Schmunzel! Freu! Hüpf!

Frage

Es gibt eine Erscheinungsform des Verbes, die ich in keiner Grammatik beschrieben finde. Ein Beispiel aus einem Chat:

– Du hast gewonnen.
– *freu* *hüpf*

Oder in folgender Situation: A soll B in seinem Zimmer nicht stören. A macht es trotzdem absichtlich, indem er zu B ins Zimmer geht, auf und ab springt und dabei in den Raum ruft: „Stör! Stör!“ Können Sie zu dieser Form etwas sagen?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

diese Wortformen werden unter anderem Inflektive genannt, weil sie unflektiert, d.h. nicht gebeugt sind. Ihre Form entspricht dem reinen Verbstamm, den man erhält, wenn man bei der Grundform (Infinitiv) die Endung -en resp. -n weglässt: freuen, schmunzeln. Sie werden wie zum Beispiel aha, pfui, hallo und Mensch! zu den Interjektionen gezählt. Wie diese sind sei eine Art Zwischenrufe, die nicht in die Struktur eines Satzes eingebettet sind.

Die Inflektive sind im Deutschen vor allem durch die Comics bekannt geworden. Wer diese Hefte einmal gelesen hat, kennt Wörter wie:

schepper, krach, rumpel
seufz, ächz, stöhn

Dieser Tatsache verdanken die Inflektive – wie ich dank einem Hinweis von Henk nun auch weiß – die eher inoffizielle Bezeichnung Erikative. Die im Jahr 2005 verstorbene Dr. Erika Fuchs hat als Übersetzerin amerikanischer Comics sehr viele dieser Inflektive geprägt und über die Donald-Duck- und Micky-Maus-Hefte im deutschen Sprachraum bekannt gemacht. Sehen Sie hierzu diesen Wikipedia-Eintrag.

Die Inflektive oder Erikative kommen auch in der Werbesprache und noch häufiger in der SMS-, E-Mail- und Chat-Sprache vor, wo sie unter anderem auch für die sogenannten Emoticons (Smileys) stehen:

:-) = *freu*

Von hier aus sind sie auch in die gesprochene Umgangssprache durchgedrungen, wie Ihr Beispiel „Stör! Stör!“ sehr schön zeigt. Im Standarddeutschen werden Sie in der Regel nicht verwendet.

Grüß!

Dr. Bopp

Kommentare

Altweibersommer

In der Ecke, in der ich weile, konnte man am vergangenen Wochenende prächtigstes Nachsommerwetter genießen: sonnig und warm, ohne dass man ins Schwitzen käme. Ein richtiger Altweibersommer. Ich mag nicht nur diesen Wettertyp, sondern auch das Wort: Altweibersommer.

Ich dachte immer, dass der Altweibersommer so genannt wird, weil er ideal ist für ältere Damen (früher nicht  allzu abschätzig gemeint alte Weiber genannt), die sonst über den Kreislauf belastende Hitze oder Gelenkschmerzen fördernde Nasskälte zu klagen haben. Das würde auch erklären, weshalb ich dieses Wetter mag, denn zu der Katogorie gehöre ich ja auch schon bald. Ich bin zwar keine Dame, aber doch schon etwas älter und hin und wieder über die Gesundheit klagend. Über Gesundheitsprobleme und die aktuelle Wetterlage zu klagen ist bekanntlich nicht nur dem weiblichen Geschlecht eigen. Wie dem auch sei, meine Ideen zur Wortherkunft stimmen nicht. Es gibt nämlich eine poetischere Erklärung:

Der Altweibersommer verdankt seinen Namen den Spinnenfäden, die im Herbst durch den Wind davongetragen werden. Ob diese Spinnenfäden mit den grauen Haaren alter Frauen verglichen wurden? Sie haben auf jeden Fall noch andere schöne Namen wie Marienseide, Marienfäden oder Herbstfäden. Es könnte auch sein, dass weib nicht mit dem alten Wort für Frau, sondern mit weiben, einem alten Wort für weben, zu tun hat. Wie sich die Herkunft des Wortes Altweibersommer genau erklären lässt, ist also nicht völlig geklärt.

Auch wenn es vielleicht nicht ganz stimmt, gehe ich doch noch davon aus, dass Altweibersommer eine Zusammensetzung ist, die aus einem Adjektiv und zwei Substantiven besteht. Dieser Wortbildungstyp kommt relativ häufig vor, insbesondere mit Zahlwörtern an erster Stelle. Er bildet Wörter wie Achtfamilienhaus, Fünfsternehotel, Vielvölkerstaat und Mehrparteiensystem, aber eben auch so schöne Wortschöpfungen wie Dreitagebart, Hinterzungenvokal, Schwarzfersenantilope, Sechstagerennen, Siebenmeilenstiefel, Weißwangengans, Weitstreckenwagen, Zwölfprophetenbuch und (vielleicht) Altweibersommer.

Weitere Beispiele finden Sie auf dieser Seite.

Kommentare

Gelenkschmerzen oder Gelenksschmerzen?

Heute geht es wieder einmal um regionale Unterschiede, die es überall und in allen Bereichen der Sprache gibt. Diesmal ist weder die Rechtschreibung noch die Schweiz betroffen. Wir bleiben allerdings im Süden:

Frage

Wie schreibt man zusammengesetzte Wörter mit dem Wort Gelenk als Teil, wie z.B. Gelenk(s)arthroskopie, Gelenk(s)kapsel, Gelenk(s)kollaps, Gelenk(s)knorpel etc. - mit oder ohne Fugen-s? Ich bin aus Österreich. Kann es sein, dass es da Unterschiede zu Deutschland gibt?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

Ihre Vermutung ist richtig. Im Allgemeinen werden Zusammensetzungen mit Gelenk an erster Stelle ohne Fugen-s gebildet:

Gelenkentzündung
Gelenkkapsel
Gelenkschmerzen
usw.

In Österreich sind aber auch die Formen mit Fugen-s üblich:

Gelenksentzündung
Gelenkskapsel
Gelenksschmerzen
usw.

Die letzten Worte richten sich an eingefleischte Teutonen: Die Formen mit Fugen-s sind in Österreich nicht nur üblich, sondern auch korrekt! Regionale Unterschiede gibt es eben auch im Bereich der Wortbildung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Praxisgebühr(en)befreiung

Frage

Wie heißt es richtig: Praxisgebührenbefreiung oder Praxisgebührbefreiung?

Sind folgende Ausdrücke akzeptabel?

Der Patient ist praxisgebührenbefreit bis…
Der Patient ist praxisgebührbefreit bis…

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

beide Begriffe kommen vor und beide Wörter sind korrekt nach den deutschen Wortbildungsregeln gebildet. Praxisgebührbefreiung ohne en scheint allerdings üblicher zu sein.

Wenn Sie diese Variante wählen, können Sie entsprechend auch praxisgebührbefreit bilden. Diesen Ausdruck finde ich aber stilistisch so unschön, dass ich Ihnen dringend eine andere Formulierung empfehlen möchte:

Der Patient ist bis … von der Praxisgebühr befreit.

Oder, wenn es in eine Tabelle o. Ä. passen muss:

Der Patient ist von der Praxigebühr befreit bis: …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Das Praktikumszeugnis, das Korrekturprogramm und das Fugen-s

Frage

Bei einer Bewerbung hat mein Word-Rechtschreibprogramm mir das Wort Praktikumszeugnis in Praktikumzeugnis korrigiert. Auf allen Zeugnissen, die ich aus Praktika erhalten habe, steht aber Praktikumszeugnis. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

das s ist ein sogenanntes Fugenelement. Es entsprach früher dem s des Genitivs. Zum Beispiel:

Essenszeit = Zeit des Essens
Gesprächsleitung = Leitung des Gesprächs

Diese Funktion hat es aber im Laufe der Sprachgeschichte verloren. So kann es zum Beispiel bei weiblichen Wörtern gar kein Genitiv-s sein, weil diese Wörter kein Genitiv-s haben:

Heiratsanzeige
Flüchtigkeitsfehler
Mitternachtsmahl

Im heutigen Deutschen gibt es einfach nur an, dass zwei Wörter zusammengesetzt sind. Nach bestimmten Endungen (z.B. -heit, -keit, -tum, -ion) MUSS es stehen. Bei anderen Gruppen von Wörtern KANN es stehen. Mehr Angaben dazu finden Sie auf dieser und dieser Grammatikseite.

Wenn man nun zweifelt und ein Wort – wie hier Praktikum(s)zeugnis – nicht im Wörterbuch steht, kann man die folgende grobe Faustregel anwenden: Schauen Sie bei anderen Zusammensetzungen mit dem gleichen Wort an erster Stelle nach, ob sie mit oder ohne Fugenelement gebildet werden, und machen Sie es dann gleich.

In unserem Wörterbuch stehen zwei zusammengesetzte Wörter mit Praktikum an erster Stelle:

Praktikumsplatz
Praktikumsstelle

Sie haben beide ein Fugen-s. Demnach heißt es also tatsächlich auch:

Praktikumszeugnis

Diese Methode funktioniert nicht zu hundert Prozent, sie ist aber im Allgemeinen eine gute Faustregel bei Unsicherheiten.

Man kann natürlich auch mit Hilfe von Webbrowsern das Internet absuchen. Diese Methode ist aber mit sehr großer Vorsicht zu genießen, da vor allem bei einer geringen Anzahl Fundstellen eine ganze Reihe von störenden Faktoren eine Rolle spielen kann. Hier ist die Bilanz aber sehr deutlich: über 40.000 Fundstellen für “Praktikumszeugnis” gegenüber nur etwas mehr als 400 für “Praktikumzeugnis”. Man kann also davon ausgehen, dass die Form Praktikumszeugnis eindeutig die im Deutschen übliche Form ist.

Am besten verlassen Sie sich in solchen Fällen ganz einfach auf Ihr Sprachgefühl und darauf, was Sie in Ihrer sprachlichen Umgebung als allgemein üblich wahrnehmen. Ein Rechtschreibprogramm erfüllt die Kontrolle der Fugenelemente nämlich oft nur (sehr) unvollständig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Reflektion statt Reflexion

Frage

Ich habe eine Frage zum Wort Reflektion: Mir fällt in letzter Zeit auf, dass es sehr häufig gebraucht wird im Sinne von Reflexion. Meines Wissens gibt es das Wort aber im offiziellen“ Wortschatz nicht. Oder ist mir da etwas entgangen? Ist es eine neue, spontan von reflektieren abgeleitete Wortbildung, die noch nicht in den Korpus eingegangen ist?

Anwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort Reflektion gibt es im Deutschen offiziell“ (noch?) nicht, auch wenn man ihm immer wieder begegnet. Meistens ist damit wohl Reflexion gemeint. In diesem Zusammenhang wird immer wieder der Einfluss des Englischen angeführt. Dort schreibt man tatsächlich reflection, aber mein Wörterbuch sagt mir, dass man im britischen Englisch auch reflexion schreibt. Bei der Aussprache macht das im Englischen übrigens nichts aus. Davon ausgehend, dass das amerikanische Englisch die Welt regiert und dass englisches …ection vielfach deutschem …ektion entspricht, kann man diesen Einfluss sicher nicht ausschließen.

Es gibt aber auch einen Erklärungsversuch, der ohne das Englische auskommt. Ganz unbegreiflich ist diese Wortbildung nämlich nicht, denn Reflektion liegt doch eindeutig näher bei reflektieren als Reflexion. Außerdem gibt es auch noch die Direktion, die Erektion, die Inspektion, die Interjektion, die Kollektion, die Projektion, die Protektion, die Selektion usw. Das sind alles Wörter, die irgendwie von Verben abgeleitet sind und ebenfalls auf …ektion enden. Wie viele Wörter gibt es dahingegen schon, die auf …exion enden? Wenige: Annexion, Flexion, Komplexion (und ein paar davon abgeleitete Wörter). Es sind auch nicht gerade die am häufigsten vorkommenden Wörter. Als Sprachwissenschaftler hab ich zwar öfter mit der Flexion (= Beugung) zu tun, aber im Allgemeinen ist dies kein allzu häufig verwendeter Begriff. Ich begegne ihm übrigens hin und  wieder in der Form Flektion. Ohne Kenntnisse des lateinischen Ursprungs der Wörter reflektieren (reflectere) und Reflexion (reflexio) kommt man nie darauf, wie das zu reflektieren gehörende Substantiv heißen muss. In Analogie mit den vielen anderen Wörtern auf …ektion ist dann Reflektion eigentlich viel naheliegender.

Ich weiß nicht, ob das Wort Reflektion jeweils aus dem Englischen übernommen wird oder ob es ganz unabhängig davon als Analogiebildung innerhalb des Deutschen entsteht. Wahrscheinlich haben beide Phänomene einen einander verstärkenden Einfluss. Zurzeit sollte man die Verwender von Reflektion noch vorsichtig darauf hinweisen, dass Reflexion besser wäre. Aber wer weiß, vielleicht ist das englisch-deutsche Verschwörerpaar so stark, dass Reflexion einmal von seinem Thron als offizieller Alleinherrscher gestoßen werden wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (4)

Was haben Kohlmeisen mit Kohl zu tun?

Heute arbeite ich zu Hause. Ich habe Aussicht auf das Gärtchen, das von so bescheidener Größe ist, dass ich es manchmal gerne und maßlos übertreibend unsere Parkanlage“ nenne. An der Hauswand hängt ein Nistkasten, in dem sich dieses Jahr zum ersten Mal ein Kohlmeisenpärchen eingenistet hat. Die Jungen sind ausgeschlüpft und piepsen ununterbrochen, was die armen Eltern zu beinahe pausenloser Nahrungsanfuhr antreibt. In rasendem Tiefflug, der eigentlich manchen Jetpiloten vor Neid erblassen lassen müsste, fliegen sie hin und her. Ich wundere mich immer wieder, wie sie es schaffen, rechtzeitig zu bremsen, bevor sie in ihrem Vogelhäuschen verschwinden. Kurzum, ein schöner Anblick für den menschlichen Beobachter und ein fatales Ereignis für unzählige Räupchen und fliegende Insekten.

Was aber haben nun Kohlmeisen mit Kohl zu tun? Die Antwort lautet: gar nichts. Sie heißen wegen der schwarzen Farbe ihres Kopfes so. Ihr Name hat also etwas mit Kohle zu tun. Weshalb dachte ich dann aber doch erst an den Kohl statt an die Kohle?

Das hat damit zu tun, dass es nur ganz wenige Zusammensetzungen mit Kohle an erster Stelle gibt, die die Form Kohl- haben:

kohlschwarz, Kohlrabe, Kohlmeise

Alle anderen Zusammensetzungen haben die Form Kohle- oder Kohlen-. Zum Beispiel

Kohlebenzin, kohlehaltig, Kohle[n]hydrat, Kohle[n]industrie, Kohlenbergwerk, Kohlenheizung

Die meisten Zusammensetzungen mit Kohl- an erster Stelle haben etwas mit Kohl zu tun. Zum Beispiel:

Kohlgemüse, Kohlkopf, Kohlraupe, Kohlrübe, Kohlsuppe

Es gibt im Deutschen fast keine festen Regeln, wann bei der Wortzusammensetzung ein auslautendes e wegfällt und wann ein Fugenelement eingefügt wird. Es geschieht meistens in Übereinstimmung mit anderen Zusammensetzungen, die das gleiche Wort an erster Stelle haben. Das ist also der Grund, weshalb ich – und vielleicht auch Sie – bei der Kohlmeise zuerst ans Gemüse und dann erst an den Brennstoff dachte. So kann man also seinen Irrtum mit Hilfe der deutschen Wortbildungsprinzipien als zwar falsche, aber doch intelligente Folgerung tarnen. Man kann es wenigstens versuchen …

Kommentare (2)

Ein Redaktor redigiert, ein Korrektor korrigiert, ein Lektor …?

Frage

Wie lautet die Verbentsprechung zum Beruf Lektor? Ein Lektor …?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

hier gibt es leider keine schnittige „Einwortantwort“. Ursprünglich konnte man sagen: Ein Lektor liest. Das Wort geht auf das lateinische lector zurück, das Leser, Vorleser bedeutete. Das entsprechende Verb war legere (u.a. lesen), das es – soweit ich weiß – nicht als fremdes Verb ins Deutsche geschafft hat. Auf legere gehen aber direkt oder indirekt auch Wörter wie Legende, Lektion und Lektüre zurück. Obwohl es verdächtig ähnlich klingt, hat das Wort legieren im Sinne von binden (von z.B. Saucen), miteinander verschmelzen (vgl. Legierung) einen anderen Ursprung: Es geht über italienisch legare auf lateinisch ligare (binden, festbinden, verbinden) zurück.

Im modernen deutschen Sprachgebrauch hängt es vom Beruf oder der Funktion ab, was Lektoren und Lektorinnen genau tun. Es hat allerdings immer irgendetwas mit Lesen zu tun. An einer Universität geben sie Kurse oder leiten sie praktische Übungen. In einem Verlagshaus lesen, prüfen und bearbeiten sie Manuskripte. In Gottesdiensten lesen sie Texte vor. In evangelischen Kirchen können sie auch anstelle des Pfarrers Lesegottesdienste halten.

Es gibt also für Lektor nicht eine so schöne Entsprechung wie zum Beispiel bei ein Redaktor redigiert, ein Korrektor korrigiert oder ein Revisor revidiert. Das kommt auch bei anderen alten Verbableitungen vor (zum Beispiel Aggressor, Autor, Professor). Und selbst wenn es das Verb, von dem ein Nomen ursprünglich abgeleitet worden ist, im modernen Deutschen noch gibt, ist die direkte Entsprechung manchmal nicht mehr gegeben: Heutzutage ist es üblich, dass eine Direktorin ihr Unternehmen führt und ein Rektor sein Bildungsinstitut leitet. Dirigiert und regiert wird meist an anderen Orten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Berichtigung

In der Zwischenzeit hat eine aufmerksame Blogleserin mich unten in einem Kommentar darauf aufmerksam gemacht, dass es doch eine Einwortantwort gibt: lektoriert. Man sagt: Ein Lektor lektoriert (das Wort steht sogar in Canoo.net!). Dies gilt jedenfalls, wenn der Lektor oder die Lektorin für einen Verlag tätig ist. Dieser Kommentar zeigt zwei Dinge, nämlich erstens dass man nicht nur in eine Richtung schauen soll und zweitens dass die Sprache so flexibel ist, dass es meistens keine Lücken gibt, wenn man etwas wirklich braucht.

Ich habe beim Verfassen dieses Beitrags den Fehler gemacht, in Analogie mit den anderen Beispielen auch bei Lektor nur nach hinten zu schauen, nämlich dorthin, wo das Wort herkommt. Ich hätte auch vorwärtsschauen müssen. Wörter haben nicht nur einen Ursprung, sondern sie können selber auch wieder Ursprung sein. Man kann nämlich mit -ieren von Fremdwörtern neue Verben bilden, also lektorieren von Lektor ableiten.

Das Verb lektorieren zeigt auch sehr schön, dass wenn es in der Sprache Lücken gibt, diese oft sehr effizient aufgefüllt werden. Wie ich oben so umständlich dargestellt habe, fehlt im heutigen Deutsch die moderne Variante des Verbs, von dem Lektor abgeleitet ist. Davon lassen sich die Menschen der Verlagsbranche aber nicht beeindrucken. Sie haben ganz korrekt ein neues Verb gebildet, damit sie ein Wort haben, mit dem sie ihre Tätigkeit benennen können. Das nennt man dann Sprachwandel und gehört für mich zu den faszinierendsten Aspekten der Sprache.

Ich bedanke mich herzlich bei Marion K. für ihren Hinweis und bitte Frau M. für meine gelinde gesagt unvollständigen Recherchen um Entschuldigung.

Kommentare (2)

Die Bildung von Einwohnernamen

Einwohnernamen geben immer wieder zu Fragen Anlass (nicht nur bei “Fragen Sie Dr. Bopp”). Deshalb auch hier einmal ein Beitrag mit ein paar allgemeinen Worten zur Bildung von Einwohnernamen:

Frage

Eine ausländische Freundin fragte mich kürzlich, ob es denn im Deutschen eine Regel gäbe zur Bildung der Bezeichnung der Einwohner eines Landes, also z. B.

Deutschland –> der Deutsche / die Deutsche
Schweiz –> der Schweizer / die Schweizerin
Frankreich –> der Franzose / die Französin

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

es gibt im Deutschen keine festen Regeln, wie Einwohnernamen gebildet werden. Dies zeigen schon Ihre drei Beispiele. Wie die Einwohner eines Ortes, einer Region oder eines Landes heißen, wird durch den Gebrauch bestimmt. Dabei spielen historische gewachsene Namen (zum Beispiel Franzose, Italiener) und deutsche Ableitungsregeln (zum Beispiel Österreicher, Liechtensteiner, Japaner), aber auch fremdsprachigen Namen (zum Beispiel Guatemalteke, Madrilene) eine Rolle.

So ist nicht durch Regeln zu erklären, warum in England Engländer, in Holland Holländer, aber in Lettland Letten statt Lettländer und in Griechenland Griechen und nicht Griechenländer wohnen. Und in Deutschland wohnen Deutsche, ein Einwohnername, der als einziger wie ein Adjektiv gebeugt wird. Weiter wohnen in Norwegen Norweger, aber in Schweden nicht etwas Schweder, sondern Schweden. Auch in Dänemark trifft man nicht Dänemarker, sondern Dänen. Und dann gibt es noch die “exotischeren” Namen wie Guatemalteke, Chinese, Togolese, Zypriote, Kosovare, Montenegriner, Brasilianer, Jemenit usw.

Man muss also oft lernen, wie die Einwohner eines Ortes, Gebietes oder Landes heißen. Die häufigste Art, einen Einwohnernamen zu bilden, ist das Suffix -er. Siehe die Ableitungsregel in Canoo.net. Auch bei einigen fremdsprachlich beeinflussten Einwohnernamen setzt sich immer mehr die Form auf -er durch. Z.B. Togoer statt Togolese, Zyprer statt Zypriote, Azorer statt Azoreaner. Zum letzten Namen gibt es bereits einen Blogeintrag. Dort finden Sie auch zwei Hinweise, wo Sie Länderlisten mit Einwohnernamen herunterladen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

ungut, unteuer, unblau

Frage

Ich habe letztens eine Person kennen gelernt, die sämtliche Adjektive mit der Vorsilbe un verneint. Z.B. ungut, unteuer, unhell, unblau, unschnell usw. Für mich ist es jedoch völlig klar, dass man einige Adjektive mit dem Wort nicht verneint. Also nicht teuer, nicht hell. Gibt es in diesem Fall eine Regelung oder etwas Ähnliches?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es ist natürlich nicht verboten, alle Adjektive mit un zu verneinen, aber es ist in gewissen Fällen unüblich bis unmöglich. Die Vorsilbe un hat die Funktion, die Bedeutung des Adjektivs, mit dem es verbunden ist, zu verneinen. Es wird nicht oder nur selten bei Adjektiven verwendet, für deren verneinte Bedeutung es bereits ein anderes Wort gibt:

gut – schlecht
teuer – billig
hell – dunkel
schnell – langsam
schön – hässlich

Dies ist aber keine absolute Regel. Während es unschlecht und unhässlich normalerweise tatsächlich nicht gibt, kann man zum Beispiel problemlos ein ungutes Gefühl oder eine unschöne Szene sagen. Im ersten Fall ist ungut weniger stark als schlecht. Im zweiten Fall ist unschön eine oft ironisch gemeinte beschönigende Umschreibung für hässlich. In gleicher Weise sagt der höfliche Mensch unklug, wenn er das Wort dumm vermeiden will.

Ein anderer Fall ist Ihr Beispiel unblau. Der Grund, weshalb man Farbadjektive nicht mit un verneinen kann, ist mir leider nicht bekannt. Dafür müsste ich länger nachforschen. Man sagt jedenfalls nicht unblau, ungrün, unviolett oder unbeige. Dasselbe gilt für zum Beispiel unviereckig, unoval, unsteinern und ungehäkelt.

Ebenfalls nicht oder nur sehr bedingt mit un verneinbar sind Adjektive, die – grob gesagt – nicht eine Eigenschaft, sondern eine Beziehung ausdrücken (Relativadjektive):

*unbetriebsärztlich
*ungeologisch
*unstaatlich

Sehr schön lässt sich dies anhand von geografischen Adjektiven aufzeigen:

nicht englisch = nicht aus England/dem Englischen stammend
unenglisch = nicht der englischen Art entsprechend

Wie Sie sehen, könnte man zu diesem Thema ganze Bücher füllen. Klar ist, dass nicht alle Adjektive sich mit un verneinen lassen. Auch wenn wir die Regeln dafür nicht kennen, sagt uns in den meisten Fällen unser Sprachgefühl, wann dies möglich ist und wann nicht. Wenn jemand also einfach alle Adjektive mit un verneint, handelt es sich wohl um eine bewusst angelernte, wahrscheinlich witzig gemeinte Marotte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)