Kompositorisches zum Muttertag

Es gibt viele, die davon ausgehen, dass man bei einem zusammengesetzten Wort genauere Angaben über die Bedeutung der Verbindung zwischen den beiden Elementen machen kann. Das ist natürlich gut möglich, aber erst wenn man weiß, was das Wort bedeutet. Wenn wir einem zusammengesetztes Wort wie Muttertag zum ersten Mal begegnen und sonst keine weiteren Informationen zur Verwendung erhalten, können wir nur sagen, dass es sich um einen Tag handeln muss, der in irgendeiner Weise etwas mit einer Mutter oder mit Müttern zu tun hat. Wie das genaue Verhältnis zwischen Tag und Mutter ist, lässt sich nicht sagen, das heißt, die genaue Bedeutung des Wortes lässt sich nicht an der isolierten Form Muttertag ablesen. Ist es der Tag, an dem wir unsere Mutter besuchen,  der Tag an dem eine Frau Mutter wird, der erste oder wichtigste Tag in einer Reihe von Tagen oder ein den Müttern gewidmeter Tag? Nur der Kontext und unsere Kenntnis der „Welt“ sagen uns, dass die letztgenannte Bedeutung die allgemein übliche ist.

Das ist nicht weiter tragisch und führt zu keinem großem Verständigungschaos, denn Wörter kommen nur sehr selten ohne jeglichen Kontext vor. Auch bei Zusammensetzungen, die wir zum allerersten  Mal hören oder lesen, ist dank des Kontextes, in dem sie erscheinen, meistens schnell deutlich was sie (ungefähr) bedeuten.

Anhand von Zusammensetzungen mit dem Wort Mutter an erster Stelle, soll hier kurz gezeigt werden, wie unterschiedlich die Bedeutungsverhältnisse innerhalb von Komposita sein können:

Eine große Gruppe von Zusammensetzungen mit Mutter hat die Bedeutung der/die/das Mutter ist:

Mutterbaum. Mutterpflanze, Muttersau, Mutterschaft, Mutterschwein, Mutterstute, Muttertier, Muttervieh, Mutterwild

Oft ist damit Mutter in einem übertragenen Sinne gemeint:

Mutterboden, Muttererde, Muttergarbe, Muttergesellschaft, Mutterhaus, Mutterkonzern, Muttergestein, Muttergewebe, Mutterhaus, Mutterkirche, Mutterland*, Mutterlauge, Mutterpartei, Mutterschlüssel, Mutterpflanze

Eine weitere große Gruppe sind Komposita, die im weitesten Sinne ein Besitzverhältnis angeben (einer Mutter gehörend). Hier sind auch einige eher verhüllende Verwendungen von Mutter im Sinne von Gebärmutter zu finden:

Mutterbrust, Mutterfreuden, Muttergefühl, Mutterfreude, Mutterherz, Mutterkuchen, Mutterleib, Mutterliebe, Muttermilch, Muttermund, Mutterpflicht, Mutterschoß, Mutterschwester, Muttersöhnchen, Muttertrompete

Und dann kommt eine ganze Reihe von verschiedenen Arten von Bedeutungsverhältnissen:

von der Mutter / über die Mutter
Mutterbild

von der Mutter (erhalten)
Muttermal, Muttersprache, Mutterwitz

mit der Mutter
Mutterbindung

durch die Mutter
Mutterherrschaft

für (anstelle) die Mutter
Mutterersatz, Mutterstelle

für (zum Vorteil) die Mutter
Mutterkreuz, Muttertag, Mutterschutz

in Bezug auf die Mutter
Mutterkomplex, Mutterkult, Muttermord, Mutterrecht

bei der Behandlung von Müttern verwendet
Mutterkorn, Mutterkraut

Allzu strikt ist diese Einteilung übrigens nicht zu verstehen. Sie soll nur zeigen, wie flexibel die Wortzusammensetzung im Deutschen auf der Bedeutungsebene verwendet wird. Ich wünsche allen Müttern, aber auch allen Vätern, Söhnen und Töchtern einen schönen Tag!

Kommentare

Schicksalhaftigkeit und andere „fehlende“ Wörter

Frage

Ich wüsste gerne, ob das Wort „Schicksalhaftigkeit“ korrekt ist. Bei den mit -igkeit endenden Wörtern auf Canoonet finde ich es leider nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort Schicksalhaftigkeit ist korrekt. Wenn eine Sache schicksalhaft ist, kann man von deren Schicksalhaftigkeit sprechen.

Die Wahlbeteiligung für den Reichstag lag bei etwa 84 Prozent und trug der von allen Seiten beschworenen »Schicksalhaftigkeit« Rechnung.
Er ist überzeugt von der Schicksalhaftigkeit dieser großen Liebe und sagt: „Mit Michaela war es schon vor 19 Jahren Liebe auf den ersten Blick.“
Es scheint mir wichtig, dass man die Gestaltbarkeit des Lebens mit der Schicksalhaftigkeit des Alters kombiniert.
Beispielsätze aus: Wortschatz-Portal der Universität Leibzig

Im Prinzip kann von allen Adjektiven auf …haft ein Substantiv der Form …haftigkeit gebildet werden. Lange nicht alle diese möglichen Bildungen sind in Wörterbüchern verzeichnet. Weitere Beispiele von nicht in (allen) Wörterbüchern verzeichneten Substantiven dieser Form:

Amateurhaftigkeit
Bruchstückhaftigkeit
Engelhaftigkeit
Fieberhaftigkeit
Frühlingshaftigkeit [endlich!]
Heldenhaftigkeit
Instinkthaftigkeit
Zwanghaftigkeit
usw.

Ich möchte hier wieder einmal erwähnen, dass Wörterbücher nicht alle möglichen Wörter auflisten können. So sind auch bei Weitem nicht alle möglichen Zusammensetzungen von Substantiven oder alle Verbableitungen mit …bar und …ung in Wörterbüchern zu finden.

Das Umgekehrte muss deshalb immer wieder betont werden: Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das keineswegs zwangsläufig, dass es ein Wort nicht gibt. Die Wortbildungskraft unserer Sprache ist viel zu lebendig und zu mächtig, als dass sie sich in ein Wörterbuch – und sei es noch so groß und digital – packen ließe. Die Regel, dass ein Wort nur dann „gültig“ ist, wenn es im Wörterbuch steht, kann deshalb höchstens beim Scrabble-Spielen angewandt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Von frottieren zu frottagieren

Frage

Ich habe einen Text über Frottagen geschrieben und dabei erklärt, wie eine Frottage hergestellt wird. Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Tätigkeit „Frottieren“ und hatte dieses Wort auch in meinen Text eingearbeitet. Bei weiteren Recherchen für eine Fortsetzung musste ich heute jedoch feststellen, dass im kreativen Bereich überwiegend vom „Frottagieren“ gesprochen wird. Laut Cannonet und laut Duden gibt es dieses Wort aber nicht. [...] Ich schreibe Ihnen, weil das Wort „frottagieren“ so häufig im Internet zu finden ist und ich nicht weiß, ob es sich um ein Modewort handelt und ob ich dieses so einfach übernehmen darf. Was geschieht eigentlich mit neuen Wörtern, die sich im Laufe der Zeit durchsetzen?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Verb frottagieren scheint ein Fachwort zu sein, das es (noch) nicht bis in die Wörterbücher geschafft hat. Es ist im Prinzip eine etwas seltsame Bildung, denn sein Basiswort, das Substantiv Frottage, ist eine (französische) Ableitung des Verbs frottieren. Es ist eher ungewöhnlich, ein neues Verb abzuleiten (frottagieren), anstatt auf das ursprüngliche Verb zurückzugreifen (frottieren). Es ist ein bisschen, wie wenn wir vom Substantiv Reibung ein neues Verb reibungeln oder reibungern ableiten würden, statt auf das Verb reiben zurückzugreifen. Im Bereich der Fremdwörter kommt dies aber hin und wieder vor, dann nämlich, wenn ein Bedeutungsunterschied zwischen dem ursprünglichen und dem neuen Verb angegeben werden soll:

frottieren (reiben, abreiben)
→ Frottage
→ frottagieren (mit Frottagetechnik erzeugen/arbeiten)

Hier noch ein paar Beispiele:

dozieren → Doktor → doktorieren
fundieren → Fundament → fundamentieren
fungieren → Funktion → funktionieren
konzipieren → Konzeption → konzeptionieren

Gestützt wird die Wortbildung frottagieren vielleicht auch durch das Verb collagieren, das von Collage kommt. Ich kann nicht beurteilen, ob es sich um ein Modewort oder um eine in der Fachsprache gebräuchliche Bildung handelt. Ich finde „auf die Schnelle“ sowohl frottieren als auch frottagieren im Zusammenhang mit Frottage.

Wenn neue Wörter sich im Laufe der Zeit durchsetzen, werden sie in die Wörterbücher aufgenommen. Bei Fachwörtern wie diesem dauert es wahrscheinlich etwas länger als bei allgemeiner gebräuchlichen Wörtern – falls frottagieren sich tatsächlich einmal durchsetzt, wie dies zum Beispiel E-Mail, scannen, Tsunami, All-inclusive-Urlaub, Mobiltelefon u.v.a.m. schon gelungen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

Guineisch und guineanisch

Kommentar

Leider vermisse ich einen Eintrag zu guineanisch, in Bezug auf Guinea.

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

Sie finden das Wort guineanisch nicht in Canoonet, weil das im Deutschen übliche Adjektiv zu Guinea anders lautet: guineisch. Die Menschen aus Guinea sind Guineerinnen und Guineer. Das Gleiche gilt für Äquatorialguinea: äquatorialguineisch, Äquatorialguineer, Äquatorialguineerin. Nicht nur in Afrika, sondern auch auf einem anderen Kontinent geht es wortbildungsmäßig gleich zu, jedenfalls auf Deutsch: Die Einwohner des neuguineischen Staates Papua-Neuginea werden offiziell Papua-Neuguineer und Papua-Neuguineerinnen genannt.

Auch wenn guineanisch nicht die „korrekte“ Form ist, klingt es eigentlich gar nicht so falsch. Zu vielen Ländernamen, die auf a enden, gehört nämlich ein Adjektiv auf anisch. Aber offensichtlich nicht zu allen. Um der Sache einmal etwas genauer nachzugehen, habe ich im „Länderverzeichnis für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland“ nachgesehen. Dort habe ich u. a. die folgenden Angaben gefunden:

Viele Namen, die auf a enden, haben tatsächlich ein Adjektiv auf anisch:

Andorra, andorranisch, Andorraner/-in
Angola, angolanisch, Angolaner/-in
Antigua, antiguanisch, Antiguaner/-in
Costa Rica, costa-ricanisch, Costa Ricaner/-in o. Costa-Ricaner/-in
Jamaika, jamaikanisch, Jamaikaner/-in
Kambodscha, kambodschanisch, Kambodschaner/-in
Korea, koreanisch, Koreaner/-in
Kuba, kubanisch, Kubaner/-in
Liberia, liberianisch, Liberianer/-in
Nicaragua, nicaraguanisch, Nicaraguaner/-in
Nigeria, nigerianisch, Nigerianer/-in
Samoa, samoanisch, Samoaner/-in
Südafrika, südafrikanisch, Südafrikaner/-in

Bei den folgenden Namen ist es zweifelhaft, ob man beim Adjektiv von der Endung anisch oder isch sprechen muss:

Botsuana, botsuanisch, Botsuaner/-in
Guayana, guayanisch, Guayaner/-in
Guyana, guyanisch, Guyaner/-in
Tansania, tansanisch, Tansanier/-in

Nur die Endung isch haben die Adjektive der folgenden Ländernamen auf a:

Bermuda(s), bermudisch, Bermuder/-in
Burkina Faso, burkinisch, Burkiner/-in
Eritrea, eritreisch, Eritreer/-in
Gambia, gambisch, Gambier/-in
Guinea, guineisch, Guineer/-in
Kanada, kanadisch, Kanadier/-in
Malaysia, malaysisch, Malaysier/-in
Namibia, namibisch, Namibier/-in
Ruanda, ruandisch, Ruander/-in
Sambia, sambisch, Sambier/-in
Sri Lanka, sri-lankisch, Sri Lanker/-in o. Sri-Lanker/-in
Uganda, ugandisch, Ugander/-in

Wie man sieht, fällt das a am Ende des Namens vor isch in der Regel weg. Manchmal aber auch nicht:

Ghana, ghanaisch, Ghanaer/-in
Panama, panamaisch, Panamaer/-in
Tonga, tongaisch, Tongaer/-in

Noch komplizierter wird die ganze Angelegenheit durch Fälle wie diese:

Venezuela, venezolanisch, Venezolaner/-in
China, chinesisch, Chinese/Chinesin
Malta, maltesisch, Malteser/-in
Guatemala, guatemaltekisch, Guatemalteke/Guatemaltekin

Es gibt also keine feste Regel, wie zu geographischen Namen gehörende Adjektive und Einwohnerbezeichnungen gebildet werden müssen. Und dann reden wir hier nur von den auf a endenden Namen von Ländern! Das liegt daran, dass die deutschen Bezeichnungen sich teilweise, aber lange nicht immer und schon gar nicht konsequent nach den Bezeichnungen der am entsprechenden Ort (oder anderswo) gesprochenen Sprache richten. Dieses Durcheinander haben wir also den „Ausländern“ zu verdanken. Weit gefehlt! Die Bezeichnungen haben „wir“ selbst gewählt – und bei unserem eigenen Kontinent erlauben wir uns sogar einen ziemlich unsystematischen Umlaut: Europa, europäisch, Europäer/-in.

Es heißt also guineisch und nicht guineanisch, aber wirklich logisch ist das nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Das Fugenelement in der Bank[en]sprache

Es geht hier weniger um die Bankensprache oder Banksprache an sich als um das Fugenelement en in Zusammensetzungen mit Bank-:

Frage

Ich habe eine Frage zu Komposita mit dem Bestimmungswort Bank. Es gibt einerseits Komposita wie z. B. Bankgeheimnis, Bankkonto und Banknote, die allesamt im Duden aufgeführt sind und die ich auch so schreiben würde.

Daneben gibt es aber eine Reihe von Komposita, bei denen ich unsicher bin: Heißt es Bankensektor oder Banksektor? Bankenwesen oder Bankwesen? Banksprache oder Bankensprache? Interbankengeschäft oder Interbankgeschäft? Interbankzahlungen oder Interbankenzahlungen? Interbankkredite oder Interbankenkredite?

Ich vermute, dass in diesen Fällen beide Varianten möglich sind. Sind Ihnen dazu Tendenzen bekannt?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die Faustregel für Fugenelemente in Zusammensetzungen sagt, dass man bei neuen Zusammensetzungen gleich vorgehen sollte wie bei bestehenden Zusammensetzungen mit dem gleichen Bestimmungswort. Neue Zusammensetzungen mit dem Bestimmungswort Bank sollten demnach gleich gebildet werden, wie bestehende Komposita mit Bank an erster Stelle.

Diese „Regel“ führt im Fall von Bank zu einem kleineren Problem: Es gibt gefestigte Komposita ohne Fugenelement (Bankkonto, Bankgeheimnis), aber auch Komposita mit dem Fugenelement en (Bankenaufsicht, Bankenviertel). Mehr als die genannte Faustregel steht uns aber nicht zur Verfügung. Grammatisch gesehen sind also jeweils beide Bildungen korrekt. Nur der allgemeint Gebrauch kann mit der Zeit bestimmen, was in den Wörterbüchern aufgenommen wird.

Ein mit der üblichen Vorsicht zu genießender Blick ins Internet zeigt, dass bei all Ihren Beispielen beide Formen vorkommen – oft allerdings in unterschiedlicher Häufigkeit.

  • Bankensektor häufiger als Banksektor
  • Bankwesen viel häufiger als Bankenwesen
  • Banksprache häufiger als Bankensprache
  • Keine deutliche Tendenz scheint es bei Interbank- vs Interbanken- zu geben.

Wie Sie richtig vermutet haben, dürfen also immer beide Varianten als korrekt angesehen werden. Sie können sich bei Ihrer Wahl nach der Häufigkeit, aber auch nach Ihrem eigenen Sprachempfinden richten. Wichtig ist höchstens, innerhalb eines Textes oder einer Textsorte (oder einer Firmenterminologie) möglichst konsequent immer zum Beispiel Interbankengeschäft oder Interbankgeschäft zu verwenden. Wären doch alle Bank[en]probleme so einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (3)

Wie aufgebläht ist vorprogrammiert?

Kein neues Thema, aber nun hat es auch „Dr. Bopp“ erreicht: vorprogrammieren.

Frage

Ist das Wort „vorprogrammieren“ eigentlich korrekt? Die Vorsilbe „pro“ bedeutet ja schon „vor“. Oder gibt es einen semantischen Unterschied zwischen „programmieren“ und „vorprogrammieren“?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

programmiert wird immer vorher. Ein Programm gibt ja an, wie etwas verlaufen soll. So gesehen ist es also überflüssig, noch ein vor- vor das Verb zu stellen. Es gab und gibt dann auch verschiedene „Sprachpfleger“ und Stilbücher, die vorprogrammieren unter anderem als „überflüssiges Blähwort“ verdammen. Wenn vorprogrammieren die Bedeutung (den Ablauf) in einem Programm festlegen hat, sollte man tatsächlich auch einfach programmieren verwenden. Dennoch weiß sich vorprogrammieren im deutschen Wortschatz zu behaupten, und dies meiner Meinung nach ganz zu Recht.

Mit vorprogrammiert ist oft gemeint, dass etwas einer Sache innewohnt, dass es unausweichlich ist:

Damit ist ein Streit zwischen den beiden schon vorprogrammiert.
Das Fehlen eines Parkkonzepts programmiert ein Parkplatzproblem bereits vor.

Bei dieser Verwendung von vorprogrammieren verdeutlicht vor-, dass im Unterschied zu programmieren nicht eine bewusste, gewollte Handlung gemeint ist.

Mit vorprogrammieren kann auch unterstrichen werden, dass etwas programmiert wird, bevor man selbst dazu kommt, es zu programmieren:

Die Bildeinstellung wurde vom Hersteller vorprogrammiert.
Sein ganzes Leben war vorprogrammiert.

Das vor- ist also mehr als nur eine Verdopplung. Es fügt weitere Bedeutungselemente hinzu. Diese Art der Verdopplung ist bei Verben keinswegs ungebräuchlich. Im Deutschen haben wir nämlich die Neigung, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist – manchmal sogar ohne hinzukommende Bedeutungselemente. Ein paar Beispiele:

vom Tisch herunterfallen
aus dem Fenster hinausblicken
den Drachen im Wind aufsteigen lassen
Mehl in Säcke einfüllen
alte Möbel aufpimpen (pimpen heißt schon aufmotzen)
im nachfolgenden Text
mit aufgeblähten Segeln
ohne Vorankündigung

Ganz allein steht das Wort vorprogrammieren mit seiner „Verdopplung“ also nicht im deutschen Wortschatz – und bei Weitem nicht all diese „Verdopplungen“ sind einfach nur aufgebläht.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Kommentare (5)

Ist die Beamtin eine Vergewaltigung der deutschen Sprache?

Frage

Eine Frage quält mich schon lange: Einmal las ich, warum die „Beamtin“ nicht Deutsch ist, sondern eine Vergewaltigung unserer Sprache darstellt. Richtig müsse die weibliche Form des Beamten „die Beamte“ lauten. Nun wird von Amts wegen aber „die Beamtin“ verwendet. Ich brauche nicht auszuführen, daß dies in meinen Ohren grausam klingt. Über den Artikel „Mord an Polizeibeamten“ in Ihrem Blog wundere ich mich aber:

Im öffentlichen Dienst tätige Frauen machen uns das Leben hier übrigens wieder einmal viel einfacher: Die Beugung des Wortes Beamtin/Beamtinnen bietet keine größeren Schwierigkeiten.
http://canoo.net/blog/2012/01/06/mord-an-polizeibeamten/

Im Deutschen Wörterbuch http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=beamte gibt es eine saubere Herleitung von (der) Beamte. Salopp gesagt ist es die verkürzte Form von „der Beamtete“, also jemand der mit einem Amt versehen ist. Logischerweise müßte dann das weibliche Wesen eben „die Beamte“ heißen. Die beamtete Frau. Die Beamte.

Die Beamte, der Beamten, der Beamten, die Beamte.

Analog müßte man sonst auch von einer Gelehrtin, Versiertin,  Gereiftin oder Verrücktin sprechen. Oder wie sehen Sie das? Nur weil man heute von einer Friseurin, Beamtin etc. spricht. Davon kann die Normierung ja wohl nicht ausgehen.

Antwort

Sehr geehrter Herr N.,

die weibliche Form zu der Beamte lautet die Beamtin. Das gilt nicht nur „von Amts wegen“, sondern entspricht dem allgemein akzeptierten Sprachgebrauch. Letzteres könnte eigentlich schon als Begründung genügen, aber es ist natürlich besser, noch ein paar erläuternde Worte hinzuzufügen:

Es ist richtig, dass Beamter wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es ist auch richtig, dass weibliche Entsprechungen zu adjektivisch gebeugten männlichen Personenbezeichnungen ebenfalls adjektivisch gebeugt werden:

der Angestellte – die Angestellte
der Gelehrte – die Gelehrte
der Versierte – die Versierte
ein Verrückter – eine Verrückte

Wie so oft gibt es aber auch bei dieser „Regel“ eine Ausnahme:

der Beamte – die Beamtin

Die Entstehung der Ausnahmebildung die Beamtin lässt sich wohl dadurch erklären, dass der Beamte trotz adjektivischer Beugung nicht mehr als substantiviertes Adjektiv ersichtlich ist, weil es das entsprechende Adjektiv *beamt gar nicht (mehr) gibt. Als nicht mehr nur Männer Beamte werden durften, wurde die weibliche Form deshalb durch Anhängen der Endung -in gebildet, wie es bei „normalen“ Substantiven üblich ist.

Wenn es keine Ausnahmen geben dürfte, könnte auch das Wort der Beamte nicht verwenden werden: Es ist eine Verkürzung, die es im Deutschen sonst nicht gibt (der Beamtete wird der Beamte, aber nur der Bedienstete, der Erleuchtete, der Verhaftete und nicht *der Bedienste, *der Erleuchte, *der Verhafte). Wenn man, wie Sie es für die weibliche Form von der Beamte fordern, nur nach gewissen allgemeinen Regeln gebildete Wörter verwenden dürfte, wäre der Beamte also nicht Deutsch, sondern „eine Vergewaltigung unserer Sprache“. Es müsste dann konsequenterweise heißen:

der Beamtete – die Beamtete

Allgemein gebräuchlich und akzeptiert* sind aber die Formen:

der Beamte – die Beamtin

Unsere Sprache hält sich nicht immer an die Regeln, die wir in ihr erkennen oder zu erkennen glauben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Die weibliche, adjektivisch gebeugte Form die Beamte kommt gelegentlich auch vor. Während Duden sie als falsch bezeichnet, wird sie in zum Beispiel DWDS neben der männlichen Form aufgeführt. Beamtin steht allerdings ebenfalls im DWDS. Viele Wörterbücher geben wie Canoonet nur Beamtin als weibliche Personenbezeichnung an.

Duden – Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]
DWDS: BeamteDWDS: Beamtin

Kommentare (2)

Wurde der Torwart elegant umspielt oder grob umgespielt?

Frage

Canoonet gibt die Partizip-II-Form von „umspielen“ mit „umspielt“ an. Was ist aber mit der Form „umgespielt“? Zum Beispiel: Wenn ein Fußballer am Torwart vorbeispielt, dann hat er ihn „umspielt“. Was ist aber, wenn er so spielt, dass der Torwart umfällt? Hat er den Torwart dann „umgespielt“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Form umgespielt lässt sich problemlos bilden. Wenn der Torwart wegen rüden Spiels zu Fall kommt und das Verb spielen bei der Beschreibung des Vorfalls eine Rolle spielen soll, kann man umspielen mit betontem um verwenden:

umspielen – spielte um – hat umgespielt

Das trennbare Verb umspielen bedeutet dann durch (grobes) Spielen zu Fall bringen:

Er spielte den Torwart um. Er hat ihn umgespielt.

Wenn der Ball hingegen elegant um den Torwart herumgespielt wird, wird der gute Mann umspielt:

Er umspielte den Torwart. Er hat ihn umspielt.

Das trennbare úmspielen ist aber eher eine Gelegenheitsbildung, die stilistisch vielleicht nicht allen gleich gut gefällt.

Die trennbaren Vorsilbe um ist im Deutschen produktiv, das heißt, mit ihr können neue Verben gebildet werden. Diese Verben drücken unter anderem aus, dass jemand oder etwas aus dem Gleichgewicht, zum Umfallen gebracht wird. Zum Beispiel:

umfächeln, fächelte um, hat umgefächelt
Die Baronin fächelte mit ihrem Spitzenfächer verärgert das Kartenhaus um.

umflattern, flatterte um, hat umgeflattert
Der große Vogel hat den kleine einfach umgeflattert.
Die Taube flatterte beinahe das Limonadenglas um.

umspülen, spülte um, hat umgespült
Die große Welle hat mich einfach umgespült.

umbeamen, beamte um, hat umgebeamt
Mit der Waffe beamst du alle Aliens sofort um!

umrütteln, rüttelte um, hat umgerüttelt
Laternenmast umgerüttelt: Jugendliche schafften es nach mehreren Versuchen, einen Laternenmast komplett zu Fall zu bringen, weil er durch das Rütteln an einer Schweißnaht durchbrach.
Auch auf der Ladefläche eines Lastwagens stehend, kann man auf schlaglochreicher Straße umgerüttelt werden.

umdrücken, drückte um, hat umgedrückt
Münze nicht zur Hand – Schranke umgedrückt!

usw.

Nicht all diese Bildungen sind jeweils in den Wörterbüchern verzeichnet, vor allem diejenigen nicht, die man den selbsterklärenden Gelegenheitsbildungen zurechnen kann. Das gilt übrigens auch für Verbableitungen mit den Präfixen ab-, auf-, aus-, durch-, unter-, über- usw. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das noch lange nicht, dass es das Wort nicht gibt! Damit würden unserer Sprache viel zu enge Zügel angelegt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

An Zahlungs statt – Genitiv oder Fuge?

Frage

Was halten Sie von der im Juristendeutsch häufig anzutreffenden Wendung „von Verfassungs wegen“? [...] Ich meine: Von Sprachbildungs wegen müssten manche Juristen, und seien sie höchstpositioniert, links und rechts abgewatscht werden; dies ist freilich nicht nur von Rechts, sondern auch von Erbarmungs und Menschenwürdes wegen zu unterlassen, und zwar selbst dann, wenn der gleiche Personenkreis von Sachleistungen spricht und schreibt, die „an Zahlungs statt“ zu leisten seien. Wo kommt dieses alberne „ungs-s“ her?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

mit dem „Abwatschen“ würde ich vorsichtig sein. Die Wendung an Zahlungs statt ist zwar ein bisschen veraltend, aber sie gilt standardsprachlich als korrekt und ist in (fast) allen Wörterbüchern zu finden. Früher schrieb man zum Teil auch an Zahlungsstatt. Das s hat sich in Analogie mit an Eides statt und an Kindes statt (früher auch: an Kindesstatt) eingeschlichen. Die Frage ist nun, ob es sich wirklich um eine Genitivendung handelt. Dass dem nicht unbedingt so sein muss, zeigen die alten, zusammengeschriebenen Formen.

Die Präposition (an)statt ist aus einem Substantiv entstanden: die Statt = Ort, Platz, Stelle. Da dieses Substantiv in der präpositionalen Wendung keine substantivischen Merkmale mehr aufweist, schreibt man es klein (so die Rechtschreibregelung).

Wenn man heute an Zahlungsstatt schriebe, würde sich kaum jemand über das s wundern. Es wäre klar, dass es sich um ein Fugen-s handelt, das immer in Zusammensetzungen mit weiblichen Wörtern auf –ung steht und das auch in zum Beispiel Zahlungsauftrag und Zahlungsfrist vorkommt. Da man aber an Zahlungs statt schreibt, ist diese mögliche Herkunft des s nicht ersichtlich.

Bei von Verfassungs wegen ist die Lage ähnlich. Der Ausdruck ist allerdings noch mehr als an Zahlungs statt reiner Fachjargon – Juristendeutsch „vom Feinsten“. Das s wurde hier wohl in Anlehnung an von Rechts wegen eingeschoben. Dieser Einschub wurde dadurch erleichtert, dass auch wegen auf ein Substantiv zurück geht (Dativ Plural von Weg). Hier ist das s zwar ziemlich sicher ein durch falsche Analogie gesetztes Genitiv-s, es wird aber durch das Fugen-s nach –ung gestützt, das zum Beispiel auch in Verfassungsänderung und verfassungsfeindlich vorkommt.

Natürlich kann ein solches „Analogie-Genitiv-s“ oder „historisch begründbares Fugen-s“ nicht so, wie Sie es scherzhaft in Ihrer Frage tun, überall eingefügt werden. Es kommt nur in einigen wenigen festen Wendungen vor und ist mehr (an Zahlungs statt, von Obrigkeits wegen) oder weniger (von Verfassungs wegen) bekannt und akzeptiert. Die Situation ist also nicht ganz so eindeutig, dass man gleich zum Abwatschen übergehen sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Viel übersichtlicher ist die Lage in einem anderen Fall: In den Wendungen des Nachts und eines Nachts handelt es sich eindeutig um ein Genitiv-s, das heißt um Analogiebildungen zu Genitivformen wie des Morgens, eines Morgens, eines Tages usw. (mehr dazu hier).

Kommentare (2)

Informanten informieren Informanden

Frage

Warum werden Reaktanten am Ende mit einem t geschrieben? Diese Frage taucht regelmäßig auf, wenn es um chemische Reaktionen geht. Nun hatte ich nie Latein, aber denke, dass es etwas mit dem „Vorgang“ zu tun haben könnte, denn ein Doktorand ist ja jemand, der gerade dabei ist, seinen Doktortitel anzustreben; er ist im Prozess des Doktorwerdens. Bei einem Konfirmanden kann man ähnlich argumentieren. Ist ein Reaktant nun etwas, was einfach reagiert?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Reaktant bedeutet wörtlich Reagierender. Die Endung –ant geht auf die Endung des lateinischen Partizip Präsens Aktiv (–ans/–antis) zurück. Es gibt im Deutschen relativ viele Fremdwörter dieser Form. Zum Beispiel:

Demonstrant/-in = demonstrierende Person
Informant/-in  = informierende Person
Simulant/-in  = simulierende Person
Sympathisant/-in  = sympathisierende Person
Repräsentant/-in  = repräsentierende Person

Es gibt auch „Nichtpersonen“ auf –ant:

Hydrant = Zapfstelle am Wasserleitungsnetz; wörtlich: Hydrierender (Wassergebender)
Reaktant = Stoff, der mit einem anderen eine chemische Reaktion eingeht; wörtlich: Reagierender
Konsonant = Mitlaut; wörtlich: Mitklingender

Die Variante –ent (lat. -ens/–entis) hat die gleiche Bedeutung:

Assistent/-in = assistierende Person
Dirigent/-in  = dirigierende Person
Konkurrent/-in  = Konkurrierende(r)
Produzent/-in  = Produzierende(r)
Student/-in  = studierende Person
Substituent = Atome, die in einem Molekül andere Atome ersetzten können; wörtlich: Substituierender (Ersetzender)

Nun kommen wir zur zweiten Endung, die Sie erwähnen: Ein Doktorand ist wörtlich genommen eine Person, die zum Doktor gemacht werden soll. Die Endung –and geht auf die Endung des lateinische Gerundivs (–andus) zurück. Diese Verbform entspricht im Deutschen einer Umschreibung mit zu + Partizip Präsens (…and = zu …end). Sie drückt aus, dass etwas mit jemandem oder einer Sache getan werden sollte. Weitere Beispiele sind:

Konfirmand/-in = Person, die konfirmiert wird/werden soll
Informand/-in = zu informierende Person
Multitplikand = zu multiplizierende Zahl

Promovend/-in = zu promovierende Person
Subtrahend = zu subtrahierende Zahl

Der Informant ist also der Informierende und der Informand der zu Informierende. Das ist eine klare Rollenverteilung: Informanten informieren Informanden. Trotzdem begegnen sich die beiden in der Sprachrealität erstaunlich selten. Das hat damit zu tun, dass Fremdwörter, wie auch Ihr Beispiel Reaktant zeigt, oft in einem bestimmten Zusammenhang verwendet werden. Informanten versorgen in der Regel die Polizei und (wissenschaftliche) Untersuchungen mit Informationen. Der Begriff Informand hingegen kommt vor allem im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung vor – es sei denn, es handle sich, wie recht oft, um einen falsch geschriebene Informanten!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (3)