Ist steinreich reich an Steinen?

Vor Kurzem sah ich eine Fernsehsendung über das Sauerland. Bei den Bildern schöner alter Fachwerkhäuser machte der Präsentator neben einem historischen auch einen kleinen Exkurs in die Wortgeschichte: Die ärmeren Leute bauten ihre Häuser mit Holz, Stroh und Lehm, die Reichen hingegen konnten sich für den Hausbau Steine leisten. Daher komme auch die Wendung steinreich, also so reich, dass man sich ein Haus aus Stein leisten konnte. Diese Erklärung hat mir sehr gut gefallen. Doch mit solch schönen wortgeschichtlichen Erklärungen gilt es meistens vorsichtig umzugehen. Das ist, leider, auch hier der Fall.

Die Erklärung mit den steinernen Häusern der Reichen ist nämlich nicht die einzige. Andere Erklärungen sagen, steinreich komme von reich an Edelsteinen oder – mit etwas geringerem Bling-Bling-Gehalt – mit so viel Geld, wie man Steine findet; des Geldes so viel besitzend, als man etwa in steinigen Gegenden Steine sammeln kann oder bei dem das Geld wie Steine aufeinandergehäuft ist. Diese Erklärungen klingen ebenso schön wie einleuchtend. Aber auch sie sind nicht unumstritten.

Für die langweiligste, jedoch wahrscheinlichste Erklärung halte ich die Vermutung, dass steinreich einfach eine Verstärkung ist, die in Anlehnung zu Intensivierungen wie steinhart und steinalt gebildet wurde. Im Wörterbuch der Brüder Grimm finden sich weitere Bildungen dieser Art: steinfremd, steinfest, steinfromm, steinmüde, steinplump, steinrau(h), steintaub (sehr fremd, sehr fest, sehr fromm, sehr müde, sehr plump, sehr rau, sehr taub). War stein- also ein Vorläufer von zum Beispiel knall-, super-, mega- und voll-, der sich ohne die Hilfe der modernen Kommunikationsmittel nicht ganz so weit verbreiten konnte wie diese?

Für die letzte Interpretation spricht auch die Betonung des Wortes. Während bei steinreich im Sinne von reich an Steinen der ersten Teil stein- die Hauptbetonung trägt (ein stéínreicher Acker), werden bei steinreich im Sinne von sehr reich beide Teile ungefähr gleich betont, wie dies auch bei steinalt und steinhart der Fall ist (eine stéínréíche Familie). Doch man könnte auch argumentieren, dass die Akzentverschiebung erst später erfolgt ist …

Es ist schade, dass die schöne Erklärung aus der Sendung über das Sauerland und seine Fachwerkhäuser wahrscheinlich nicht zutrifft. Wer sie aber wie ich trotzdem mag: Die anderen Erklärungen können auch nicht steinfest bewiesen werden.

Quellen u.a. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Etymologisches Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer im DWDS.

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Der Unterschied zwischen Südostasien und Ostwestfalen

Es geht hier natürlich nicht um geographische oder kulturelle Unterschiede zwischen diesen beiden kaum vergleichbaren Regionen, sondern um die Bildung ihrer Namen. Genauer genommen geht es um den Namen Ostwestfalen, der auch mich stutzen ließ, als ich ihn zum ersten Mal hörte.

Frage

Ich bin mit einem Bekannten uneins über den Namen „Ostwestfalen“. Seiner Meinung nach ist die Bezeichnung für diesen Landstrich „ein Widerspruch in sich“. Ich hatte nämlich als weitere Beispiele Südwestafrika, Südwestrundfunk, Südostasien, Nordwestlotto, Northwest Territories und Südosteuropa angeführt. Er sagte dazu: „Alle diese Gegenden sind gemäß der Himmelsrichtungen benachbart. Das geht. Ost und West liegen sich gegenüber. Deshalb ist Ostwestfalen ein Widerspruch in sich.“ Wie ist Ihre Meinung dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Ihr Bekannter hat insofern recht, als die Bezeichnung Ostwestfalen nicht ganz gleich strukturiert ist wie zum Beispiel Südwestafrika oder Südostasien.

Bei Südostasien sind die beiden Himmelsrichtungen gleichrangig: Es ist eine Region, die im Südosten Asiens liegt, also in einem Teil der innerhalb Asiens gleichzeitig südlich und östlich ist. Es ist nicht so sehr der südliche Teil Ostasiens, als vielmehr der südöstliche Teil Asiens. Nur die Konvention bestimmt übrigens, dass die Himmelsrichtungen Süd und Nord vor Ost und West genannt werden, sonst könnte man ohne Bedeutungsänderung auch Ostsüdasien statt Südostasien oder Westnorddeutschland statt Nordwestdeutschland sagen.

Bei Ostwestfalen hingegen sind Ost und West nicht gleichrangig. Diese Region ist der östliche Teil von Westfalen, wie Osteuropa der östliche Teil von Europa ist oder die Ostschweiz der östliche Teil der Schweiz. Ost bezieht sich nicht auf Falen, sondern auf Westfalen. Die Bezeichnung Ostwestfalen mag für einige widersprüchlich klingen, das wäre sie aber nur dann, wenn Ost und West gleichrangig wären. Ostwestfalen liegt aber nicht im Osten und im Westen einer nicht bestehenden Region Falen, sondern, wie bereits gesagt, im Osten von Westfalen.

Diese Art Bezeichnungen mit nicht gleichrangigen Himmelsrichtungen kommen selten vor (man spricht zum Beispiel eher vom Norden Südafrikas als von Nordsüdafrika), aber sie sind nicht widersprüchlich oder gar grundsätzlich falsch. Das wissen die Ostwestfalen natürlich schon lange.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Muttersprachige, Muttersprachler und Muttersprachlerinnen

Frage

Neulich habe ich bemerkt, dass Sie „Muttersprachige“ statt der längeren Formulierung „Muttersprachlerinnen und Muttersprachler“ verwenden. Das Wort „Muttersprachige“ hat mir so gefallen, dass ich es verwendet und dabei diese komische Reaktion geerntet habe: „Das Wort gibt es nicht!“ Ich habe vermutet, „Muttersprachige“ wäre eine Substantivierung des Adjektivs „muttersprachig“, kann das Adjektiv aber in keinem meiner Wörterbücher finden. Hinken die Wörterbücher ­– und einige Muttersprachler – bloß hinterher?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

dass es den Begriff muttersprachig nicht gebe, kann nur behaupten, wer meint, dass es Wörter nur dann gibt, wenn sie im Wörterbuch stehen. Das Wort wird verwendet (in der Schweiz vielleicht etwas häufiger als anderswo). Es passt gut in die Reihe von Wortbildungen wie:

deutschsprachig – die Deutsche Sprache sprechend
(ebenso: französischsprachig, englischsprachig usw.)
zweisprachig – zwei Sprachen sprechend
mehrsprachig – mehrere Sprachen sprechend
anderssprachig – eine andere Sprache sprechend
fremdsprachig – eine Fremdsprache sprechend

Es ist aber tatsächlich kein häufig vorkommendes Wort. Ich verwende es, um die umständliche Formulierung Muttersprachler und Muttesprachlerinnen zu umgehen. Das ist vor allem dann sehr praktisch, wenn es gegenüber Deutschlerndende oder Fremdsprachige steht. Das in Wörterbüchern aufgeführte muttersprachlich eignet sich weniger für diesen Zweck, weil die Adjektive auf -sprachlich in der Regel bedeuten: in einer gewissen Sprache geäußert, verfasst.

Die Verwendung von Muttersprachige im Sinne von Muttersprachler und Muttersprachlerinnen ist nicht sehr verbreitet. Ich verwende es aber trotzdem, weil es so schön praktisch und leicht verständlich ist. Und ich finde es auch nicht hässlicher als zum Beispiel Studierende und Steuerzahlende. Ob es sich einmal in den Wörterbüchern etablieren wird, weiß ich natürlich nicht.

Mit freundlichen Grüße

Dr. Bopp

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Verlängern vs verkürzen

Frage

Wenn ich aus Adjektiven Verben machen will, sieht das doch oft so aus:

groß größer vergrößern
klein kleiner verkleinern
gut besser verbessern
lang länger verlängern
aber: kurz kürzer verkürzen!

Wo ist das R geblieben und warum ist es verschwunden?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

allzu konsequent sieht das tatsächlich nicht aus – und ich fürchte, dass ich Ihnen eine wirklich befriedigende Antwort schuldig bleiben muss.

Verschwunden ist hier nicht ein r, sondern das er, dass bei Adjektiven den Komparativ (die Höherstufe) angibt. Wenn ein Verb von einem Adjektiv abgeleitet wird, das eine bestimmte Eigenschaft ausdrückt, und wenn das Verb die Bedeutung hat, dass diese Eigenschaft intensiviert wird, ist häufig die Komparativform des Adjektivs die Basis:

anreichern = reicher machen
verbreitern= breiter machen

Ebenso zum Beispiel:

bereichern, verallgemeinern, verbessern, verfeinern, vergrößern, verkleinern, verlängern, verschlechtern, verschlimmern, verschmälern, verwildern, zerkleinern

Das ist aber nicht immer der Fall. Manchmal ist trotz der Verbbedeutung x-er machen nicht die Komparativform x-er die Basis, sondern einfach nur x. Das ist zum Beispiel bei den folgenden Verben der Fall:

eindicken = dicker machen
verjüngen = jünger machen

einengen, verbilligen, verdichten, verdünnen, verfrühen, verhässlichen, verjüngen, verlangsamen, vertiefen

Manchmal gibt es sogar beide Formen:

verengen – verengern
verschönen – verschönern

Warum manchmal die Komparativform und manchmal die einfache Form als Basis für solche Verben dient, lässt sich kaum erklären. In gewissen Fällen spielt die Form eine Rolle: Die Komparativform wird nicht gewählt, wenn ein Adjektiv auf unbetontes -er, -el, -ig, -lich endet (zum Beispiel verteuern, veredeln, verbilligen, vermenschlichen ). Sonst gibt es aber keine eindeutigen Kriterien. Richtig ist, was gebräuchlich ist.

Die Antwort auf die Frage, warum es gebräuchlich ist, kenne ich leider nicht. Insbesondere bei verlängern und verkürzen geben weder die Bedeutung noch die Form irgendeinen Hinweis auf die unterschiedliche Art der Verbbildung preis. Es tut mir leid, dass ich dieses Phänomen nicht weiter verdeutlichen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gentiv-s oder Fugen-s?

Auch heute eine ziemlich theoretische Frage:

Frage

Ein Dr.Dr. behauptet, das „s“ in „Einkaufswagen“ sei ein Genitiv-s. Ich denke eher an ein Bindeglied. Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

das s, das zwischen den beiden Elementen einer Zusammensetzung stehen kann, ist aus dem Genitiv-s entstanden. Es hat seine Funktion und Bedeutung aber zu einem großen Teil verloren.

Ein Einkaufswagen ist nicht ein Wagen des Einkaufs, sondern ein Wagen für den Einkauf. Die Lebensfreude ist nicht die Freude des Lebens, sondern die Freude am Leben. Die Lieblingsfarbe ist nicht die Farbe des Lieblings usw. usw. Das s entspricht zwar der Form nach dem Genitiv-s (vgl. des Einkaufs, des Lebens, des Lieblings), es hat aber in Zusammensetzungen nicht immer eine genitivische Bedeutung.

In Verbindungen wie den folgenden, die sehr häufig vorkommen, hat das s erst recht nichts mehr mit einem Genitiv-s zu tun: Unterhaltungsmusik, Identitätsausweis, Operationssaal, Hochzeitstorte, Abfahrtsrennen, Ansichtssache … Keines der Wörter, die hier vor dem s stehen, bildet den Genitiv mit s.

Rein formal gesehen, ist das s in Einkaufswagen ein Genitiv-s, denn es entspricht dem s von des Einkaufs. Nach Funktion und (fehlender) Bedeutung ist es aber ein Fugen-s, das heißt ein Bindeglied, das vor allem dazu dient, den Übergang zwischen zwei Elementen einer Zusammensetzung zu markieren.

Je nachdem, wie man die Sache betrachtet, haben Sie beide recht. Das s in Einkaufswagen kann als Genitiv-s interpretiert werden. Es unterscheidet sich dann aber vom s in Unterhaltungsmusik, das ja kein Genitiv-s sein kann. Das s in Einkaufswagen kann auch wie in Unterhaltungsmusik als Fugen-s interpretiert werden. Dann lässt man aber die formale Identität mit dem Genitiv-s außer Acht. Letztlich ist es also vor allem eine theoretische Entscheidung, wie man dieses s nennen will.

Eine sehr ähnliche Diskussion lässt sich übrigens auch über die Fugenelemente führen, die einer Pluralendung entsprechen (z.B. in Rosenblatt, Hundebiss, Kinderhand). Siehe hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Abergläubig und abergläubisch

Frage

Es gibt abergläubig und abergläubisch. Wieso gibt es beides und wo liegt die inhaltliche Differenz der beiden Schreibungen? Ich kannte bisher nur die Schreibung mit -ig. Seit wann gibt es -isch?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

es gibt keinen Bedeutungsunterschied zwischen abergläubig und abergläubisch. Die heute übliche Form ist abergläubisch. Viel seltener und nach den Angaben einiger Wörterbücher auch veraltet ist die Form abergläubig. Nach den Angaben des etymologischen Wörterbuches von Pfeifer (vgl. hier) gibt es abergläubisch seit Anfang des 16. Jahrhunderts und abergläubig seit Ende des 15. Jahrhunderts. Sehr weit liegt die Entstehung also nicht auseinander. Das Grundwort Aberglaube ist übrigens auch erst seit Ende des 15. Jahrhunderts geläufig.

Das Wort abergläubisch ist also keineswegs jüngsten Datums. So schrieb zum Beispiel Goethe 1809 im 2. Kapitel des Romans „Wahlverwandtschaften“:

Diejenigen, die auf Namenbedeutungen abergläubisch sind, behaupten, der Name Mittler habe ihn genöthigt, diese seltsamste aller Bestimmungen zu ergreifen.

Weshalb es beide Formen gibt, kann ich höchstens vermuten. Im Prinzip kann man sowohl mit -isch als auch mit -ig Adjektive von Substantiven ableiten (mit -ig häufig = das Grundwort ist vorhanden; mit -isch bei Fremdwörtern, häufig mit Lebewesen und für Herkunftsbezeichnungen; es gibt allerdings viele Ausnahmen). Normalerweise kommt immer nur eine der beiden Ableitungen vor. Wenn beide Ableitungen gebräuchlich sind, besteht meistens ein Bedeutungsunterschied (z. B. erstklassig–klassisch, bergig–bergisch, affig–äffisch, rassig–rassisch, ständig–ständisch; Ausnahmen ohne Bedeutungsunterschied z. B. murrköpfig/murrköpfisch, rappelköpfig/rappelköpfisch). Auch im Fall, um den es hier geht, ist eine Form durch die andere so weit verdrängt worden, dass abergläubig in einigen Wörterbüchern gar nicht vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kapstadt, seine Einwohner/-innen und der Umlaut

Frage

Wir rätseln, wie die korrekte Bezeichnung für die Einwohner(innen) Kapstadts ist: Kapstadter, Kapstädter oder ganz anders?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

Kapstadter, Kapstädter, beide Bezeichnungen sind im Prinzip vertretbar, eine allgemein bindende Bezeichnung gibt es nicht. Die meisten Städte mit einem Namen auf -stadt haben Einwohner auf -städter/-städterin. Von Albstadt über Darmstadt, Eisenhüttenstadt, Friedrichstadt und viele andere bis hin zu Wörrstadt, alle haben Einwohner und Einwohnerinnen mit ä: Albstädter/in, Darmstädter/in, Eisenhüttenstädter/in, Friedrichstädter/in, Wörrstädter/in usw. Einwohnernamen auf -stadter/-stadterin sind eine Ausnahme. So wohnen in Neustadt an der Weinstraße nicht Neustädter und Neustädterinnen wie in anderen Neustadt genannten Städten, sondern Neustadter und Neustadterinnen.

Entsprechend ist auch viel häufiger von Kapstädtern und Kapstädterinnen die Rede als von Kapstadtern und Kapstadterinnen. Da wir einen deutschen Namen für Cape Town, Kaapstad oder iKapa verwenden, würde ich empfehlen, auch bei Ableitungen die im deutschen üblicherer Variante mit Umlaut zu verwenden: Kapstädter und Kapstädterin.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Meine Lieblings-neue-Freundin

Noch eine Frage im Bereich der Wortbildung:

Frage

Ich habe eine Frage in Bezug auf das Wort „Lieblings-“ in seiner Bildung mit einem Substantiv. Und zwar: Kann man das Wort mit einem Nomen immer noch zusammenbilden, wenn es zwischen ihm und dem dazu gehörigen Substantiv ein Adjektiv gibt? Wenn ja, wie? Z.B. ich wollte gerade eine Freundin zum Geburtstag gratulieren, die ich vor einigen Monaten kennengelernt habe, und ich wollte ihr sagen „Du bist meine Lieblings neue Freundin“, was klarerweise zu unterscheiden ist von „Du bist meine neue Lieblingsfreundin“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

im Standarddeutschen kann Lieblings- nur direkt mit einem Substantiv kombiniert werden (Lieblingsfilm, Lieblingsessen, Lieblingsfreundin). Es gibt kein Wortbildungsmuster, nach dem ein Substantiv mit einer Wortgruppe, die aus einem gebeugten Adjektiv und einem Substantiv besteht, eine Zusammensetzung bilden kann. Formulierungen wie meine Lieblings-neue-Freundin sind standardsprachlich nicht möglich.

Solche Formulierungen kommen allerdings in der (gesprochenen) Umgangssprache vor. Zum Beispiel:

mein Lieblings-schnelles-Abendessen
in seinem Lieblings-warmen-Pullover
ihr Lieblings-neuer-Film

Da solche Konstruktionen standardsprachlich nicht vorgesehen sind und sie umgangssprachlich offenbar nicht allzu häufig vorkommen, gibt es (noch?) keine Rechtschreibregel, die auf sie zutrifft. Ich empfehle hier die Schreibung mit Bindestrichen, wenn man sie schriftlich wiedergeben will:

meine Lieblings-neue-Freundin

Es würde meiner Meinung nach zu einer vorläufig noch allzu ungewöhnlichen Schreibung führen, die Form lieblings ähnlich wie das umgangssprachliche super als unveränderliches Adjektiv zu behandeln (vgl. hier): meine lieblings neue Freundin. Es wäre allerdings eine erwägenswerte und vertretbare Lösung, falls sich diese Art der Formulierung etablieren sollte.

Eine Frage bleibt noch: Wie drückt man dasselbe standardsprachlich aus? Sie sagen zu Recht, dass meine Lieblings-neue-Freundin und meine neue Lieblingsfreundin nicht ganz dieselbe Bedeutung haben. Die neue Lieblingsfreundin ist eine Freundin, die neu den Platz der bevorzugten Freundin einnimmt. Die Lieblings-neue-Freundin hingegen ist eine Freundin, die die bevorzugte Stellung unter den neuen Freundinnen hat (und neben der es noch eine andere oder sogar eine absolute Lieblingsfreundin geben kann). Wie also drücke ich solche umgangssprachlichen Formulierungen standardsprachlich aus? Ein paar Versuche:

die liebste meiner neuen Freundinnen
mein bevorzugtes schnelles Abendessen
der neue Pullover, der mir am liebsten ist
der neue Film, der mir am besten gefällt

Aber wie häufig, wenn man Umgangssprachliches oder Mundartliches in die Standardsprache übersetzt, haben diese Formulierungen vielleicht nicht ganz dieselbe gefühlsmäßige Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp
(Autor Ihrer Lieblings-deutschen-Onlinegrammatik)

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Von fossil zu Fossil und andere Ableitungsfragen

Frage

Im Canoo-Lexikon findet sich im Bereich Wortbildung (genauer: Konversion) folgendes Beispiel zur Nomenableitung aus Adjektiven: Fossil von fossil. Meine Frage dazu: Woher meint man zu wissen, dass sich das Nomen vom Adjektiv herleitet und nicht etwa umgekehrt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei Wörtern, zwischen denen ein Ableitungsverhältnis besteht, ist es manchmal schwierig oder sogar unmöglich, zu sagen, wie genau dieses Wortbildungsverhältnis aussieht. In vielen Fällen ist die Bestimmung des Ableitungsverhältnisses einfach: Das Wort mit dem zusätzlichen Präfix oder Suffix ist die Ableitung.

ableiten + ung → Ableitung
Wort + lich → wörtlich
be + fragen → befragen

Manchmal ist es aber nicht ganz so einfach. Ist zum Beispiel ein Roggenbrötchen ein kleines Roggenbrot oder ist es ein Brötchen aus Roggenmehl?

Roggenbrot + chen → Roggenbrötchen
Roggen + Brötchen→ Roggenbrötchen

Ist eine Tierärztin ein weiblicher Tierarzt oder eine Ärztin für Tiere?

Tierarzt + in → Tierärztin
Tier + Ärztin → Tierärztin

Ist Kindergärtner wirklich das Basiswort und Kindergärtnerin die Ableitung? Kindergärtner hat zwar ein Suffix weniger, aber es gab zuerst Kindergärtnerinnen und erst später haben auch Männer angefangen, diesen Beruf auszuüben:

Kindergärtner → Kindergärtnerin
Kindergärtnerin → Kindergärtner

Gerade bei der Konversion, das heißt bei der Ableitung ohne Präfixe oder Suffixe, ist es nicht immer gleich offensichtlich, in welcher Richtung die Ableitung verlaufen ist. Das Verb würfeln kommt von Würfel, während das Substantiv Schmuggel von schmuggeln abgeleitet ist. Das Substantiv Rot kommt vom Adjektiv rot, während das Adjektiv orange vom Substantiv Orange kommt.

Würfel → würfeln
schmuggeln →  Schmuggel

rot → Rot
Orange → orange

In vielen Fällen lässt sich aus formalen Kriterien, der Bedeutung oder der Wortgeschichte erschließen, welches Ableitungsverhältnis besteht oder am wahrscheinlichsten ist. In anderen Fällen wie zum Beispiel Tierärztin muss man entweder einfach beide Ableitungsvarianten angeben oder, wenn dies wie in unseren Wortbildungsbäumen nicht möglich ist, ein rein pragmatisches Vorgehen wählen. (In Canoonet: Weibliche Personenbezeichnungen mit in werden von der männlichen Personenbezeichnung abgeleitet.)

Im Fall von fossil – Fossil ist das Ableitungsverhältnis unklar, wenn man nur das Deutsche anschaut. Hier kommt uns die Wortgeschichte zu Hilfe. Der Wortausgang il geht nämlich auf die lateinische Adjektivendung ilis zurück, die u. A. auch in agil, infantil, taktil und viril vorkommt.

Unser Adjektiv fossil kommt über das französische fossile vom lateinischen fossilis = ausgegraben, auszugraben. Es ist eine Ableitung vom Partizip fossum des Verbs fodere = graben. Auch die Substantivierung Fossil haben wir aus dem Französischen übernommen. Die Ableitung fossil → Fossil hat also wortgeschichtlich gesehen schon im Französischen oder sogar schon im Lateinischen stattgefunden. Da dieses Ableitungsverhältnis im Deutschen einfach nachvollziebar ist, geben wir es auch in Canoonet so an.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Birnbaum und der Birnenbaum

Frage

Ihre Seite führt die Bezeichnung „Birnenbaum“ auf, welche der Duden nicht kennt (er kennt nur den „Birnbaum“). Warum wird dieses Wort auf dieser Plattform genannt und in anderen Wörterbüchern nicht?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Wort Birnenbaum ist eine Variante von Birnbaum. Bei der Entscheidung, ob ein Wort in das Wörterbuch aufgenommen wird, spielen u. a. zwei Dinge eine Rolle: Ist es korrekt gebildet und kommt es relativ häufig vor.

Das Wort Birnenbaum ist korrekt nach den deutschen Wortbildungsregeln gebildet. Schwach gebeugte weibliche Substantive (sie bilden den Plural mit en) haben in Zusammensetzungen oft das Fugenelement en. Ein paar fruchtige Beispiele:

Zwetschgenbaum, Pflaumenbaum, Aprikosenbaum, Olivenbaum, Orangenbaum, Kirschenbaum (neben Kirschbaum; auch z. B. nach dem in der Frage zitierten Duden)
Birnenkuchen, Birnenstiel, Birnenwasser, birnenförmig [1]

Die Form passt also. Wird sie auch verwendet? Birnenbaum ist zwar weniger gebräuchlich als Birnbaum, aber es kommt doch relativ häufig vor. Gemäß einem kurzen Google-Blick ins Internet kommt die en-lose Form (je nach Deklinationsform) drei- bis viermal häufiger vor als die Variante mit Fugenelement. [2]

Es gib aus unserer Sicht keinen Grund, Birnenbaum als „nicht bestehend“ oder als „falsch“ anzusehen. Es ist eine korrekt gebildete, relativ häufig verwendete Variante des gebräuchlicheren Wortes Birnbaum. Deshalb führen wir es in unserer Wörterliste.

Warum Birnenbaum in anderen Wörterbüchern nicht erscheint, weiß ich leider nicht. Diese Frage können Sie besser an die Redaktion der betreffenden Wörterbücher richten. Da es keine allgemein gültigen, rein objektiven Kriterien für die Aufnahme von Wörtern in Wörterbücher gibt (Lexikographen und Lexikographinnen mögen mir diese grobe Vereinfachung verzeihen), ist es übrigens nicht sehr erstaunlich, dass nicht alle Wörterbücher genau die gleichen Wörter aufführen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

[1] Es geht hier nicht um die Pluralendung en, sondern um das Fugenelement en, das heißt, es geht nicht darum, dass mehrere Früchte im Baum hängen können, sondern darum, dass weibliche Wörter wie Birne in Zusammensetzungen oft mit dem Fugenelement en stehen. Siehe auch hier.

[2] Diese Google-Angaben sind natürlich keine wissenschaftlich fundierten Zahlen, sondern nur eine Annäherung zur Illustration. Eine Schwierigkeit hierbei ist zum Beispiel, dass Birnbaum auch ein Familienname und Birnbäumen auch ein Ortsname ist.

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