Vergönnen war nicht immer gleich vergönnen

Frage

In der NZZ (und in andern Zeitungen) stand zu lesen:

Im Gegensatz zu B. blieb K. und M. in den Finals über 60 Meter der Sprung aufs Podest vergönnt.

Im Walliser Boten und in den Freiburger Nachrichten stand fast dieselbe Nachricht:

Im Gegensatz zu B. blieb K. und M. in den Finals über 60 m der Sprung aufs Podest nicht vergönnt.

War der Sprung nun vergönnt oder nicht vergönnt? Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

wer recht hat, hängt davon ab, wer tatsächlich auf dem Podest stand und wer nicht. Wenn Sie für vergönnen die fast gleichbedeutenden Verben gewähren oder gönnen einsetzen, wird es vielleicht etwas deutlicher.

Gemäß der NZZ standen K. und M. auf dem Podest. Ihnen blieb im Gegensatz zu B. der Sprung aufs Podest gewährt, gegönnt oder eben vergönnt.

Nach den anderen beiden Zeitungen hingegen stand B. auf dem Podest. Den Konkurrenten K. und M. blieb der Sprung aufs Podium nicht gewährt, nicht gegönnt oder eben nicht vergönnt.

Ich vermute, dass der NZZ eine dialektale Bedeutung von vergönnen in die Tastatur gerutscht ist. In einigen Dialekten bedeutet vergönnen nämlich nicht gönnen, gewähren, sondern im Gegenteil nicht gönnen, missgönnen.

Vielleicht meinten die Autoren aber einfach fälschlich, dass vergönnen das Gegenteil von gönnen sei. Damit haben oder hätten sie nur im heutigen Deutsch falschgelegen. In früheren Zeiten konnte das ver- in vergönnen nämlich neben der heutigen Bedeutung auch eine negative Bedeutung haben: missgönnen. Als Luther in „Colloquia oder Tischreden und andere sehr erbauliche Gespräche“ unter „Sünde in den heiligen Geist“ zitierte:

Seinem Bruder Gottes Gnade vergönnen

war nicht gemein, es sei eine Sünde, seinem Bruder Gottes Gnade zu gönnen. Gemeint war vielmehr, es sei sündig, seinem Mitmenschen Gottes Gnaden zu missgönnen. (Mehr zur Geschichte von vergönnen z. B. in Grimm.)

Im heutigen Deutsch hat aber außer in einigen Dialekten nur vergönnen mit einem verstärkenden ver- überlebt: gönnen, gewähren. Deshalb stehen heute diejenigen auf dem Siegerpodest, denen der Sprung darauf vergönnt war, und diejenigen daneben, denen dieser Sprung nicht vergönnt war.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Finnisch und finnländisch

Frage

In welchem Zusammenhang sagen wir „finnisch“ und wann „finnländisch“? Ich spreche Finnisch und esse finnländischen Fisch? Stimmt das?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

die Adjektive finnisch und finnländisch werden oft wild durcheinander gebraucht, wobei man allerdings sagen muss, dass finnisch sehr viel häufiger vorkommt:

Ich spreche Finnisch, rede über die finnische Regierung und esse finnischen Fisch.

Damit ist natürlich noch nicht alles gesagt. Für Leute, die es genau nehmen und die Struktur der Adjektive wörtlich interpretieren, hat finnländisch die Bedeutung von Finnland, zu Finnland gehörend. Es bezeichnet also die Zugehörigkeit zum Land oder zum Staat Finnland. So gesehen kann man problemlos von der finnländischen Regierung sprechen. Als finnländischen Fisch könnte man noch Fisch bezeichnen, der in Finnland oder in zu Finnland gehörenden Gewässern an die Angel oder ins Netz gegangen ist. Bei der finnländischen Sprache wird es dann aber zweifelhaft, denn diese Sprache wird nicht nur in Finnland gesprochen, sondern als Minderheitensprache auch in Schweden, Norwegen, Estland und Russland. Auch Menschen, die man als ethnische Finnen bezeichnen kann und die sich dem finnischen Kulturkreis zugehörig fühlen, gibt es nicht ausschließlich innerhalb Finnlands.

Wer also finnländisch wörtlich nimmt, verwendet dieses Adjektiv nur in Zusammenhang mit dem Land Finnland. Ganz so genau muss man es meiner Meinung nach zwar nicht immer nehmen, doch wenn Sie gegen eventuelle Kritik gefeit sein wollen, halten Sie sich am besten an diese Vorgabe und reden Sie nicht von zum Beispiel der finnländischen Sprache oder der finnländischen Volkskunst, sondern nur von der finnischen Sprache und der finnischen Volkskunst.

Viel einfacher ist es allerdings, immer das viel gebräuchlichere Adjektiv finnisch zu verwenden. Es bezieht sich sowohl auf die Sprache und die Kultur als auch auf das Land und das Staatsgebilde: die finnische Sprache, die finnische Kultur, die finnische Küche; das finnische Parlament, der finnische Präsident usw. Das Wort finnländisch kann man dann den Fachleuten überlassen, die „unbedingt“ einen Unterschied zwischen der Sprach- und Kulturbezeichnung und der staatlich-politischen Bezeichnung machen wollen.

Zu guter Letzt sei noch dies gesagt:

Hyvää pääsiäistä!

So sagt man frohe Ostern auf Finnisch (wenn man weiß, wie man es ausspricht …).

Dr. Bopp

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Schnürchen, Rübchen und kleine Geschnittene

Pastagerichte gehören zumindest nördlich der Alpen nicht unbedingt zu den Klassikern des Weihnachtsmenüs. Dies ist also (noch?) nicht mein zur Adventszeit passender Blogartikel. Anlass zu diesem Thema war ein sehr gemütliches und sehr gutes Essen mit Freunden in einem ausgezeichneten italienischen Restaurant. Es gab unter anderem Ravioli mit Krebsfüllung an Zitronensauce (lecker!!). Dabei wurde mir spontan eine Frage zu diesem Gericht gestellt. Da ich nun einmal Sprachler bin, wurde ich nicht gefragt, wie ich diese Köstlichkeit zubereiten würde, vielmehr wollte man wissen, woher das Wort Ravioli kommt. Wir wussten alle, dass es das italienische Wort für gefüllte Teigtaschen ist – sie lagen ja vor uns auf dem Teller –, aber woher diese Bezeichnung im Italienischen kommt, wusste ich natürlich nicht. Ich habe es inzwischen herausgesucht und möchte Ihnen heute die Namen von ein paar bekannten und weniger bekannten italienischen Nudelsorten aufzeigen (Auwahlkriterium: Was mir schon einmal auf einer Speisekarte oder auf dem Teller begegnet ist und woran ich mich auch noch gut bis vage erinnern kann). Man soll ja hin und wieder auch einen Blick über die Sprachgrenze werfen.

  • Bucatini = kleine Gelochte (zu bucato – gelocht, durchlöchert)
  • Cannelloni = große Röhrchen (zu cannello – Rörchen, canna – Rohr)
  • Cappelletti = Hütchen (zu capello – Hut)
  • Conchiglie = Muscheln
  • Farfalle = Schmetterlinge (bei uns zu Hause hießen sie Kravättchen)
  • Fettuccine = Bändchen (kleine Bänder, zu fettuccia – Band)
  • Fusilli = Spindelchen (zu fuso – Spindel; hierzulande auch Spiralnudeln genannt)
  • Lasagne = breite Bandnudeln (das Wort geht irgendwie auf lateinisch lasanum – Kochgeschirr zurück)
  • Linguine = Züngelchen (zu lingua – Zunge)
  • Maccheroni = aus dem Süditalienischen, und dort entweder unbekannte Herkunft oder von griechisch makaría – ein mit Gerste zubereitetes Gericht; bei uns Makkaroni oder Hörnchen(nudeln) gennant.
  • Orecchiette = Öhrchen (zu orecchio/orecchia – Ohr)
  • Ravioli = Rübchen? (wahrscheinlich süditalienischer Diminutiv zu rapa – Rübe)
  • Rigatoni = Gestreifte (zu rigato – gestreift)
  • Spaghetti = Schnürchen (zu spago – Schnur)
  • Tagliatelle = kleine Geschnittene (zu tagliato – geschnitten)
  • Tortellini/Tortelloni = kleine/große Törtchen (über tortello zu torta – Torte)

Wie man sieht, lassen sich auch die Italiener bei der Bennennung ihrer Nudeln vor allem durch die Form inspirieren. Mit u. a. -elle, -ette, -etti, -ine, -ini, -oni, -ioli haben sie aber ein viel größeres Arsenal an Diminutivendungen als wir mit unseren -chen und -lein!

Ach ja: Bei den Nudeln im Titel handelt es sich also um Spaghetti, Ravioli und Tagliatelle.

Buon appetito!

Dottor Bopp

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Wir beide haben – wir haben beide

Häufig entdecke ich dank Ihren Fragen Feinheiten der Formulierung, die ich nicht bewusst kannte. Heute geht es um die Verwendung von beide, das mehrdeutiger ist, als ich gemeint hatte.

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Pronomen „beide“. Folgender Satz hat zu unterschiedlichen Meinungen geführt:

Wir haben beide den Film gesehen.

Darf hier „beide“ vom Personalpronomen getrennt stehen? Was ändert sich, wenn ich stattdessen schreibe:

Wir beide haben den Film gesehen.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beide kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Je nach Bedeutung sind verschiedene Satzstellungen üblich.

Unbetontes beide steht in der Regel mit einem Artikelwort oder nach einem Personalpronomen. Es bezieht sich zusammenfassend auf zwei Personen oder Dinge gleichzeitig (vgl. zwei):

Ihre beiden Kinder sind noch jung.
Die beiden Koffer stehen im Keller.
Wir beide haben den Film gesehen. (wir zwei; du und ich)

Betontes beide steht in der Regel ohne Artikelwort. Es gibt einen Gegensatz an, nämlich dass nicht nur eine Person oder ein Ding gemeint ist, sondern auch der/die/das andere (vgl. nicht nur … sondern auch; sowohl … als auch):

Beide Kinder sind noch jung.
Beide Koffer stehen jetzt im Keller.
Beide haben den Film gesehen. (sowohl der/die eine als auch der/die andere)

Es gibt also einerseits das zusammenfassende unbetonte beide, das mit einem Artikelwort oder nach einem Personalpronomen steht, und andererseits das mehr gegenüberstellende betonte beide, das ohne Artikelwort oder Personalpronomen steht.

Und hier sind wir dann endlich wieder beim Beispielsatz in Ihrer Frage. Wenn ich ein Artikelwort oder ein Personalpronomen verwenden will, aber auch mit betontem beide angeben möchte, dass nicht nur eines von zweien gemeint ist, verschiebt sich beide vom Bezugswort weg:

Ihre Kinder sind beide noch jung.
Die Koffer stehen jetzt beide im Keller.
Wir haben beide den Film gesehen. (nicht nur du, sondern auch ich)

Es ist also nicht ganz dasselbe, ob man wir beide haben (du und ich haben) oder wir haben beide (nicht nur du hast, sondern auch ich habe) sagt. Ich hoffe, dass der Unterschied zwischen den beiden beide ein bisschen deutlicher geworden ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dasselbe ist meist auch das Gleiche

Vor allem aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache erreichen mich immer wieder Fragen zu demselben / zum gleichen Thema. Das liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass einige hier etwas zu einer strengen Regel erheben, was in Wirklichkeit gar nicht so streng gehandhabt wird. Ich werde versuchen, hier anhand einer schon etwas älteren Frage „ein für allemal“ Klarheit zu verschaffen (was mir natürlich nicht gelingen wird):

Frage

Sprechen Rumänen und Moldawier die gleiche oder dieselbe Sprache? Gibt es einen Unterschied zwischen „das Gleiche“ und „dasselbe“?

Antwort

Sehr geehrte Frau A.,

mit der/die/das gleiche drückt man Identität aus:

Er trägt das gleiche T-Shirt wie gestern.
Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.
Sie geht in die gleiche Schule wie Maria.
Ich kaufe das gleiche Smartphone wie du.
Rumänen und Moldawier sprechen die gleiche Sprache.

Mit derselbe/dieselbe/dasselbe drückt man ebenfalls Identität aus, aber meist „nur“ Identität des Einzelnen, also wenn es um ein und dasselbe geht:

Er trägt dasselbe T-Shirt wie gestern.
Sie geht in dieselbe Schule wie Maria.
Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe Sprache.

Man verwendet derselbe/dieselbe/dasselbe eher nicht, wenn es um Identität der Art geht:

besser nicht: Sie haben beide dasselbe T-Shirt gekauft.
sondern: Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.

besser nicht: Ich habe dasselbe Smartphone in Weiß.
sondern: Ich habe das gleiche Smartphpone in Weiß.

Faustregel: Der/die/das gleiche X geht immer, derselbe/dieselbe/dasselbe X bei Identität des Einzelnen. Wenn Sie unsicher sind, was Sie nehmen sollen, wählen Sie besser der/die/das gleiche X, das ist fast immer richtig.

Das ist aber nicht ganz alles: Wenn es zu Missverständnissen kommen kann, drückt der/die/das gleiche besser die Identität der Art und derselbe/dieselbe/dasselbe besser die Identität des Einzelnen aus:

Sie fahren beide denselben Wagen (= ein Auto, in dem beide fahren)
Sie fahren beide den gleichen Wagen (= zwei Autos der gleichen Marke)

Da in Ihrem Beispiel kein solches Missverständnis entstehen kann, können Sie sowohl dieselbe Sprache also auch die gleiche Sprache verwenden:

Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe / die gleiche Sprache.

So und ähnlich sehen dies u. a. Canoonet, DWDS und die Dudengrammatik (8. Aufl., 2009, Randnr. 382).

ABER: Es gibt auch Grammatiken, die den Sonderfall zur allgemeinen Regel erheben und behaupten, dass man immer unterscheiden müsse, das heißt, dass man das gleiche X ausschließlich bei Identität der Art verwenden dürfe. Nach diesen Grammatiken, die noch häufig im Fremdsprachenunterricht verwendet werden, dürfte man also nur dieselbe Sprache sagen.

Die strenge Unterscheidung zwischen dasselbe und das gleiche kann noch relativ gut bei Kleidern und Autos, also den Standardbeispielen angewandt werden. Bei abstrakten Begriffen wie zum Beispiel Gefühlen, Gedanken und Vorstellungen grenzt es aber oft ans Philosophische, diese Unterscheidung machen zu wollen. Bei den folgenden Beispielen ist der Unterschied nur nach längerer Denkarbeit oder gar nicht zu erklären:

im selben Moment
im gleichen Moment

Ich habe dieselbe Geschichte schon einmal gehört.
Ich habe die gleiche Geschichte schon einmal gehört.

Sie hatten beide dieselbe Idee.
Sie hatten beide die gleiche Idee.

Wir sind zu derselben Schlussfolgerung gekommen.
Wir sind zur gleichen Schlussfolgerung gekommen.

Du sagst jeden Tag dasselbe.
Du sagst jeden Tag das Gleiche.

Die strenge Unterscheidung dasselbe – das gleiche ist künstlich und in vielen Bereichen auch sehr unpraktisch. Statt dasselbe X kann – auch im Standarddeutschen – das gleiche X stehen. Das kommt auf dasselbe oder eben aufs Gleiche heraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Im vierzehntägigen Rhythmus?

Ich habe mich zuerst gefragt, was an vierzehntägiger Rhythmus falsch sein soll. Warum es falsch sein könnte und ich es letztlich dennoch nicht für falsch halte, lesen Sie hier:

Frage

Auf einer Webseite, die ein Kollege von mir überarbeitet, ist von mehreren Gruppenangeboten die Rede. Bezüglich jener Gruppen, die nicht jede, sondern nur jede zweite Woche stattfinden, steht da: „Bei Gruppen mit 14-tägigem Rhythmus bitte die Termine telefonisch […] erfragen.“ Nun wurde ich gefragt, ob es nicht „mit 14-täglichem Rhythmus“ heißen muss, denn laut Duden bedeutet 14-tägig zwei Wochen dauernd, 14-täglich hingegen sich alle zwei Wochen wiederholend. Dennoch klingt „mit 14-täglichem Rhythmus“ irgendwie komisch. Um ganz sicher zu gehen, frage ich Sie.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

wenn man es genau nimmt und die genannte Unterscheidung zwischen –tägig und –täglich streng anwendet, passt hier weder vierzehntägig noch vierzehntäglich:

vierzehntägig = vierzehn Tage dauernd
vierzehntäglich = im Abstand von 14 Tagen wiederkehrend

Nicht der Rhythmus, sondern der Abstand zwischen zwei Treffen ist vierzehn Tage dauernd. Nicht der Rhythmus, sondern die Treffen sind im Abstand von vierzehn Tagen wiederkehrend. Wenn Sie es also ganz genau nehmen, weichen Sie aus auf zum Beispiel:

bei Gruppen mit einem 14-Tage-Rhythmus
bei Gruppen mit einem Rhythmus von 14 Tagen
bei Gruppen, die sich in vierzehntägigem Abstand treffen

Ganz so streng müssen Sie aber in diesem Fall nicht sein. Oft ist es recht wichtig, welche Form man wählt (vgl. hier). So freuen sich die Großeltern vielleicht über den vierzehntäglichen Besuch der fünf dynamischen Enkelkinder, aber ein vierzehntägiger Besuch wäre ihnen doch etwas zu anstrengend. Ich finde dreimonatliche Arbeitstreffen eindeutig weniger belastend als dreimonatige Arbeitstreffen. In Verbindung mit Rhythmus ist diese Verwechslungsgefahr aber nicht gegeben. Sie können es deshalb auch ein bisschen weniger genau nehmen und die häufig vorkommende und gut verständliche Formulierung mit vierzehntägig verwenden:

bei Gruppen mit vierzehntägigem Rhythmus

Das Adjektiv vierzehntägig drückt hier nur aus, dass der Rhythmus etwas mit vierzehn Tagen zu tun hat, womit eigentlich alles klar wäre. Ein kleines Wort der Warnung ist allerdings angebracht: Wenn Sie sich für die Formulierung mit vierzehntägigem Rhythmus entscheiden, sind Kopfschütteln oder Kommentare von Menschen, die es ganz genau nehmen, nicht auszuschließen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Parfum oder Schaumwein?

Auch oder gerade auf einer Ebene der Umgangssprache, derer man sich bei formelleren Gelegenheiten und in gehobeneren Kreisen besser nicht bedient, gibt es regionale Unterschiede. Nehmen wir einmal das Wort Nuttendiesel, das mir dieses Wochenende wieder einmal über den Weg gelaufen ist. Interessant daran ist, dass es bei Nuttendiesel für einmal nicht um unterschiedliche Bezeichnungen für dasselbe geht, sondern um dieselbe Bezeichnung für Unterschiedliches. Diese ausdrucksstarke Wortzusammensetzung hat nämlich mehr als eine „offizielle“ Bedeutung.

Allgemeindeutsch bezeichnet Nuttendiesel meistens ein billiges, aufdringlich riechendes Parfum, dessen Verwendung man offenbar vor allem den Prostituierten zuschreibt. Die Geruchsintensität von Nuttendiesel lässt sich wie folgt umschreiben: Wenn eine nuttendieselbesprühte Person ganz vorn in die Straßenbahn einsteigt, kommt man spätestens dann, wenn die Straßenbahn sich in Bewegung setzt, auch auf dem allerhintersten Sitzplatz in den vollen Riechgenuss, selbst bei leichtem bis mittelschwerem Schnupfen. Oder: Die Windstärke muss beinahe orkanartig sein, wenn man Nuttendiesel nicht auch gegen den Wind schon von Weitem deutlich riecht. Den gleichen Effekt haben allerdings auch gewisse sehr teure, moschusschwangere Eaux de Parfum (Beispiele für Kenner und Kennerinnen: das französische äquivalent von Gift im Damenbereich und der griechische Name für die Statue eines jungen Mannes bei den Herrendüften).

In der Schweiz ist Nuttendiesel in der Regel etwas anderes. Stark riechende Parfums werden oft politisch ziemlich unkorrekt mit Hilfe der Wörter stinken und morgenländisches Puff charakterisiert. Nuttendiesel hingegen ist Sekt oder Champagner. Das Bild, das aufgerufen wird, ist ziemlich derb: Sekt als Treibstoff für Prostituierte. Es widerspiegelt aber in einem Wort treffender und realistischer das Ambiente der Animierwelt, als dies die frivole Champagnerseligkeit in zum Beispiel „Da geh ich zu Maxim“ aus Franz Lehars „Lustiger Witwe“ tut. Ein fröhlicherer Ausdruck, den ich sehr mag, ist übrigens das Dialektwort Chlöpfmoscht, also Knallmost, das man für die Menschen nördlich der Weißwurstgrenze wohl am besten mit Knallsaft übersetzt.

Natürlich benutzen Leserinnen und Leser dieses Blogs nie und nimmer derbe Ausdrücke wie Nuttendiesel. Aber wenn Sie es trotzdem einmal hören sollten, wissen Sie nun, dass nicht immer und überall dasselbe gemeint ist.

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Rund ein Dutzend und ein rundes Dutzend

 Frage

„… präsentierte die Geschäftsführung einem runden Dutzend Vertretern …“

Müsste es nicht heißen: „… rund einem Dutzend …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das hängt davon ab, was im Text, den Sie zitieren, genau gesagt werden soll. Beide Formulierungen sind möglich, es gibt aber einen kleinen Bedeutungsunterschied:

rund ein Dutzend = ungefähr/etwa ein Dutzend
ein rundes Dutzend = ein ganzes/volles Dutzend

Ebenso zum Beispiel:

Rund eine Woche ist vergangen = ungefähr eine Woche
Eine runde Woche ist vergangen = eine volle Woche

Sie hat damit rund eine Million verdient = etwa eine Million
Sie hat damit eine runde Million verdient = eine ganze Million

Es hängt also davon ab, ob ein ganzes Dutzend oder ungefähr ein Dutzend gemeint ist, welche der beiden Formulierungen in Ihrem Text stehen sollte.

In vielen Fällen ist das aber gar nicht so wichtig. Ob sie nun ungefähr eine Million oder eine ganze Million verdient hat, macht nicht viel aus; der Nachdruck liegt in einer solchen Aussage gewöhnlich auf eine Million. Ob ich nun eine runde Stunde oder rund eine Stunde über diesem Text gebrütet habe, ist nicht so interessant; eine Stunde ist so oder so (zu) lang.

Das erklärt auch, warum der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Wendungen beim Formulieren nicht immer streng eingehalten wird und umgekehrt für das Verständnis häufig gar nicht relevant ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ganz kann ganz schwierig sein

„Das hast du ganz gut gemacht.“ Heißt das nun, dass ich es wirklich sehr gut gemacht habe, oder heißt es, dass ich es nur einigermaßen gut gemacht habe? Für Muttersprachige ist in der Regel sofort klar, welche dieser beiden Interpretationen im konkreten Fall gemeint ist. Für Deutschlernende kann dies aber ziemlich verwirrend sein.

Frage

Ich bin ziemlich fortgeschrittene DaF-Lernerin, habe aber manchmal Fragen zu einigen Feinheiten der deutschen Sprache. Ich wurde mal angewiesen, dass das Wort „ganz“ in der Kombination „ganz gut“ eine andere Bedeutung hat als mit anderen Wörtern (ganz schön, ganz früh etc.). Das bedeute nicht „sehr, sehr gut“ sondern werde eher ironisch gemeint und als „nicht besonders gut“ verstanden. Stimmt es oder nicht?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

es stimmt, dass das Adverb ganz nicht nur eine verstärkende Bedeutung, sondern auch eine einschränkende Bedeutung haben kann. Diese recht widersprüchlichen Bedeutungen kann ganz bei allen Adjektiven haben, nicht nur bei zum Beispiel gut. Welches die gemeinte Bedeutung ist, merken geübte Sprecher und Sprecherinnen am Kontext und an der Betonung.

Wenn ganz verstärkend gemeint ist (= sehr, besonders), ist es betont:

Das hast du gánz gut gemacht!
Ich finde das Bild gánz schön, weil die Farben so leuchten.
Wir mussten gánz früh aufstehen, um die Delphine sehen zu können.

Wenn ganz einschränkend gemeint ist (= ziemlich, relativ, eingermaßen), ist es unbetont. Es wird dann häufig von einer einschränkenden Angabe begleitet:

Das hast du ganz gút gemacht, aber du warst auch schon besser.
Dafür dass das Bild eigentlich nicht meinen Geschmack trifft, finde ich es ganz schön.
Ich habe nicht viel Neues gelernt, aber es war doch ganz interessánt.

In der gesprochenen Sprache hilft die Betonung (betont = sehr, unbetont = ziemlich). In der geschriebenen Sprache ist es nicht immer so einfach. Oft hilft dann erst der weitere Satzzusammenhang beim Verständnis, welche Bedeutung von ganz gemeint ist. Und manchmal hilft auch das nichts: Die Interpretation von ganz kann manchmal ganz schwierig sein.*

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Dann hilft beim Schreiben nur das Ausweichen auf eine andere Formulierung, also je nachdem was gesagt werden soll:

Die Interpretation von ganz kann manchmal sehr/wirklich schwierig sein.
Die Interpretation von ganz kann manchmal recht/ziemlich schwierig sein.

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Wann genau ist nächsten Freitag?

Wenn ich am Dienstag sage, dass ich Sie am nächsten Freitag besuchen möchte, und Sie geneigt sind, mich zu empfangen, erwarten Sie mich dann in drei Tagen oder in zehn Tagen? Das ist eine Frage, die die deutsche Sprachgemeinschaft spaltet. Quer durch Regionen, Gesellschaftsgruppen, ja sogar Familien verläuft die Scheidungslinie. Fragen Sie doch probehalber einmal ein paar Leute in Ihrer Umgebung. Auch Herr J. und seine Frau sind sich nicht darüber einig. Klarheit schaffen kann übrigens auch ich nicht.

Frage

Ich bin eigentlich auf der Suche nach der Bedeutung von „nächsten Freitag“. […] Ist die Bedeutung „nächster Freitag“ eine allgemein übliche Redewendung in der deutschen Sprache für einen Tag in der nächsten Woche, oder kann er noch in dieser Woche stattfinden?
Wenn man im Netz sucht, dann sind die Meinungen recht gespalten. […]

Antwort

Sehr geehrter Herr J.,

Ihr Eindruck täuscht Sie nicht: Die deutsche Sprachgemeinschaft ist sich nicht darüber einig, was genau mit nächsten Freitag gemeint ist. Die einen meinen den erstkommenden Freitag, die anderen den Freitag der erstkommenden Woche. Das ist am Freitag und am Samstag kein Problem, denn dann sind der erstkommende Freitag und der Freitag der erstkommenden Woche ein und derselbe Tag. Am Sonntag wird es schon schwieriger, weil nicht allen immer klar ist, zu welcher Woche er eigentlich gehört, zur vorhergehenden oder zur kommenden.

Doch wer hat nun an einem Dienstag recht? Dauert es nur drei Tage oder volle zehn Tag bis zum nächsten Freitag? Obwohl schon viele Diskussionen und Debatten darüber geführt wurden – oder vielleicht gerade deshalb – kann diese Frage meiner Meinung nach nicht entschieden werden. Beide Interpretationen sind gebräuchlich und beide sind mehr oder weniger gleich „logisch“ (vgl. auch hier). Die einen nennen nun einmal diesen Freitag und nächsten Freitag, was die anderen als nächsten Freitag und übernächsten Freitag bezeichnen.

Eine Angabe wie nächsten Freitag kann also schnell einmal zu Missverständnissen führen. Wenn es wirklich wichtig ist, fragen Sie am besten sicherheitshalber nach, ob Ihr Gegenüber zur gleichen Gruppe „Nächsten-Freitag-Sager und -Sagerinnen“ gehört wie Sie. Sie können auch auf Formulierungen wie kommenden Freitag und nächste Woche Freitag ausweichen, die viel weniger missverständlich sind. Und wenn Sie der Sache einmal gar nicht trauen, gibt es immer noch die Angabe des Datums. Man kann glücklicherweise wenigstens davon ausgehen, dass ohne anderslautende Angaben alle immer das Datum nach dem gregorianischen Kalender meinen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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