Pfund ist die 50-Pfund-Note seit dem Zweiten Weltkrieg die höchste Banknote.

Ein Riese bezeichnet also nicht die höchste Banknote einer bestimmten Währung, sondern 1 000 Einheiten gewisser Währungen. Die Dudendefinition, die Sie zitieren, ist in diesem Sinne nicht (mehr) korrekt. „Falsch“ ist also nicht die Verwendung von Riese für 1 000 Euro, sondern die Wörterbuchdefinition. Manchmal schießen Wörterbuchartikel beim Spagat zwischen einer möglichst prägnanten und einer möglichst umfassenden Beschreibung daneben.

Beim italienischen Wort testone gilt, dass mit un testone früher eine Million Lire gemeint war. Das entspricht ungefähr 500 Euro. Soweit ich verstanden habe, herrscht in Italien (noch) keine Einigkeit darüber, ob ein testone nun einer Million Euro, tausend Euro oder fünfhundert Euro (d. h, dem Gegenwert von einer Million Lire) entsprechen soll. Mit der Verwendung des deutschen Wortes Riese hat dies also nur wenig zu tun.

Die Bezeichnung Riese für 1 000 Euro lässt sich sowohl auf den „riesigen“ Betrag als auch auf die frühere Bedeutung 1 000 Mark zurückführen. Wer drei Riesen verdiente, erhielt am Ende des Monats 3 000 Mark. Wer heute drei Riesen verdient, darf ein Salär von 3 000 Euro erwarten – nicht etwa nur 1 500 Euro.

Größere Verständigungsschwierigkeiten sind in keinem Fall  zu erwarten. Bei Lohngesprächen und anderen seriöseren Verhandlungen, in denen es um größere Geldbeträge geht, bedient man sich wohl kaum je des umgangssprachlichen Ausdrucks Riese. Man sagt und schreibt in solchen Situationen tausend Euro, wenn man tausend Euro meint. In den Milieus, in denen man auch bei wichtigen Geschäften mit Riesen rechnet, weiß man auch ganz ohne Duden und Dr. Bopp sehr gut, was gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wem gehört das Brautgeschenk?

Frage

Ist ein Brautgeschenk
- das Geschenk des Bräutigams für die Braut,
- das Geschenk der Braut für den Bräutigam,
- das Geschenk von XY für die Braut
oder hat dieses Wort gar mehrere Bedeutungen?

Antwort

Sehr geehrte Frau U.,

ein Brautgeschenk ist eigentlich das Geschenk des Bräutigams für die Braut (mit dem Ziel, ihre Liebe zu gewinnen!). So wird das Wort auch in der Tierwelt unter anderem bei balzenden Vögeln verwendet: Das Männchen bringt Kerne, Zweiglein, Mücken, einen Fisch oder je nach der echten oder vermeintlichen Vorliebe seiner Angebeteten etwas ganz anderes als Brautgeschenk für das Weibchen mit. Auch im übertragenen Sinne wird Brautgeschenk manchmal in dieser Weise verwendet: „Als Brautgeschenk versprach die Baugesellschaft dem Dorf eine neue Schule.“ Man muss dabei an ein kleines, armes Dorf, eine mächtige, reiche Baugesellschaft und ein großes, lukratives Bauvorhaben denken …

Mit Brautgeschenk ist aber manchmal auch allgemein ein Geschenk von irgendjemandem für die Braut oder sogar ein Geschenk für das Brautpaar gemeint. Diese Verwendung des Wortes entspricht zwar nicht der „eigentlichen“ Bedeutung, ist aber nach der Wortstruktur begreiflich. Wenn Braut und Geschenk in einer Zusammensetzung vorkommen, heißt das nur, dass die Zusammensetzung:

- aller Wahrscheinlichkeit nach ein Geschenk ist und
- etwas mit einer Braut zu tun hat.

Welcher Zusammenhang genau besteht, bestimmt nur der Gebrauch, nicht die Struktur des Wortes. Deshalb kommen neben der eigentlichen Bedeutung dieser Zusammensetzung noch andere Verwendungen vor. Wenn Sie eine Braut sind, können Sie aber beruhigt sein: Die Bedeutung Geschenk der Braut für den Bräutigam habe ich nirgendwo gefunden. Ob ein Braugeschenk nun vom Bräutigam kommt, von jemand anderem oder sogar für das Brautpaar bestimmt ist, mindestens die Hälfte gehört immer Ihnen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Warum das 25-jährige Jubiläum nicht so alt ist

Frage

Bei uns wird wieder eine Frage heiß diskutiert. Es wird hier gesagt: „Zum 25-jährigen Jubiläum kann man nicht gratulieren, da -jährig immer eine Dauer bezeichnet.“ Klingt logisch. Kann ich aber stattdessen zum 25-jährigen Bestehen gratulieren?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

wenn man es ganz genau nimmt, kann man tatsächlich nicht zum 25-jährigen Jubiläum gratulieren. Damit wird eigentlich gesagt, dass das Jubiläum fünfundzwanzig Jahre alt wird oder fünfundzwanzig Jahre dauert.

Aber:

Die Ausdrucksweise x-jähriges Jubiläum ist auch standardsprachlich so allgemein üblich und eingebürgert, dass man sie nicht als falsch bezeichnen kann. Man könnte dagegenhalten, dass etwas nicht richtig wird, „nur“ weil alle es falsch machen. In der Sprache gilt aber, dass etwas richtig ist, wenn alle es so machen. Wörter wie zehnjährig, fünfundzwanzigjährig usw. haben also nicht zwei, sondern drei Bedeutungen:

  • x Jahre alt (ein zehnjähriges Kind, ein tausendjähriger Baum)
  • x Jahre dauernd (das zehnjährige Bestehen, der Dreißigjährige Krieg)

und in Verbindung mit Jubiläum:

  • anlässlich des x-ten Jahrestages (das zehnjährige Jubiläum)

Es ist  deshalb nicht falsch, zum 25-jährigen Jubiläum zu gratulieren, auch wenn die Jubiläum nur einen Tag und nicht etwa fünfundzwanzig Jahre dauert. Es gibt aber immer Leute, die diese Sichtweise nicht als richtig akzeptieren. Wenn Sie also ganz sicher sein wollen, dass niemand Ihnen einen Fehler vorwirft, sagen Sie, dass Sie zum 25-jährigen Bestehen oder zum Jubiläum des 25-jährigen Bestehens gratulieren.

Etwas Vergleichbares habe ich in einem älteren Blogeintrag für das Wort Geburtstag beschrieben: Wenn man fünfundzwanzig Jahre alt wird, feiert man eigentlich seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag. Es gibt zumindest Leute, die das behaupten. Das ist aber nicht richtig, weil Geburtstag im allgemeinen Sprachgebrauch nicht eine, sondern zwei Bedeutungen hat: Tag der Geburt (selten) und Jahrestag der Geburt. Wenn man fünfundzwanzig wird, feiert man also seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag und meint damit immer die zweite Bedeutung des Wortes.

Im Gegensatz zu mathematischen Begriffen, haben Sprachbegriffe sehr oft mehr als eine Bedeutung. Und diese Bedeutungen können sich im Laufe der Zeit auch noch verändern …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zweckentfremdete Ökosysteme

Frage

Im Zusammenhang mit Mobiltelefonen lese ich in der letzten Zeit öfter von sogenannten „Ökosystemen“. Damit sind (laut Medien) die Betriebssysteme gemeint, welche von den verschiedenen Herstellern auf den Geräten zum Einsatz kommen können.

Nun wundere ich mich hierbei doch etwas über das verwendete Wort „Ökosystem“, das für mich bislang eher im Zusammenhang mit Umwelt(schutz) stand. Als Servicemitarbeiter sind mir zweckentfremdete Wörter im IT-Bereich nicht unbekannt, aber kann man unterschiedliche Software-Plattformen wirklich als Ökosysteme bezeichnen?

Antwort

Guten Tag F.,

der Begriff Ökosystem wird bei Ericsson, Nokia, Sony, Samsung, Blackberry, Macintosh usw. im übertragenen Sinne verwendet. Dabei geht es tatsächlich nicht mehr um einen natürlichen Lebensraum wie einen Teich mit Fischen, Fröschen, Libellen, Mücken, Schilf, Seerosen, Wasserpflanzen, Algen, Bakterien, Bodenqualität, Klima und was sonst noch alles für dessen Funktionieren wichtig ist. Es geht im „Idealfall“ um das Zusammenspiel von Apparaten, Software, Schnittstellen, Inhalten, Services, Shops, Websites und Zubehör, die so aufeinander abgestimmt sein sollen, dass möglichst alle digitalen Bedürfnisse eines Menschen oder einer Menschengruppe abgedeckt sind. Eines der bekanntesten Beispiele sind wohl iPhone, iPod und iPad mit allem Drum und Dran (u. a. Apps) von Apple. Eine Firma verkauft nicht mehr nur einen Apparat oder ein einzelnes Betriebssystem, sondern den ganzen dazugehörenden „Lebens- und Bewegungsraum“.

Man kann diese Verwendung von Ökosystem als „Zweckentfremdung“ eines Wortes sehen. Die bildliche Verwendung von Begriffen ist aber einer der wichtigen Mechanismen bei der Benennung von Neuem. Bekannte Beispiele für den übertragenen Gebrauch von bestehenden Wörtern sind in diesem Bereich Netz und Web (Gewebe, Spinnennetz). Ob sich neue Verwendungen von bestehenden Wörtern durchsetzen oder ob sie eher Eintagsfliegen bleiben, kann nur die Zeit zeigen. (Vgl. auch diesen Beitrag.)

Ihre Frage bringt mich auf die Idee, dass man Canoonet mit alle seinen Informationen zu Wörtern und Grammatik und den Verweisungen auf ergänzende Informationen in externen Wörterbüchern auch eine Art Ökosystem nennen könnte: ein lexikales Ökosystem, ein Wörter-Ökosystem oder gar ein Vocabulary Information Ecosystem (VIES). Da allerdings die Abkürzung VIES bestimmt schon irgendwie besetzt ist und vies außerdem niederländisch für schmutzig, dreckig ist (das deutsche Wort fies kommt daher), bin ich doch dafür, dass wir einfach bei der Bezeichnung „Deutsche Wörterbücher und Grammatik“ bleiben. Man muss ja nicht jede Mode mitmachen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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