Was kann womit kollidieren?

Frage

Kann eine Auto mit einer Wand kollidieren? Oder können nur zwei Schiffe kollidieren? Ist der erste Satz korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

eigentlich kann nur Bewegliches mit Beweglichem kollidieren. Die Bedeutung von kollidieren ist zusammenprallen. Normalerweise kollidieren Fahrzeuge, Flugzeuge und Schiffe:

Das Fahrradfahrer kollidierte mit einem von rechts kommenden PKW.
Der Dampfer kollidierte mit einem Handelsschiff.
Die Boeing wäre beinahe mit einer aufsteigenden Cessna kollidiert.
Zwei Güterzüge sind außerhalb des Bahnhofs kollidiert.

Auch andere bewegliche „Einheiten“ aller Art können kollidieren:

Die Titanic kollidierte mit einem Eisberg.
Das Hubble-Weltraumteleskop fotografierte kollidierende Galaxien.
Das Mädchen rannte um den Tisch und kollidierte mit dem kleinen Bruder.

Dann gibt es natürlich auch noch – im übertragenen Sinne – kollidierende Meinungen, Interessen, Anliegen, Lösungsmodelle usw.

Man hört und liest aber auch öfters, dass Autos mit Mauern und Schiffe mit Schleusentoren kollidieren. Das ist nach der eigentlichen Bedeutung von kollidieren zumindest zweifelhaft. Es ist so richtig oder falsch, wie wenn ein Auto mit einer Mauer zusammenprallt. Man versteht es, aber stilistisch ist es doch viel besser, zu sagen, dass ein Auto auf eine Mauer prallt oder dass ein Schiff gegen ein Schleusentor prallt.

Stilistisch einwandfrei kann allerdings die Aussage eines übermäßig Beschwipsten sein, wenn er sagt, dass er auf dem Gehsteig mit einem Laternenpfahl kollidiert sei. Der Laternenpfahl musste wohl beweglich sein, denn sonst hätte er ihm ja ausweichen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn der Bus im anhaltenden Regen anhält

Vielleicht weil es gerade aufgehört hat zu regnen, kommt mir etwas Kurioses in den Sinn, das mir letzthin aufgefallen ist: Es ist nicht das Gleiche, ob ein Bus anhält oder der Regen anhält. Das eine Anhalten ist sogar ziemlich genau das Gegenteil des anderen! Wenn ein Bus anhält, dann stoppt er. Wenn der Regen anhält, dann stoppt er eben gerade nicht. Wer soll das noch verstehen? Das muss ja zu grauenvollsten Missverständnissen führen!

Das Schöne an der Sprache ist, dass es in der Regel nicht zu solchen Missverständnissen kommt. Zum Ersten bietet der Satzzusammenhang in solchen Fällen meistens genügend Informationen, um ein mehrdeutiges Wort eindeutig zu verstehen. Natürlich gibt es Fälle wie Du solltest die Absperrung umfahren (darum herum oder voll drüber?), aber sie kommen nur selten vor und lassen sich einfach vermeiden.

Im Fall von anhalten kommt als Zweites hinzu, dass dieses Verb nur in Verbindung mit einer bestimmten Art von Wörtern stoppen bedeutet und nur mit einer bestimmten anderen Art von Wörtern fortdauern. Nur wenn Menschen und von Menschen gesteuerte oder bediente konkreten Sachen wie Fahrzeuge, Maschinen und Ähnliches anhalten, bedeutet das Verb stoppen. Bei Abstrakterem oder nicht unter unserer Kontrolle Stehendem wie zum Beispiel guter Laune, Applaus, Kritik, Kopfschmerzen, Nervosität, Trockenheit, Herzenskälte oder eben Regen bedeutet es fortdauern.

Diese beiden Gruppen verdienten natürliche eine genauere Umschreibung. Die Beispiele sollen nur zeigen, weshalb es hier praktisch nie zu Missverständnissen kommt. Ich habe in meiner Laufbahn als Sprachler“ und meiner noch längeren Laufbahn als Deutschsprechender dann auch erst vor kurzem bemerkt, dass dieses Verb zwei so unterschiedliche Bedeutungen hat. Eigentlich fällt es einem erst bei ungewöhnlichen (und im letzten Fall nicht korrekten) Konstruktionen wie den folgenden auf:

Der Bus hält im anhaltenden Regen an.
Der Automobilist hielt an, weil seine Kopfschmerzen anhielten.
Die Kritik an seinem Fahrstil hielt an, er aber nicht.

Und dann haben wir noch nicht davon geredet, dass man jemanden zur Arbeit anhalten und um jemandes Hand anhalten kann …

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Jein!

Frage

Gibt es bereits ein Wort das weder Ja noch Nein beschreibt. Wie wäre es mit Jain oder Jein?

Antwort

Ein solches Wort gibt es. Es ist sogar ein ziemlich bekanntes und vielverwendetes Wort: jein.

Seine Bedeutung ist meistens ja, aber; nein, außer; einerseits ja, andererseits nein. Es verlangt normalerweise eine sowohl die Jaseite als auch die Neinseite erläuternde Ergänzung. Als allein stehende Antwort kann jein eigentlich nur scherzhaft oder abwertend gemeint sein:

Auf die Frage, ob sie bereit sei, antwortete sie mit einem eindeutigen Jein.
Im Brustton der Überzeugung antwortet er: „Jein!“
Klare Antworten erhält man von ihm nie, er sagt immer nur jein.

Falls Sie an der Groß- und Kleinschreibung interessiert sind: Es gelten die gleichen Regeln wir für ja und nein.

Ein Wort wie jein wird Kofferwort (engl. portmanteau) genannt. Der Ausdruck stammt aus dem 6. Kapitel von Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln:

“That’s enough to begin with,” Humpty Dumpty interrupted: “there are plenty of hard words there. ‘Brillig’ means four o’clock in the afternoon – the time when you begin broiling things for dinner.”

“That’ll do very well”, said Alice, “and ’slithy’?”

“Well, ’slithy’ means ‘lithe and slimy’. ‘Lithe’ is the same as ‘active’. You see it’s like a portmanteau – there are two meanings packed up into one word.”

„Das ist erst mal genug“, unterbrach Hampti Dampti, „da sind ja schon eine ganze Menge schwerer Wörter. ,Brollig’ bedeutet vier Uhr nachmittags – die Zeit also, zu der man mit dem Brodeln von Sachen für das Abendessen beginnt.“

„Das passt sehr gut“, freute sich Alice, „Und ,schleimdig’?“

„Nun, ,schleimdig’ bedeutet ,schleimig’ und ,geschmeidig’. Siehst du, das ist wie bei einem Koffer – du packst zwei Bedeutungen in ein Wort.”

(Übersetzung von Dieter H. Stündel)

Andere Kofferwörter sind zum Beispiel:

Demokratur (Demokratie + Diktatur)
Eurasien (Europa + Asien)
Teuro (teuer + Euro)
Transistor (engl. transfer + resistor)
verschlimmbessern (verschlimmern + verbessern)
Nescafé (Nestlé + Café)
Osram (Osmium + Wolfram)

Und auf gut Denglisch (Deutsch + Englisch):

Brunch (breakfast + lunch)
Infotainment (Information + Entertainment)
Podcasting (iPod + broadcasting)

Natürlich gibt es in der Sprachwissenschaft noch ein paar andere Ausdrücke für die gleiche oder ähnliche Erscheinungen: Neben den leicht verständlichen Ausdrücken wie Wortkreuzung, Wortmischung und Wortverschmelzung gibt es Begriffe wie Kontamination und Amalgamierung. Der erste klingt nach Verunreinigung und der zweite – zumindest für die Älteren unter uns – nach Zahnfüllungen. Kontaminierung geht auf das lateinische contaminare zurück, das tatsächlich durch Berührung, Verschmelzung, Vermengung verderben bedeutete. Deshalb wurden und werden manchmal nur fehlerhafte Vermengungen von Wörtern und Ausdrücken als Kontaminationen bezeichnet (zum Beispiel unzweifellos oder Auch ein blindes Huhn legt einmal ein Ei). Ein Amalgam ist in erster Linie eine Legierung mit Quecksilber. Amalgame wurden für Zahnfüllungen verwendet, sind aber in dieser Verwendung mittlerweile sehr umstritten. Im übertragenen Sinne wird das Wort auch mit der Bedeutung Mischung verwendet. Und über diesen letzten Schritt versteht man den Begriff Amalgamierung für Wörter wie jein wahrscheinlich etwas besser.

Die Sprachwissenschaft wäre nicht die Sprachwissenschaft, wenn sich alle über die genaue Definition der genannten Begriffe einig wären. Wenn Sie mich also fragen, ob alle obengenannten Wörter eindeutig Kofferwörter sind, müsste ich mit einem klaren Jein antworten.

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Die heutige Frage ist eigentlich ein Kommentar zu einem anderen Beitrag, der aber schon etwas weiter zurücklieg. Ich wollte deshalb nicht dort, sondern etwas prominenter an dieser Stelle darauf reagieren.

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Pauschale, pauschalieren und pauschalisieren

Frage

Gibt es einen Unterschied zwischen pauschalieren (meiner Meinung nach: zusammenfassen) und pauschalisieren (meiner Meinung nach: verallgemeinern)? Ich finde diesen – falls es ihn gibt – leider nirgends belegt.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Bedeutungen von pauschalieren und pauschalisieren unterscheiden sich voneinander, und zwar genau so, wie Sie es beschreiben. Auch gemäß Wörterbüchern wie Duden und Wahrig haben die beiden Verben die folgenden Bedeutungen:

pauschalieren: zu einer Pauschale zusammenfassen
pauschalisieren: stark verallgemeinern

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag zum Ursprung von Pauschale
Die beiden Verben sind von Pauschale abgeleitet. Das ist wieder einmal so ein Wort, das meine Neugierde kitzelt. Es hat auf den ersten Blick mit keinem anderen Wort zu tun. So etwas bringt mich immer wieder auf die Idee, ein Wort komme von weit her. Es tönt irgendwie russisch oder vielleicht auch ungarisch: Gulasch hat ja auch ein sch und die entfernt ähnlich klingende Puszta ist in ihrer Größe zwar nicht alles, aber immerhin viel umfassend. (Die Kenner des Ungarischen mögen mir diese allzu freien Assoziationen verzeihen.) Wie bei der Dusche, von der ich dachte, dass sie aus exotischen Gefilden komme, täusche ich mich aber sehr. Während die Dusche wenigstens noch aus dem Italienischen stammt, ist die Pauschale fast gänzlich deutschen Ursprungs.

Pauschale ist eine latinisierende Bildung zu Pauschsumme (Gesamtsumme). Latinisiert, das heißt auf Lateinisch getrimmt wurde früher des Öfteren. Das klang gewichtiger. Es ist wohl ein bisschen damit zu vergleichen, wie man heute vieles anglisiert, um up to date zu erscheinen. Das Substantiv Pauschale entstand in der österreichischen Amtssprache und wird seit dem 19. Jahrhundert im kaufmännischem Bereich verwendet.

Pausch ist eine Nebenform von Bausch, das wir heute zum Beispiel in aufbauschen und Wattebausch verwenden. Das Wort gab es schon im Mittelhochdeutschen, wo es Wulst, Bausch bedeutete, aber zu meinem Erstaunen anscheinend auch Schlag mit einer Keule. Gemäß Duden soll es über das Althochdeutsche sogar mit Beule verwandt sein. Und hier trifft sich die sehr alte mögliche Bedeutung mit einer viel neueren: Wenn man pauschalisiert, geht man ja irgendwie mit der Finesse eines Keulenschlags vor. Doch diese letzte Interpretation – so schön abrundend sie auch klingen mag – hat leider nur wenig mit seriöser Wortforschung zu tun.

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nicht müssen und nicht brauchen

Frage

Seit langem versuche ich die Frage zu klären, ob verneintes müssen und verneintes brauchen völlig gleichbedeutend sind und gleich gebraucht werden. Auf der entsprechenden Webseite von Canoo.net und in vielen Grammatiken steht, dass verneintes müssen mit der Bedeutung Notwendigkeit häufig durch nicht brauchen ersetzt wird. In der Grammatik der deutschen Sprache von D. Schulz und H. Griesbach kann man aber lesen, dass auf die unterschiedliche Wirkungsweise der Negation zu achten ist:

Inge muss ihrer Mutter nicht helfen.
(= Es besteht für sie kein Zwang, es ist ihrer freien Entscheidung überlassen.)

Inge braucht ihrer Mutter nicht zu helfen.
(= Diese Forderung ist nicht an sie gestellt worden.)

Besteht also im modernen Deutsch ein Unterschied zwischen verneintem müssen und verneintem brauchen?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

im Allgemeinen werden nicht brauchen und nicht müssen als Synonyme behandeltn (vgl. unsere Grammatik). Es gibt allerdings – wie die von Ihnen zitierte Grammatik es auch angibt – einen leichten Bedeutungsunterschied:

Du musst nicht kommen (= es besteht kein Zwang)
Du brauchst nicht zu kommen (= es ist nicht notwendig)

Dieser feine Bedeutungsunterschied ist aber lange nicht immer ersichtlich. So haben die folgenden Beispielpaare eigentlich die gleiche Bedeutung:

Du musst deswegen doch nicht weinen.
Du brauchst deswegen doch nicht zu weinen.

Ich muss morgen nicht arbeiten, weil ich frei habe.
Ich brauche morgen nicht zu arbeiten, weil ich frei habe.

Das Problem ist gelöst, du musst also nicht mehr kommen.
Das Problem ist gelöst, du brauchst also nicht mehr zu kommen.

Niemand hat es dir befohlen, du musst es also nicht tun.
Niemand hat es dir befohlen, du brauchst es also nicht zu tun.

Es liegt deshalb im täglichen Spachgebrauch oft eher an einer stilistischen Entscheidung als an der Bedeutung, dass im konkreten Fall die eine Ausdrucksweise der anderen vorgezogen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die häufigste Meise

Frage

Es geht um das Wort häufig und darum, ob dieser Satz korrekt ist:

Die Kohlmeiste ist Europas häufigste Meise.

Vom Sprachgefühl her kommt mir der Gebrauch von häufig hier komisch vor. Auf Ihrer Seite wird häufig als ein Adjektiv bezeichnet, das zur Klasse unflektiert und attributiv gehört. Wird häufig aber im heutigen Sprachgebrauch nicht viel häufiger adverbial benutzt? Und wäre im oben genannten Fall nicht auch die adverbiale Version besser:

Die Kohlmeise ist die am häufigsten vorkommende Meisenart Europas.

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

Die Kohlmeiste ist Europas häufigste Meise.

Dieser Satz ist korrekt, obwohl er auch nach meinem Sprachgefühl irgendwie „klemmt“. Nach den Angaben der Wörterbücher bedeutet häufig:

in großer Zahl vorkommend / sich wiederholt ereignend (Duden)
oft vorkommend / sich oft wiederholend (Wahrig)
oft vorkommend / wiederholt (DWDS)

In der jeweils ersten Bedeutung oft vorkommend kann häufig in Ihrem Beispielsatz stehen. Wenn man hinzunimmt, dass die Höchststufe von oft normalerweise am häufigsten ist, dann kann man sagen, dass die häufigste und die am häufigsten vorkommende das Gleiche bedeuten:

häufig = oft vorkommend,
häufiger = öfter vorkommend
die häufigste = die am häufigsten vorkommende

Mein Gefühl sagt mir aber wie das Ihre Ihnen, dass die am häufigsten vorkommende doch besser ist. Das hat bei mir damit zu tun, dass ich bei häufig immer auch die zweite Bedeutung wiederholt, sich wiederholend heraushöre: zum Beispiel in häufige Besucher, häufiges Händewaschen, ein häufiger Fehler, die häufigste Ursache usw. Und dies ist bei häufigste Meise nicht der Fall. Deshalb klingt der Satz für mich wie folgt besser:

Die Kohlmeise ist Europas am häufigsten vorkommende Meise.

Wie aber die Definitionen in den Wörterbüchern und ein paar Tests mit der Suchmaschine Google zeigen, darf häufig auch in der ersten Bedeutung oft vorkommend benutzt werden, so dass – wie am Anfang schon gesagt – auch Europas häufigste Meise korrekt ist.

Zu der Angabe in unserem Wörterbuch: Dort steht tatsächlich, dass das Adjektiv häufig unflektiert und attributiv verwendet wird. Wenn sie dem entsprechenden Link folgen, dann sehen Sie, dass unflektiert für sowohl den prädikativen (Die Meise ist häufig) als auch den adverbialen Gebrauch (Die Meise kommt häufig vor) steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Stahlaktenschrank: Die Bedeutung zusammengesetzter Wörter

Frage

Seit Jahren lässt mich eine Sache nicht ruhen. Ich habe eigentlich per Zufall auf einen Chargenaufkleber eines Stahlschrankes geschaut und folgendes gelesen:

Stahlaktenschrank
Baujahr: 1974
Nummer: xxxxxxx??

Was mich verwunderte, war die Bezeichnung Stahlaktenschrank. Nun meine Frage: Ist ein Stahlaktenschrank ein Schrank für Stahlakten oder ein Stahlschrank für Akten?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

die Wortbildungsregeln des Deutschen können Ihnen bei dieser Frage nicht behilflich sein. Wenn zwei Wörter miteinander zu einem neuen Wort kombiniert werden, bedeutet das im Prinzip nur, dass die beiden Wörter in irgendeiner Weise etwas miteinander zu tun haben.

So sind die Tischplatte und das Tischbein Teile eines Tisches. Die Tischdecke und der Tischgrill sind Dinge, die man in der Regel auf einen Tisch legt oder stellt. Eine Tischdame oder ein Tischherr ist eine Person, in deren Gesellschaft man bei einem formellen Diner am Tisch sitzt. Ein Tischgespräch ist normalerweise keine Konversation unter Möbelstücken, sondern ein bei Tisch geführtes Gespräch, und die Tischmanieren sagen in der Regel nichts über das Betragen des Tisches aus, sondern darüber, wie man sich bei Tische zu benehmen hat.

All diese zusammengesetzten Wörter sind in gleicher Weise gebildet worden und haben etwas mit Tisch zu tun. Die jeweiligen Bedeutungsbeziehungen zwischen den einzelnen Wortbestandteilen sind aber ganz unterschiedlicher Art. Die Form der Verbindung lässt also keine Rückschlüsse auf die genaue Art der Bedeutungsbeziehung zu. Vereinfacht gesagt: Nicht die Form, sondern der Satzzusammenhang und unsere Kenntnis der Welt helfen uns bei der Interpretation der genauen Bedeutung eines zusammengesetzten Wortes.

Ein Stahlaktenschrank kann also sowohl ein Aktenschrank aus Stahl als auch ein Schrank für Stahlakten sein. Die Form des Wortes gibt uns keinen Aufschluss darüber, welche Bedeutungsbeziehungen zwischen den einzelnen Teilwörtern bestehen. Nur die Kenntnis der Welt sagt uns, dass es wahrscheinlicher ist, dass es sich um einen Aktenschrank aus Stahl handelt. Es gibt viele Aktenschränke aus Stahl, während nicht anzunehmen ist, dass es speziell für Stahlakten (was immer das sein mag) gemachte Schränke gibt. Die zweite Bedeutung ist aber im Prinzip nicht ausgeschlossen. Es ließe sich relativ leicht ein Zusammenhang konstruieren, in dem ein Schrank für Stahlakten vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen fürs neue Jahr

Dr. Bopp

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grammatisch und grammatikalisch

Die folgende Frage ist nicht gerade weltbewegend – noch nicht einmal in der Welt der Grammatik –, aber sie taucht an verschiedenen Orten immer wieder auf:

Frage

Heißt es grammatische Regeln oder grammatikalische Regeln – und mit welcher Begründung?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

die Adjektive grammatisch und grammatikalisch haben im modernen Sprachgebrauch weitgehend die gleiche Bedeutung: die Grammatik betreffend. Zum Beispiel:

ein grammatisches oder grammatikalisches Problem
grammatische oder grammatikalische Regeln

Das Wort grammatisch wird im Allgemeinen und vor allem auch in der Fachsprache häufiger verwendet. Weiter kann grammatisch noch die Bedeutung nach den Regeln der Grammatik richtig geformt haben. Zum Beispiel:

grammatische Sätze von ungrammatischen Sätzen unterscheiden

Diese Bedeutung hat grammatikalisch in der Regel nicht. Deshalb ist das Wort ungrammatikalisch im Gegensatz zu ungrammatisch nicht üblich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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kostenfrei und kostenlos

Frage

Früher war alles kostenlos, heute ist es kostenfrei. Liege ich da falsch oder bin ich der einzige Verbraucher, dem dies bei diversen Anzeigen und Angeboten in letzter Zeit immer wieder auffällt? Wo ist der Unterschied? Gibt es ein Regel, wann ich welches Wort verwenden soll?

Rein betriebswirtschaftlich gesehen gibt es nichts kostenlos. In Ihrem Wörterbuch sind die beiden Begriffe untereinander als Synonym aufgeführt. Bei kostenlos führen Sie als Beispiel ein kostenloses Mittagessen im Sinne von ohne Kosten auf. Müsste es da nicht ein kostenfreies Mittagessen heißen, da die Herstellung des Essens immer mit Kosten (rein betriebswirtschaftlich gesehen) verbunden ist? Mein Lächeln ist umsonst, d.h. kostenlos und nicht kostenfrei, denn ein Lächeln kostet nichts.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Begriff kostenfrei bedeutet gemäß Duden nicht mit Kosten verbunden. Bei kostenlos steht die Definition ohne dass dafür Kosten entstehen. Von der Bedeutung her kann man also kaum von einem Unterschied sprechen. In beiden Fällen kostet es nichts. Der Wahrig behandelt die beiden Wörter dann auch als Synonyme.

Der Unterschied liegt wohl nicht in der Bedeutung, sondern eher darin, dass die beiden Wörter zu unterschiedlichen Stilebenen gehören. Während kostenlos zur allgemeinen Standardsprache gehört, kommt kostenfrei (gemäß Duden) aus der Rechtssprache. Wie Sie aber schon bemerkt haben, wird es im heutigen Deutschen – aus welchen Gründen auch immer – nicht nur in rechtlichen Kontexten, sondern fast überall verwendet. Ich finde deshalb, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen einer kostenlosen und einer kostenfreien Mahlzeit gibt. Bei beiden handelt es sich um eine Mahlzeit, für die nicht bezahlt werden muss.

Und auch beim Lächeln sehe ich keinen Unterschied, denn rein stilistisch finde ich weder ein kostenloses noch ein kostenfreies Lächeln wirklich schön. Beide Adjektive sind viel zu profan und geschäftlich, als dass sie zu einem Lächeln passen würden. Irgendwie gefällt mir deshalb “Ein Lächeln kostet nichts” viel besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Doktor ist nicht gleich Doktor

Irgendwann musste es ja geschehen. Bei einem solchen Blogtitel ist es eigentlich nur verwunderlich, dass es erst jetzt so weit ist.

Frage

Was passiert wenn ich paar harte Schläge auf die Brust, also auf das Herz kriege? Was passiert in diesem Moment ? Was sind die Folgen?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

als Sprachwissenschaftler kann ich leider keine Fragen zur Gesundheit beantworten. Ich empfehle Ihnen deshalb, sich an einen Arzt oder eine medizinische Webseite zu wenden. Auf Canoo.net finden Sie Wörterbücher, Rechtschreibinformationen und Grammatikseiten zur deutschen Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag

Ich fand die Frage sehr amüsant, und gleich darauf habe ich mich deswegen ein wenig geschämt. Lächeln darf man, aber nur ein Bildungssnob lacht darüber. Ist es denn so erstaunlich, dass einem Doktor Fragen zur Gesundheit gestellt werden? Umgangssprachlich ist Doktor ja gleichbedeutend mit Arzt. Das liegt vielleicht daran, dass man als “Normalverbraucher(in)” im Alltagsleben vor allem einer Art Doktor begegnet: dem Arzt. Dass dann nur jemand mit dem Titel Dr.med. wirklich Arzt oder Ärztin ist, aber ein Dr.phil. wie ich nicht, das können ja nicht alle wissen.

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