Zuliefer(er)industrie

Heute geht es um eine Frage, die etwas mit Arbeiten zu tun hat und somit gar nicht zur derzeit herrschenden Sommerflaute passt:

Frage

Können Sie uns bitte über den Unterschied zwischen „Zulieferindustrie“ und „Zuliefererindustrie“ aufklären, da beide Wortformen gleichermaßen angewendet werden. Ist es so, dass das Wort „Zulieferindustrie“ eher die Funktion einer Industrie beschreibt und das Wort „Zuliefererindustrie“ sich eher auf die Akteure der Zulieferindustrie bezieht?

Unser Forschungsprojekt heißt „Der Strukturwandel in der mittelständischen Zulieferindustrie“. Haben wir die Bezeichnung „Zulieferindustrie“ richtig gewählt?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die beiden Wörter Zulieferindustrie und Zuliefererindustrie unterscheiden sich vor allem durch ihre Wortbildungsstruktur. Das erste ist eine Zusammensetzung des Verbs zuliefern und Industrie, das zweite eine Zusammensetzung des Nomens Zulieferer und Industrie. Ihre Vermutung ist also richtig: Zulieferindustrie betont eher die Handlung des Zulieferns, während bei Zuliefererindustrie eher die Handelnden, die Zulieferer, im Vordergrund stehen. Diese Bedeutungsnuance ist aber in der Praxis nicht so wichtig, da die zuliefernde Industrie und die Industrie der Zulieferer letztlich ein und dieselbe Industrie sind. Die beiden Wörter werden deshalb in der Regel ohne Bedeutungsunterschied verwendet.

Der Name Ihres Forschungsprojektes ist also korrekt. Er wäre auch korrekt, wenn Sie Zuliefererindustrie statt Zulieferindustrie verwenden würden. Erwähnt sei hier höchstens noch, dass es stilistisch besser ist, innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs immer die gleiche Bezeichnung zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Beteidigt statt beteiligt

Frage

Ich habe immer wieder Probleme, wenn ich das Wort »beteiligen« schreiben will. Ich bin mir immer unsicher, ob es »er beteiligt sich an etw.« oder »er beteidigt sich an etw.« heißt (l oder d). Nachdem ich das dann nachgeschlagen habe, weiß ich auch, dass die erste Schreibung richtig ist. Trotzdem spreche ich das Wort oft falsch aus. Hat das vielleicht phonetische Gründe? Fällt es mir/manchen/allen leichter, ein »d« an dieser Stelle zu sprechen?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

die genauen Gründe, weshalb Sie und offenbar auch andere die Neigung haben beteidigt statt beteiligt zu sagen, sind auch mir ein Rätsel. Es hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Sie das Wort nicht mehr als abgeleitetes Wort mit dem Kern Teil erfahren. Man ist an etwas beTEILigt, wenn man daran teilnimmt oder teilhat;  man ist ein Teil davon oder trägt einen Teil dazu bei. Diesen Zusammenhang mit Teil spüren Sie nicht mehr. Vielleicht in Anlehnung an die ähnlich klingenden Wörter beleidigt, vereidigt und verteidigt sprechen Sie dann beteiligt als beteidigt aus.

Die Aussprache beteidigt hat also insofern phonetische Gründe, als sie dem Einfluss ähnlich klingender Wörter zuzuschreiben sein könnte. Es ist mir nicht bekannt, dass ein d an dieser Stelle leichter auszusprechen wäre als ein l.

Ich hoffe, dass Ihnen beim Lesen dieser Antwort der Zusammenhang zwischen beteiligen und Teil wieder richtig deutlich geworden ist. Dann werden Sie nämlich in Zukunft ganz automatisch und ohne nachdenken zu müssen beteiligt sagen und schreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Anordnbar, anordbar, anordenbar

Frage

Ich bin auf dem Gebiet des Patentschutzes tätig und immer wieder begegnet mir das Wort „anordenbar“. Auf der einen Seite gibt es eigentlich für alle deutschen Verben auf „en“ die Möglichkeit ein „bar“ an die Grundform ohne „en“ anzuhängen; zum Beispiel: „essbar“, „trinkbar“, „machbar“, „schließbar“ usw. Bei Wörtern auf „nen“ wie „anordnen“ oder „öffnen“ funktioniert das aber nicht so einfach. Meine Frage lautet also: Gibt es das Wort „anordenbar“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Wort anordenbar gibt es. Wie Sie richtig sagen, leitet man man Adjektive auf bar ab, indem man die Verbendung en (oder ggf. n) weglässt und dann bar an den Verbstamm anhängt:

ess-en – ess-bar
schließ-en – schließ-bar
auswechsel-n – auswechsel-bar

Bei Verben wie anordnen und öffnen führt dies aber zu so sonderbaren Formen wie *anordnbar und *öffnbar. Da solche Formen recht schwierig auszusprechen wären, fügt man im Verbstamm ein unbetontes e ein: anordenbar, öffenbar.

Genau dieses e ist bei solchen Verben einmal weggefallen. Das Verb ordnen hat den gleichen lateinischen Ursprung wie zum Beispiel das Nomen Orden. Es lautete früher u. a. auch ordenen. Das e ist erst später weggefallen. Auch bei öffnen kann man das weggefallene e gut in dem Wort wiederfinden, von dem das Verb abgeleitet ist: offen. Das e, das man zur Vereinfachung der Aussprache vor bar einfügt, ist also eigentlich das e, das zur Vereinfachung der Aussprache vor en wegfällt.

Beispiele:

zuordnen – zuordenbar (frei zuordenbare Kapazitäten)
anrechnen – anrechenbar (anrechenbare Kosten)
beatmen – beatembar (schwer beatembare Frühgeborene)
beregnen  – beregenbar (beregenbare Flächen)
bezeichnen – bezeichenbar (eine als positiv bezeichenbare Stimmung)
öffnen – öffenbar (öffenbare Fenster)

Das zusätzliche e lässt sich also relativ einfach erklären. Wie die Beispiele zeigen, sind einige dieser Formen auf –enbar trotzdem sehr ungebräuchlich. Es ist deshalb stilistisch oft besser, eine andere Formulierung zu wählen:

Fenster, die geöffnet werden können
eine Stimmung, die man als positiv bezeichnen kann

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Struktur der Hundekotaufnahmepflicht

Als ich nach Hause kam, lag in der kleinen öffentlichen Grünanlage vor unserem Haus schon wieder so ein brauner, fliegenumschwärmter Haufen; ganz am Rand, auf etwas mehr als zweieinhalb Meter Abstand von der Haustür. Seit ungefähr zwei, drei Wochen hat sich ein Hundebesitzer diese Stelle ausgesucht, um seinen Hund ab und zu – pardonnez le mot – scheißen zu lassen. Letzteres wäre gar nicht so schlimm. Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Hunde, auch wenn die Wohnung, in der ich wohne, bewusst haustierfrei war, ist und, soweit es an mir liegt, auch bleibt. Störend ist also nicht, dass der Hund sein Geschäft dort verrichtet. Das arme Geschöpf muss ja irgendwo mal müssen können. Störend ist, dass es immer noch solch asoziale Hundebesitzer gibt, die meinen, den Hundedreck nicht aufräumen zu müssen. In der Weite der unberührten Natur, so wie man sie in diesem Teil Europas praktisch nirgends mehr antrifft, ist das kein Problem. In der relativen Enge eines Wohnviertels mit zahlreichen Hundebesitzern und vielen spielenden Kindern geht es einfach nicht. Das haben die meisten einigermaßen normal denkenden Menschen mittlerweile begriffen. Für die Unverbesserlichen hat man die Hundekotaufnahmepflicht erfunden.

Es ist nicht besonders originell, über das Liegenlassen von Hundekot zu schreiben, aber ich konnte mich dabei so richtig schön abreagieren. Es geht eigentlich um das schöne Wort Hundekotaufnahmepflicht, das mir beim Anblick des besagten Hundehaufens in den Sinn gekommen ist. Obwohl diese Pflicht auch in Deutschland vielerorts besteht, kommt das Wort im Gegensatz zum oft damit kombinierten Leinenzwang fast nur in Österreich und der Schweiz vor. Weshalb dieses eindeutig amts- und beamtendeutsche Wort „ausgerechnet“ in Deutschland nicht verwendet wird, ist mir schon seit einiger Zeit ein Rätsel.

Mir ist etwas anderes an Hundekotaufnahmepflicht aufgefallen: Es handelt sich hier um eine für das Deutsche typische Wortschöpfung, bei der eine Aussage, die viele andere Sprachen mit mindestens einem Nebensatz oder zwei Präpositionalgruppen ausdrücken, in ein einziges Wort gepfropft wird. Die Struktur solcher vielteiligen Zusammensetzungen lässt sich in der Regel gut analysieren und schön wissenschaftlich mit Hilfe von Strukturbäumchen u. Ä. darstellen. Und genau darüber bin ich gestolpert. Muss man die Hundekotaufnahmepflicht nun als Aufnahmepflicht für Hundekot oder als Pflicht zur Hundekotaufnahme analysieren?

Eigentlich ist es egal. Das Wort umschreibt genau, worum es geht, nämlich die Pflicht, Hundekot aufzunehmen. Der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Strukturanalysen ist, wenn es überhaupt einen gibt, vernachlässigbar. Der Hundebesitzer, um den es hier geht, schert sich sowieso nicht darum. Deshalb mache ich mir nun keine weiteren Gedanken mehr zur Struktur dieses Wortes, erfreue mich am Sonnenschein und hoffe, dass ich das fehlbare Frauchen oder Herrchen bald einmal auf frischer „Nicht-Tat“ ertappe und sie oder ihn zur Rede stellen kann.

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Das weibliche Menschenkind und die kleine Insektenlarve

Es geht hier nicht um eine wissenschaftliche Variante von „Rotkäppchen und der böse Wolf“ für Entomologen (Insektenforscher), sondern um das Wort Mädchen:

Frage

Gibt es einen Grund dafür, dass die Verniedlichungsform von „Made“ und „Frauen im Kindesalter“ sich das gleiche Wort teilen müssen?!?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

es gibt keinen wirklichen Grund dafür, dass das Wort Mädchen sowohl ein weibliches Kind als auch eine kleine Made bezeichnen kann. Der einzige Grund, den man dafür anführen kann, ist, dass es manchmal vorkommt, dass verschiedene Wörter in ihrer gesprochenen und/oder geschriebenen Form zusammenfallen. Das weibliche Kind war früher ein Mägdchen, d.h. eine kleine Magd. Damals war eine Magd noch nicht eine Bedienstete, sondern eine junge Frau und Jungfrau. Mit der Zeit ist das g weggefallen, so dass das Mägdchen zu Mädchen wurde. In dieser Form fällt das Wort dann mit der Verkleinerungsform von Made zusammen.

Dass Formen aus den verschiedensten Gründen in Klang und/oder Schrift zusammenfallen können, ohne dass es sonst irgendeinen Zusammenhang zwischen ihnen gäbe, zeigen auch die folgenden Beispiele:

Strauß (Blumengebinde und Vogel)
Ruhr (Fluss und Krankheit)
Ball (kugelförmiges Spielgerät und Tanzfest)
Wachstube (Tube Wachs und Stube der Wache)

Und weil es in der Frage um Wörter mit -chen geht, hier noch ein paar weitere Beispiele:

Kieferchen (kleine Kiefer und kleiner Kiefer)
Wägelchen (kleiner Wagen und kleine Waage)
Hörnchen (kleines Horn und kleines Nagetier)
Küchelchen (mit kurzem ü: kleine Küche; mit langem ü: kleiner Kuchen)

Solche „Doppelformen“ werden fachsprachlich Homonyme genannt. Sie führen übrigens nur sehr selten zu Verständigungsschwierigkeiten. So muss man sich z. B. ziemlich viel Mühe geben, um einen Satzzusammenhang zu finden, in dem man das Wort Mädchen überhaupt im Sinne von kleine Made verwendet und in dem man dann das Insektenlärvchen auch noch mit einem kleinen weiblichen Kind verwechseln könnte. Unmöglich ist es nicht, aber nicht sehr wahrscheinlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Islamphobie oder Islamophobie?

Das lange Wochenende anlässlich des christlichen Pfingstfestes steht vor der Tür. Hier eine etwas ältere Frage, die in gewisser Weise etwas mit Religion zu tun hat:

Frage

Das Wort „Islamphobie“ sehe ich [...] als zulässige Wortneubildung an. Wie steht es aber nun mit „Islamophobie“, das man ja auch bisweilen hört bzw. das Wikipedia als eine Schreibweise des Begriffs darstellt?

Antwort

Sehr geehrter Herr K,

sowohl Islamphobie als auch Islamophobie sind korrekte Wortbildungen.

Das erste Wort wurde nach einem im Deutschen sehr aktiven, heimischen Wortbildungsprinzip gebildet. Es ist eine Zusammensetzung von zwei Substantiven. Wie zum Beispiel

Kaffe + Tasse = Kaffeetasse
Blog + Eintrag = Blogeintrag
Finanzmarkt + Transaktionssteuer = Finanzmarkttransaktionssteuer

wurden die beiden Wörter Islam und Phobie zum Wort Islamphobie zusammengesetzt. Das hört man auch an der Betonung:  Sie liegt auf dem ersten Wort, wie sich das für eine heimische deutsche Zusammensetzung „gehört“:

Islam + Phobie = Islamphobie

Das zweite Wort ist eine Wortbildung nach (neo)klassischem Muster. Beispiele sind Anglophobie (Abneigung gegen Englisches), Arachnophobie (Angst/Abscheu vor Spinnen) oder Xenophobie (Fremdenhass). Solche Zusammensetzungen gibt es auch mit einem im Deutschen allgemein üblichen Wort an erster Stelle: Insektizid, Kristallographie, Ozeanographie, Filmothek, Filzokratie, Japanologie, Vulkanologie u. a. m. Bei solchen Bildungen liegt die Hauptbetonung nicht auf dem ersten Wort, sondern auf der Endung –ie:

Islam + o + phob[+]ie = Islamophobie

Beide Wörter sind also nach im Deutschen vorkommenden Wortbildungsprinzipien gebildet worden. Islamphobie ist eher „allgemeinsprachlich“, Islamophobie eher „gelehrt“. Zum zweiten Wort gehört übrigens auch das Adjektiv islamophob.

Zum Schluss erlaube ich mir noch eine „extralinguistische“ Bemerkung: Es ist vielleicht interessant, aber nicht wirklich wichtig, nach welchem Wortbildungsprinzip das Wort Islam[o]phobie zustande gekommen ist. Wichtig ist – wie bei allen Phobien –, dass man sich vor dem hütet, was es bezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gibt es die Verschlagwortung?

Frage

In einem Blog habe ich einen Beitrag gelesen, der für mich die folgende Frage aufwirft: Gibt es das dort verwendete  Wort „Verschlagwortung“ und, wenn ja, was bedeutet dieser Begriff? Er steht in keinem Wörterbuch.

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

das Wort Verschlagwortung gibt es. Es bedeutet Zuordnung zu einem Schlagwort, Indexierung.

Die Tatsache, dass ein Wort nicht in einem Wörterbuch steht, bedeutet nicht, dass es ein Wort nicht gibt. Diese „Regel“ gilt nur beim Scrabblespielen. Im Deutschen werden nämlich ständig neue Wörter gebildet. Nicht all diese (möglichen) Wörter können in einem Wörterbuch stehen.

Neue Wörter werden nicht nur aus anderen Sprachen übernommen, sondern sehr oft nach bestimmten Prinzipien aus bestehenden Wörtern gebildet. Das Wort Verschlagwortung ist das Substantiv zu verschlagworten. Dieses Verb ist in gleicher Weise von Schlagwort abgeleitet wie z.B.

verabschieden von Abschied
vergletschern von Gletscher
verkabeln von Kabel
verunglücken von Unglück
verursachen von Ursache
verwursten von Wurst

Ebenso fachsprachliche Ausdrücke wie:

vergesellschaften von Gesellschaft
vermessingen von Messing
verstoffwechseln von Stoffwechsel

Das Wortbildungsprinzip wird hier genauer beschrieben.

Das Verb verschlagworten ist also eine mögliche und korrekte Wortbildung. Die zweite Frage ist nun, ob ein solches Wort auch mehr als nur ein- oder zweimal verwendet wird. Das Wort verschlagworten scheint in gewissen Fachbereichen recht üblich zu sein; so üblich, dass man es sogar schon in den neuesten Auflagen von Rechtschreibwörterbüchern findet**.

Man kann der Verschlagwortung also die Daseinsberechtigung aus zwei Gründen nicht absprechen: Das Wort wurde korrekt gebildet und es wird verwendet. Ob man dieses Fachwort besonders schön findet, ist dann eine ganz andere Frage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Verschlagwortung/verschlagworten in Rechtschreibwörterbüchern:

Verschlagwortung
PONS

verschlagworten (einem Schlagwort zuordnen)
Duden, Deutsche Rechtschreibung, 25. Auflage, 2009 (in der 24. Auflage stand das Verb noch nicht).

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Richtig ist, was üblich ist: -ation und -ierung

Heute wieder einmal ein Dauerbrenner in Sachen Wortbildung: …ation und …ierung.

Frage

Ich habe eine Frage zur Nomenbildung und zwar zu den Endungen …ation und …ierung. Es gibt viele Verben, die mit beiden Endungen ein Nomen bilden (Information/Informierung, Kompensation/Kompensierung etc.). Die Frage ist nun, welche Form ist „richtiger“? Gibt es Bedeutungsunterschiede?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

wenn man von einem auf …ieren endenden Verb ein Nomen ableitet, gibt es keine festen Regeln. „Richtig“ ist, was gebräuchlich ist. Manchmal haben die Ableitungen auf …ierung und …ation die gleiche Bedeutung (z. B. Stabilisierung = Stabilisation), in anderen Fällen gibt es einen Bedeutungsunterschied. Als allgemeine, grobe Tendenz kann man sagen, dass die Ableitungen auf …ierung stärker den Verbvorgang betonen:

Informierung = das Informieren
Information = die Auskunft, Nachricht; das Informieren

Kompensierung = das Kompensieren
Kompensation = das Kompensieren; Entschädigung, die man erhält

Kanalisierung = das Kanalisieren
Kanalisation = unterirdisches Röhrensystem; das Kanalisieren

Delegierung = das Delegieren
Delegation = die abgeordneten Personen; das Delegieren

Dies ist aber – wie gesagt – keine feste Regel, sondern eine grobe Tendenz. So bezeichnet  z.B. Legierung nicht nur das Legieren, sondern auch das Resultat des Prozesses.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wegen Äpfelkuchen zum Zähnearzt

Frage

Wieso geht man nicht zum Zähnearzt, nachdem man durch zu viel Äpfelkuchen Zahnschmerzen hat, die ja auch Zähneschmerzen sein könnten?!? Unmengen von Wörtern werden in der Singularform benutzt, obwohl sie sehr oft mehrere Dinge gemeint sind.

Antwort

Guten Tag A.,

Sie haben recht: Man bäckt einen Apfelkuchen und nicht einen Äpfelkuchen. Man geht zum Zahnarzt und nicht zum Zähnearzt. Das hat damit zu tun, dass die Form einer Zusammensetzung im Deutschen meist nur wenig darüber aussagt, wie sich die beiden beteiligten Wörter genau zueinander verhalten. Bei einer Zusammensetzung der Form XY kann man in der Regel nur sagen, dass ein XY eine Art Y ist, die in irgendeiner Weise etwas mit X zu tun hat:

Ein Apfelkuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Apfel zu tun hat.
Ein Hochzeitskuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Hochzeit zu tun hat
Ein Streuselkuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Streusel zu tun hat.
Ein Pfannkuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Pfanne zu tun hat.

Die Art des Verhältnisses zwischen dem ersten und dem zweiten Teil einer Zusammensetzung kann also ganz unterschiedlich sein. Bei den soeben genannten Kuchen bezeichnet der erste Teil:

- eine wichtige Zutat,
- die Gelegenheit, für die er gebacken wird,
- seine Form,
- das Mittel der Zubereitung.

Auch die Einzahl- oder Mehrzahlform des ersten Wortteils X sagt lange nicht immer etwas darüber aus, ob es um ein oder mehrere X geht:

Eine Baumreihe besteht immer aus mehreren Bäumen.
Für Erdnussbutter braucht man viele Erdnüsse.

Umgekehrt:

Ein Hundebiss kann nur von einem Hund verursacht sein.
Eine Kinderhand gehört nur einem Kind.

Wichtig für die Form ist meist nicht die Bedeutung, sondern die Analogie mit anderen Wörtern, die mit dem gleichen ersten Element gebildet werden. Vgl.

Apfelbaum, Apfelsorte, Apfelsorbet, Apfelwangen
Zahnbelag, Zahnfleisch, Zahnlücke, Zahnstocher
Baumgruppe, Baumstamm, Baumkrone, Baumstruktur
Kindergruppe, Kinderwagen, Kinderfahrrad, Kinderseele
Hundehalterin, Hundefloh, Hundeleben, Hundepfote

Ein Apfelkuchen ist also nicht deshalb ein Apfelkuchen und kein Äpfelkuchen, weil man nur einen Apfel verwenden dürfte, sondern weil man auch Apfelbaum, Apfelsorte und Apfelbäckchen sagt. Man darf einfach nicht zu viel in die Form einer Zusammensetzung hineinlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kaninchen

Heute gibt es Kaninchen. (Ja, Dr. Bopp isst Kaninchen. Siehe hier). Da dies leider oder, je nach Interesse, glücklicherweise keine Kochrubrik ist, verschone ich Sie mit Rezepten und Weintipps. Es geht natürlich um das Wort Kaninchen. Warum denn chen? Ein großes Kaninchen ist doch kein Kanin, wie ein großes Hündchen ein Hund ist oder wie man ein großes Häuschen meist einfach ein Haus nennt. Weshalb also chen?

Mit der Nachsilbe chen bildet man Diminutive oder zu gut Deutsch Verkleinerungsformen. Vor allem im Süden verwendet man dafür oft auch lein. Richtung Norden lockt man deshalb als Hexe Kinder, die sich im Wald verlaufen haben, eher in ein Lebkuchenhäuschen, während man als südliche Hexe eher ein Lebkuchenhäuslein bewohnt, in dem man dann das Mädchen als Mägdchen zur Kinderarbeit zwingt und den Jungen wie ein Kaninchen einsperrt und fett mästet. So geht es jedenfalls – ganz gleich ob Häuschen oder Häuslein – in einem ordentlichen Märchen zu und her.

Kaninchen ist nicht der einzige ursprüngliche Diminutiv, bei dem das Grundwort im heutigen Deutschen nicht mehr bekannt oder gebräuchlich ist. Auch zum Beispiel bei Mädchen und Märchen oder beim Zipperlein, das böse Hexen plagen möge, ist das Grundwort nicht mehr allgemein bekannt. Das Wort Mädchen geht auf Mägdchen, also kleine Magd, zurück und wurde in einer Zeit gebildet, in der eine Magd noch nicht eine Bedienstete, sondern eine junge weibliche und idealerweise jungfräuliche Person war. Ein Märchen ist eine kurze Mär, das heißt eine kurze Geschichte oder Erzählung. Die Herkunft von Zipperlein erspare ich ihnen; das wird sogar mir zu umständlich.

Bleibt also noch das Kaninchen. Das Grundwort Kanin gab es einmal (und gibt es überigens immer noch als Fachwort für Kaninchenfell). Ein großes Kaninchen war früher also doch ein Kanin! Es geht über das alte französische Wort conin auf lateinisch cuniculus zurück. Auch das Wort Karnickel lässt sich über eine niederdeutsche Verkleinerungsform kanineken aus conin herleiten. Das r hat sich unterwegs einmal als überkorrekte Aussprache eingeschlichen.

Das lateinische caniculus gelangte auch noch auf anderem Wege ins Deutsche und ist so noch in landschaftlich gebräuchlichen Formen wie Künig, Chüngel, Kinigl oder Kiniglhas zu finden. Weil es volkstümlich als mit König (verkl. Königlein) verwandt angesehen wurde, gibt es im Südbayrischen und Österreichischen auch die Bezeichnungen Königlein und König(s)hase.

Beim lateinischen Wort cuniculus könnte es sich um ein Lehnwort aus dem Iberischen (d.h. aus einer der damals auf der Iberischen Halbinsel gesprochenen Sprache) handeln. Eine andere Erklärung sagt, dass der Name des Tieres vom lateinischen Wort für unterirdischer Kanal, Gang, Stollen cuniculus abzuleiten sei. Der Name der Behausung wäre dann auf das Tier übergegangen.

Ein paar Informationen zu Form und Herkunft des Wortes Kaninchen hätte ich somit zusammengesucht und beschrieben. Der Geist ist also wieder frei, sich mit „wichtigeren“ Dingen zu beschäftigen: Wie bereiten wir das Kaninchen zu und welcher Wein könnte gut dazu passen? Doch das ist, wie bereits gesagt, Stoff für ein ganz anderes Blog.

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