Ganz kann ganz schwierig sein

„Das hast du ganz gut gemacht.“ Heißt das nun, dass ich es wirklich sehr gut gemacht habe, oder heißt es, dass ich es nur einigermaßen gut gemacht habe? Für Muttersprachige ist in der Regel sofort klar, welche dieser beiden Interpretationen im konkreten Fall gemeint ist. Für Deutschlernende kann dies aber ziemlich verwirrend sein.

Frage

Ich bin ziemlich fortgeschrittene DaF-Lernerin, habe aber manchmal Fragen zu einigen Feinheiten der deutschen Sprache. Ich wurde mal angewiesen, dass das Wort „ganz“ in der Kombination „ganz gut“ eine andere Bedeutung hat als mit anderen Wörtern (ganz schön, ganz früh etc.). Das bedeute nicht „sehr, sehr gut“ sondern werde eher ironisch gemeint und als „nicht besonders gut“ verstanden. Stimmt es oder nicht?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

es stimmt, dass das Adverb ganz nicht nur eine verstärkende Bedeutung, sondern auch eine einschränkende Bedeutung haben kann. Diese recht widersprüchlichen Bedeutungen kann ganz bei allen Adjektiven haben, nicht nur bei zum Beispiel gut. Welches die gemeinte Bedeutung ist, merken geübte Sprecher und Sprecherinnen am Kontext und an der Betonung.

Wenn ganz verstärkend gemeint ist (= sehr, besonders), ist es betont:

Das hast du gánz gut gemacht!
Ich finde das Bild gánz schön, weil die Farben so leuchten.
Wir mussten gánz früh aufstehen, um die Delphine sehen zu können.

Wenn ganz einschränkend gemeint ist (= ziemlich, relativ, eingermaßen), ist es unbetont. Es wird dann häufig von einer einschränkenden Angabe begleitet:

Das hast du ganz gút gemacht, aber du warst auch schon besser.
Dafür dass das Bild eigentlich nicht meinen Geschmack trifft, finde ich es ganz schön.
Ich habe nicht viel Neues gelernt, aber es war doch ganz interessánt.

In der gesprochenen Sprache hilft die Betonung (betont = sehr, unbetont = ziemlich). In der geschriebenen Sprache ist es nicht immer so einfach. Oft hilft dann erst der weitere Satzzusammenhang beim Verständnis, welche Bedeutung von ganz gemeint ist. Und manchmal hilft auch das nichts: Die Interpretation von ganz kann manchmal ganz schwierig sein.*

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Dann hilft beim Schreiben nur das Ausweichen auf eine andere Formulierung, also je nachdem was gesagt werden soll:

Die Interpretation von ganz kann manchmal sehr/wirklich schwierig sein.
Die Interpretation von ganz kann manchmal recht/ziemlich schwierig sein.

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Wann genau ist nächsten Freitag?

Wenn ich am Dienstag sage, dass ich Sie am nächsten Freitag besuchen möchte, und Sie geneigt sind, mich zu empfangen, erwarten Sie mich dann in drei Tagen oder in zehn Tagen? Das ist eine Frage, die die deutsche Sprachgemeinschaft spaltet. Quer durch Regionen, Gesellschaftsgruppen, ja sogar Familien verläuft die Scheidungslinie. Fragen Sie doch probehalber einmal ein paar Leute in Ihrer Umgebung. Auch Herr J. und seine Frau sind sich nicht darüber einig. Klarheit schaffen kann übrigens auch ich nicht.

Frage

Ich bin eigentlich auf der Suche nach der Bedeutung von „nächsten Freitag“. […] Ist die Bedeutung „nächster Freitag“ eine allgemein übliche Redewendung in der deutschen Sprache für einen Tag in der nächsten Woche, oder kann er noch in dieser Woche stattfinden?
Wenn man im Netz sucht, dann sind die Meinungen recht gespalten. […]

Antwort

Sehr geehrter Herr J.,

Ihr Eindruck täuscht Sie nicht: Die deutsche Sprachgemeinschaft ist sich nicht darüber einig, was genau mit nächsten Freitag gemeint ist. Die einen meinen den erstkommenden Freitag, die anderen den Freitag der erstkommenden Woche. Das ist am Freitag und am Samstag kein Problem, denn dann sind der erstkommende Freitag und der Freitag der erstkommenden Woche ein und derselbe Tag. Am Sonntag wird es schon schwieriger, weil nicht allen immer klar ist, zu welcher Woche er eigentlich gehört, zur vorhergehenden oder zur kommenden.

Doch wer hat nun an einem Dienstag recht? Dauert es nur drei Tage oder volle zehn Tag bis zum nächsten Freitag? Obwohl schon viele Diskussionen und Debatten darüber geführt wurden – oder vielleicht gerade deshalb – kann diese Frage meiner Meinung nach nicht entschieden werden. Beide Interpretationen sind gebräuchlich und beide sind mehr oder weniger gleich „logisch“ (vgl. auch hier). Die einen nennen nun einmal diesen Freitag und nächsten Freitag, was die anderen als nächsten Freitag und übernächsten Freitag bezeichnen.

Eine Angabe wie nächsten Freitag kann also schnell einmal zu Missverständnissen führen. Wenn es wirklich wichtig ist, fragen Sie am besten sicherheitshalber nach, ob Ihr Gegenüber zur gleichen Gruppe „Nächsten-Freitag-Sager und -Sagerinnen“ gehört wie Sie. Sie können auch auf Formulierungen wie kommenden Freitag und nächste Woche Freitag ausweichen, die viel weniger missverständlich sind. Und wenn Sie der Sache einmal gar nicht trauen, gibt es immer noch die Angabe des Datums. Man kann glücklicherweise wenigstens davon ausgehen, dass ohne anderslautende Angaben alle immer das Datum nach dem gregorianischen Kalender meinen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Schwere und schwierige Aufgaben

Frage

Die deutsche Grammatik ist in gedruckter Form sicherlich recht SCHWER. Für manch einen ist sie auch SCHWIERIG. Wenn mir die Grammatik mal wieder Rätsel aufgibt, stehe ich dann vor einem SCHWEREN oder vor einem SCHWIERIGEN Problem? Das vor mir liegende Sudoku wird übrigens mit dem Schwierigkeitsgrad „schwer“ eingestuft. Ich find’s irgendwie schwierig.

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

sie stehen vor einem schweren oder vor einem schwierigen Problem. Beides ist möglich. Das Wort schwer hat unter anderem die Bedeutung mit Schwierigkeiten verbunden, nicht leicht zu bewältigen. Es gibt vielleicht einen leichten Bedeutungsunterschied zwischen schwierig und schwer:

  • eine schwierige Aufgabe = eine komplexe, ein hohes Maß an Fähigkeit(en) verlangende Aufgabe
  • eine schwere Aufgabe = eine große Mühe bereitende Aufgabe

Diese Bedeutungen werden aber nicht streng voneinander getrennt  – nur schon deshalb, weil nur Genies und in Einzelbereichen auch gute Fachleute eine komplexe Aufgabe, die ein hohes Maß an Fähigkeiten verlangt, ohne allzu große Mühe bewältigen – und auch denen gelingt es nicht immer. Es ist deshalb oft nur eine Frage des persönlichen Stils, ob Deutsch schwer oder schwierig ist, ob man eine schwere oder eine schwierige Aufgabe vor sich hat und ob dies ein schweres oder ein schwieriges Problem ist. Nun ja, beim Problem finde ich es stilistisch eigentlich besser, von einem großen Problem zu reden.

Ganz ähnlich sieht es übrigens auch bei leicht und einfach aus. Eine Aufgabe, die keine Mühe kostet, kann sowohl leicht als auch einfach genannt werden. Deshalb können Sudokus als leicht-mittel-schwer oder einfach–mittel­–schwierig, aber auch als leicht–mittel–schwierig oder einfach–mittel–schwer eingestuft werden.

Dies alles gilt nur dann, wenn es um die Bedeutung viel/wenig Fähigkeiten erfordernd, mit viel/wenig Schwierigkeiten verbunden geht. Wenn es z. B. um das physische Gewicht geht, passen nur schwer und leicht, nicht aber schwierig und einfach. Das Folgende gilt allerdings „trotzdem“: Wer sich des Körpergewichts wegen auf Diät gesetzt hat, weiß, dass es einfach ist, schwerer zu werden, aber um einiges schwieriger, wieder leichter zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie aufgebläht ist vorprogrammiert?

Kein neues Thema, aber nun hat es auch „Dr. Bopp“ erreicht: vorprogrammieren.

Frage

Ist das Wort „vorprogrammieren“ eigentlich korrekt? Die Vorsilbe „pro“ bedeutet ja schon „vor“. Oder gibt es einen semantischen Unterschied zwischen „programmieren“ und „vorprogrammieren“?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

programmiert wird immer vorher. Ein Programm gibt ja an, wie etwas verlaufen soll. So gesehen ist es also überflüssig, noch ein vor- vor das Verb zu stellen. Es gab und gibt dann auch verschiedene „Sprachpfleger“ und Stilbücher, die vorprogrammieren unter anderem als „überflüssiges Blähwort“ verdammen. Wenn vorprogrammieren die Bedeutung (den Ablauf) in einem Programm festlegen hat, sollte man tatsächlich auch einfach programmieren verwenden. Dennoch weiß sich vorprogrammieren im deutschen Wortschatz zu behaupten, und dies meiner Meinung nach ganz zu Recht.

Mit vorprogrammiert ist oft gemeint, dass etwas einer Sache innewohnt, dass es unausweichlich ist:

Damit ist ein Streit zwischen den beiden schon vorprogrammiert.
Das Fehlen eines Parkkonzepts programmiert ein Parkplatzproblem bereits vor.

Bei dieser Verwendung von vorprogrammieren verdeutlicht vor-, dass im Unterschied zu programmieren nicht eine bewusste, gewollte Handlung gemeint ist.

Mit vorprogrammieren kann auch unterstrichen werden, dass etwas programmiert wird, bevor man selbst dazu kommt, es zu programmieren:

Die Bildeinstellung wurde vom Hersteller vorprogrammiert.
Sein ganzes Leben war vorprogrammiert.

Das vor- ist also mehr als nur eine Verdopplung. Es fügt weitere Bedeutungselemente hinzu. Diese Art der Verdopplung ist bei Verben keinswegs ungebräuchlich. Im Deutschen haben wir nämlich die Neigung, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist – manchmal sogar ohne hinzukommende Bedeutungselemente. Ein paar Beispiele:

vom Tisch herunterfallen
aus dem Fenster hinausblicken
den Drachen im Wind aufsteigen lassen
Mehl in Säcke einfüllen
alte Möbel aufpimpen (pimpen heißt schon aufmotzen)
im nachfolgenden Text
mit aufgeblähten Segeln
ohne Vorankündigung

Ganz allein steht das Wort vorprogrammieren mit seiner „Verdopplung“ also nicht im deutschen Wortschatz – und bei Weitem nicht all diese „Verdopplungen“ sind einfach nur aufgebläht.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

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Wurde der Torwart elegant umspielt oder grob umgespielt?

Frage

Canoonet gibt die Partizip-II-Form von „umspielen“ mit „umspielt“ an. Was ist aber mit der Form „umgespielt“? Zum Beispiel: Wenn ein Fußballer am Torwart vorbeispielt, dann hat er ihn „umspielt“. Was ist aber, wenn er so spielt, dass der Torwart umfällt? Hat er den Torwart dann „umgespielt“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Form umgespielt lässt sich problemlos bilden. Wenn der Torwart wegen rüden Spiels zu Fall kommt und das Verb spielen bei der Beschreibung des Vorfalls eine Rolle spielen soll, kann man umspielen mit betontem um verwenden:

umspielen – spielte um – hat umgespielt

Das trennbare Verb umspielen bedeutet dann durch (grobes) Spielen zu Fall bringen:

Er spielte den Torwart um. Er hat ihn umgespielt.

Wenn der Ball hingegen elegant um den Torwart herumgespielt wird, wird der gute Mann umspielt:

Er umspielte den Torwart. Er hat ihn umspielt.

Das trennbare úmspielen ist aber eher eine Gelegenheitsbildung, die stilistisch vielleicht nicht allen gleich gut gefällt.

Die trennbaren Vorsilbe um ist im Deutschen produktiv, das heißt, mit ihr können neue Verben gebildet werden. Diese Verben drücken unter anderem aus, dass jemand oder etwas aus dem Gleichgewicht, zum Umfallen gebracht wird. Zum Beispiel:

umfächeln, fächelte um, hat umgefächelt
Die Baronin fächelte mit ihrem Spitzenfächer verärgert das Kartenhaus um.

umflattern, flatterte um, hat umgeflattert
Der große Vogel hat den kleine einfach umgeflattert.
Die Taube flatterte beinahe das Limonadenglas um.

umspülen, spülte um, hat umgespült
Die große Welle hat mich einfach umgespült.

umbeamen, beamte um, hat umgebeamt
Mit der Waffe beamst du alle Aliens sofort um!

umrütteln, rüttelte um, hat umgerüttelt
Laternenmast umgerüttelt: Jugendliche schafften es nach mehreren Versuchen, einen Laternenmast komplett zu Fall zu bringen, weil er durch das Rütteln an einer Schweißnaht durchbrach.
Auch auf der Ladefläche eines Lastwagens stehend, kann man auf schlaglochreicher Straße umgerüttelt werden.

umdrücken, drückte um, hat umgedrückt
Münze nicht zur Hand – Schranke umgedrückt!

usw.

Nicht all diese Bildungen sind jeweils in den Wörterbüchern verzeichnet, vor allem diejenigen nicht, die man den selbsterklärenden Gelegenheitsbildungen zurechnen kann. Das gilt übrigens auch für Verbableitungen mit den Präfixen ab-, auf-, aus-, durch-, unter-, über- usw. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das noch lange nicht, dass es das Wort nicht gibt! Damit würden unserer Sprache viel zu enge Zügel angelegt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Loszählen

Eine Iranerin, die Deutsch studiert hat, beschäftigt sich mit einem älteren deutschen Text und kommt beim Wort loszählen nicht mehr weiter. Hätten Sie auf Anhieb gewusst, was dieses Verb im unten zitierten Text bedeutet? Gemeint ist jedenfalls nicht anfangen zu zählen …

Frage

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen, ob in dem unten stehen Satz los zum Verb zählen gehört. Ich möchte auch gerne wissen, ob ihrer Bürgerschaft Genitiv ist und ob des Friedens Geiseln Genitiv zu ihrer Bürgschaft ist.

Der Krieg zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln*
[Franz Grillparzer, Weh dem der lügt, 1. Akt]

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Grillparzers Lustspiel Weh dem der lügt ist ein Text, der auch für „unvorbereitete“ Muttersprachige nicht immer leicht verständlich ist.

Der Krieg zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln*

Das Nachdenken beginnt hier beim Verb loszählen, das heute nicht mehr gebräuchlich ist (auch ledig zählen, vgl. Grimm, zählen, Bedeutung 5). Seine Bedeutung ist jemanden von etwas lösen, befreien. Zum Beispiel:

Gefangene wurden, wenn sie Glück hatten, losgezählt („seines gefengnus loszzuzcelen „)

Jemand konnte mit den Worten „du bist hiermit losgezehlet, und die sache ist dir vergeben“ von einem Bann befreit werden.

Es war einer Frau nicht erlaubt, sich „anderweit“ zu verloben, „ehe sie von ihrem ersten breutgam … ordentlicher weyse loßgezehlet“.

Manchmal konnten auch Dinge losgezählt werden: „eigenhändige privattestamente sind von allen förmlichkeiten losgezählt“

(Beispiele aus dem Deutschen Rechtswörterbuch, Stichwort loszählen)

Wie die Beispiele zeigen wurde loszählen meist mit von verbunden. Man konnte aber auch einer Sache losgezählt werden. Grillparzer verwendet die Konstruktion mit dem Genitiv:

Der Kriegt zählt sie ihrer Bürgschaft los.

Es steht noch ein weiterer Genitiv in diesem Satz: des Friedens. Es handelt sich dabei um ein Genitivattribut, das dem Bezugswort Geiseln vorangestellt ist:

des Friedens Geiseln = die Geiseln des Friedens

In modernerem Deutsch und ohne das Versmaß zu beachten lassen sich Grillparzers Worte ungefähr so umschreiben:

Der Krieg befreit die Geiseln des Friedens aus ihrer Bürgschaft.

Gemeint ist – wenn ich es richtig verstehe –, dass zu Friedenszeiten gestellte Geiseln freigelassen werden müssen, wenn der Krieg ausbricht. Dies wurde so kunstvoll mit zwei Genitiven und einem inzwischen veralteten Verb in Jamben gegossen, dass man sich heute gut konzentrieren muss, wenn man den Satz verstehen will.

Diese Art zu formulieren gehörte auch zu Grillparzers Zeiten nicht dem alltagsprachlichen Repertoire an. So sprach wohl niemand. Sie zeigt aber trotzdem, dass die deutsche Sprache sich seit 1840 sehr verändert hat. Auch in einem sehr literarisch gemeinten Text würde man heute eine solche Formulierung nicht mehr antreffen. Es ist also kaum erstaunlich, dass ein Text wie dieser Ihnen Schwierigkeiten bereitet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Kontext: Bischof Gregors Neffe Atalus wurde als Geisel gestellt, um Frieden zu schließen. Nun ist doch wieder Krieg ausgebrochen und Gregor spricht mit der Küchenhilfe Leon über Atalus’ Flucht oder Befreiung:

Leon:
Hm, das begreift sich. – Doch wenn Atalus
Ersäh‘ den Vorteil, seiner Haft entspränge?
Gregor:
Er möcht‘ es ohne Sünde, denn der Krieg
Zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln
,
Und nur mit Unrecht hält man ihn zurück.
[Franz Grillparzer, Weh dem der lügt, 1840, 1. Akt]

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Riefend gibt es!

„Riefend gibt es nicht!“, lautet der Kommentar von Lollo, der oder die vielleicht den ebenso fiktiven Familiennamen Rosso trägt und des Weiteren leider eine falschen E-Mail-Adresse angegeben hat. Diese Behauptung möchte ich nicht gänzlich unwidersprochen lassen, zumal das Wort riefend tatsächlich im Canoonet-Wörterbuch zu finden ist.

Man findet riefend natürlich nicht bei den Wortformen des Verbs rufen. Es gibt im Deutschen schließlich nur das Partizip Präsens rufend und das Partizip Perfekt gerufen. Wenn es zu rufen gehören würde, müsste riefend aber eine Art Partizip Präteritum sein:

Er rennt aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Er rannte aus vollem Halse *riefend auf uns zu.

Die Narren ziehen singend und tanzend durch die Straßen.
Die Narren zogen *sangend und *tanztend durch die Straßen.

Partizipformen dieser Art (*) gibt es nicht. Trotz seines Namens Partizip Präsens kann dieses Partizip nämlich nicht nur im Präsens verwendet werden. Es drückt keine Zeit aus. Es drückt aus, dass die Verbhandlung verlaufend ist, und wird manchmal wie oben adverbial oder meistens als Adjektiv verwendet (z. B. rufende Eulen, singende Lerchen, tanzende Schwäne). Es kann sowohl in Kombination mit der Gegenwart als auch zusammen mit der Vergangenheit stehen:

Er rennt/rannte aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Die Narren ziehen/zogen singend und tanzend durch die Straßen.

Heute wird deshalb häufig der weniger irreführende Name Partizip I verwendet.

Die Wortform riefend kann also nicht zu rufen gehören, genauso wenig wie sangend eine Form von singen oder tanztend eine Form von tanzen ist. Weshalb steht riefend trotzdem im Wörterbuch? – Es gehört ganz regelmäßig zum Verb riefen, das wie seine Variante riefeln die Bedeutung mit Riefen (= Rillen) versehen hat.

Das Wort riefend ist alles andere als ein Anwärter auf eine Spitzenposition in der Liste der am häufigsten verwendeten Wortformen. Manchmal ist es sogar nur ein triefend oder reifend mit Flüchtigkeitsfehler. Man darf ihm aber trotzdem nicht einfach mit der Behauptung „Riefend gibt es nicht!“ die Daseinsberechtigung absprechen. Auch wenn dies wahrscheinlich außer Scrabble-Spielern, die die entsprechenden Buchstaben legen können, kaum jemanden interessiert: Riefend gibt es!

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Es wird nicht mehr gemeuchelt

Heute begegnete mir das Wort – und glücklicherweise nur das Wort – Meuchelmörder. Ein Meuchelmörder ist jemand, der einen anderen Menschen heimlich und hinterhältig ums Leben bringt. Begeht eine Frau eine solchen Meuchelmord, ist sie eine Meuchelmörderin. Dies sind Wörter, die man nicht sehr oft hört und liest – meist in einem auf die Vergangenheit bezogenen Zusammenhang, in dem es um historische Figuren geht, die ihr Leben durch die Hand eines Meuchelmörders oder einer Meuchelmörderin verloren. Manchmal sind sie eher scherzhaft gemeint, zum Beispiel in der Schlagzeile „Gericht sühnt Meuchelmord an Frosch Knötti.“

Noch seltener begegnet man dem ersten Wortteil, dem Verb meucheln, und seinen Ableitungen: Wenn Sie lesen, dass ein Bösewicht sich in meuchlerischer Absicht näherte oder jemand meuchlings ermordet wurde, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass Sie eine Passage aus einem historischen Roman des Kalibers „Die drei Musketiere“ oder „Angélique“ vor sich haben. Heute wird meistens nicht gemeuchelt, sondern heimtückisch gemordet. Das Resultat ist allerdings dasselbe. Entsprechend ist die Frage der Wortwahl den Ermordeten wahrscheinlich ziemlich gleichgültig.

Das Verb meucheln bedeutete früher allgemeiner heimlich, heimtückisch handeln und geht auf ein älteres Wort muchon zurück, das (sich) verbergen, verstecken und noch früher u. a. heimlich lauern bedeutete. Mit Meuchel- beginnende Wörter gab es früher viel mehr. Ein paar schöne Beispiele aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm:

Meuchelhund = Schimpfwort für einen heimtückischen Menschen
Meuchellist = heimtückische List
Meuchellüge = heimtückische Lüge
Meuchelrotte = Bande von Meuchelmördern
Meuchelschwert = zum Meuchelmord dienendes Schwert

Mein Favorit (als Wort, nicht als Tätigkeit!):

Meuchelbrennerei = heimtückische Brandstiftung

Meuchel- ist also häufig durch Wendungen mit heimtückisch ersetzt worden. Immer noch springlebendig ist aber ein vielleicht mit meucheln verwandtes, eher umgangssprachliches Wort: mogeln. Auch wenn nicht mehr gemeuchelt wird, gemogelt wird noch immer.

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Feuerwerk

Es knallt hier schon seit gestern ziemlich oft und ziemlich laut. Viele können nicht bis heute Mitternacht warten. Ich kann es ja verstehen. Es hat etwas Schönes, Faszinierendes und Gefährliches. Mir gefällt auch das leicht altertümlich anmutende Wort: Feuer-werk.

Wenn man ein bisschen im Wörterbuch herumsucht, stellt man fest, dass es viele Zusammensetzungen mit -werk an letzter Stelle gibt. Noch erstaunlicher ist die Vielfalt der Bedeutungen dieser Wörter.

Eine erste Gruppe von auf -werk endenden Wörtern bezeichnet die Gesamtheit von etwas. Es kann etwas Natürliches sein:

Astwerk, Blätterwerk, Haarwerk, Laubwerk, Rankenwerk, Strauchwerk, Wurzelwerk

Die Gesamtheit kann aber auch etwas von Menschenhand Geschaffenes sein:

Federwerk (Uhr), Festungswerk, Mauerwerk, Räderwerk, Segelwerk, Seilwerk, Tauwerk

Beispiele von nicht ganz so konkreten Dingen:

Gesetzeswerk, Reformwerk, Vertragswerk, Regelwerk

Wörter auf –werk Bezeichnen auch Produkte bestimmter Tätigkeiten:

Backwerk, Bauwerk, Druckwerk, Knüpfwerk, Schnitzwerk

Wozu sie dienen:

Naschwerk, Schleckwerk, Räucherwerk

Woraus sie bestehen:

Maschenwerk, Netzwerk, Zuckerwerk

Weiter gibt es die Gruppe der Vorrichtungen und Maschinen, die etwas Bestimmtes tun:

Laufwerk, Triebwerk, Schöpfwerk, Förderwerk, Hebewerk, Heizwerk, Leitwerk, Mahlwerk, Rührwerk, Schaltwerk, Schlagwerk, Zählwerk

Diese Gruppe geht über in die Gruppe der Wörter, die ganze Betriebe bezeichnen, in denen etwas getan wird:

Emaillierwerk, Kopierwerk, Lieferwerk, Presswerk, Pumpwerk, Sägewerk, Schmelzwerk, Stauwerk, Walzwerk

Ganz allgemein bezeichnet Werk auch einen Betrieb, eine Fabrik.

– Betrieb nach Erzeugnis:

Betonwerk, Chemiewerk, Elektrizitätswerk, Gaswerk, Kraftwerk, Stahlwerk, Zementwerk (im weiteren Sinne auch: Hilfswerk)

– Betrieb nach Bereich:

Bergwerk, Hüttenwerk, Industrierwerk

– Ganz allgemein Betrieb:

Audiwerke, Volkswagenwerke, Siemenswerke, Stadtwerke, Zweigwerk

Die nächste große Gruppe umfasst ganz andere Bezeichnungen, nämlich die Resultate kreativen Tuns:

Bach-Werk, Bühnenwerk, Erstlingswerk, Frühwerk, Geschichtswerk, Hauptwerk, Jahrhundertwerk, Kunstwerk, Lebenswerk, Lehrwerk, Musikwerk, Nachschlag(e)werk, Prosawerk, Sprachwerk

Andere Wörter auf –werk bezeichnen die Tätigkeit selbst (und deren Resultat) unter verschiedenen Gesichtspunken:

Handwerk, Maßwerk
Einigungswerk, Pionierwerk, Zerstörungswerk
Friedenswerk, Liebeswerk
Menschenwerk, Teufelswerk
Blendwerk, Gaukelwerk
Machwerk, Flickwerk

Eine letzte Restgruppe konnte ich nirgendwo richtig einteilen:

Fuhrwerk, Grottenwerk, Schuhwerk, Stockwerk, Mundwerk

Ganz für sich allein darf heute dieses schöne Wort stehen:

Feuerwerk

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr! Falls Sie es mit Feuerwerk begrüßen, seien Sie bitte vorsichtig. Wenn man nicht gut aufpasst, kann das erste im Wort genannte Element gefährlich sein.

Dr. Bopp

PS: Bevor Sie sich nun vielleicht kopfschüttelnd ans Nachschlagen und Neueinteilen machen, beachten Sie bitte das Folgende: Diese Übersicht ist weder vollständig noch sehr genau – und auch nicht die einzig mögliche.

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Zwei Köpfe Kopfsalat

Frage

Ist „Kopfsalat“ eigentlich eine Sortenbezeichnung oder ist „Kopf“ eine Stückangabe, so dass es getrennt geschrieben werden muss?  Zum Beispiel „zwei Kopf (oder Köpfe) Salat“?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

beides ist zutreffend:

  • Kopf wird unter anderem für Gemüse verwendet, das einen runden Körper bildet, der etwa der Größe eines Kopfes entspricht. Dieses Wort Kopf wird auch als Mengenangabe verwendet:
  • ein Kopf Salat
    ein Kopf Blumenkohl
    zwei Köpfe Eisbergsalat (selten zwei Kopf …)

  • Kopfsalat ist eine bestimmte Salatsorte mit hellgrünen Blättern, die einen solchen Kopf bilden. Der wissenschaftliche Name lautet Lactuca sativa var. capitata. Das lateinische Adjektiv capitatus, capitata bedeutet hier übrigens so etwas wie mit einem Kopf, einen Kopf habend.
  • ein Kopfsalat
    zwei Kopfsalate

Wenn Sie auf dem Markt, beim Bauern oder in einer der wenigen noch bestehenden „bemenschten“ Gemüseabteilungen eines Lebensmittelgeschäftes zwei Exemplare dieser Salatsorte kaufen möchten, können Sie also zwei Kopfsalate oder zwei Köpfe Kopfsalat verlangen.

Zwei Köpfe Kopfsalat habe ich noch nie gesagt, aber ich werde es mir beim nächsten Salateinkauf wohl kaum verkneifen können. Nur schon deshalb lohnt es sich, wieder einmal Kopfsalat zu essen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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