Schlecht war früher schlicht

Zum Wochenende wieder einmal etwas Wortgeschichte. Ich bin kürzlich auf den Zusammenhang zwischen schlecht und schlicht gestoßen, der mir vorher gar nicht bewusst war.

Das alte Adjektiv sleht bedeutete ursprünglich glatt, geglättet, eben. Es ist unter anderem mit schleichen (ursprünglich = gleiten) verwandt. Später erhielten schlecht und seine abgelautete Variante schlicht auch die Bedeutung einfach, schlicht.

Dann geschah, was häufiger geschieht: Ursprünglich neutral Begriffe können eine negative Bedeutung erhalten. Bekannte Beispiele sind Weib, Dirne, gemein und ordinär, die ursprünglich Frau, Mädchen, allgemein und gewöhnlich bedeuteten (vgl. hier). Und auch gewöhnlich hat ja manchmal schon einen eher negativen Beigeschmack, zum Beispiel wenn es um Design, Schönheit, Essen, Wein u. Ä. geht.

Zurück zu schlecht: Ab dem 15. Jahrhundert wird schlecht als Gegensatzwort zu ausgezeichnet, kostbar, wertvoll verwendet und erhält so langsam die Bedeutung minderwertig, nicht gut. Es hat also einen ähnlichen „Abstieg“ hinter sich, wie die oben erwähnten Wörter. Der leere Platz im Wortschatz, der dadurch hätte entstehen können, wurde durch schlicht aufgefüllt. Schlicht wurde das neue Schlecht – oder so ähnlich.

So kam das Adjektiv schlecht zu seiner negativen Ladung. Seine ursprünglich neutrale Bedeutung überlebt noch in den Adverbien schlechthin und schlechtweg, wenn damit geradezu, einfach gemeint ist. Und schlicht bedeutet schlechtweg immer noch schlicht.

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Vom Anwalt zum Verbrecher: Syndikat

Manche Wörter können im Laufe der Zeit eine erstaunlich große Bedeutungsspannweite überbrücken. So auch das Wort, das heute meine Neugier erregt hat: Syndikat.

Ein Syndikat ist im heutigen Deutschen u. a. ein Zusammenschluss von Unternehmen, ein Kartell, dessen Mitglieder ihre Produkte über eine gemeinsame Verkaufsorganisation absetzen müssen. Bei mir ist der Begriff aber vor allem aus Maffia- und anderen Verbrecherfilmen bekannt, in denen er für Verbrecherorganisationen und -kartelle steht, die die Polizei sowie einander mit Intrigen und viel Geknalle bekämpfen.

Das klassisch griechische Wort syndikos bezeichnete einen Anwalt, einen Verteidiger von Bürgern vor Gericht. Es besteht aus zwei Teilen: syn = zusammen und dikè = Rechtssache, Rechtsverhandlung. Diese Bedeutung hat es auch heute im Wort Syndikus = Rechtsbeistand, juristischer Vertreter.

Einige Jahrhunderte später entstand im Französischen das Wort syndicat mit der Bedeutung Zusammenschluss, der gemeinsame geschäftliche Interessen vertritt. Mit dieser Bedeutung haben wir es auch ins deutsche übernommen. Geschäftsleute und große Unternehmen können sich zu Syndikaten zusammenschließen, die ihre Interessen wahrnehmen. Dasselbe können auch Verbrecher tun, man denke an Drogensyndikate und Ähnliches. Und so ist die Brücke vom Anwalt zum Verbrecher geschlagen, ohne dass ich dafür stammtischmäßig behaupten muss, alle Anwälte seien Verbrecher.

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Zügeln

Wenn Sie bei Wörtern wie Zügeltermin, Zügelfirma, Zügelschachtel und Zügelstress an Pferde und Pferdesport denken, kommen Sie nicht aus der deutschsprachigen Schweiz. Das Verb zügeln hat nämlich im schweizerischen Deutsch, zumindest im eher umgangssprachlichen, zwei Bedeutungen.

Einerseits bedeutet es wie überall mit dem Zügel zurückhalten und im übertragenen Sinne beherrschen, unter Kontrolle bringen. Die anderswo unbekannte Verwendung ist umziehen, den Wohnort wechseln. Mit den eingangs genannten Wörtern ist also gemeint: Umzugstermin, Umzugsfirma, Umzugskarton und Umzugsstress.

Beide zügeln gehen auf das Verb ziehen zurück. Das allgemein gebräuchliche Verb gehört zu Zügel. Mit einem alten männlichen Suffix (-ila-) wurden Gerätebezeichnungen gebildet (vgl. auch z. B. Gürtel, Deckel, Schlägel, Schlüssel). Ein zugil war ein Gerät zum Ziehen – und ist es in der Form Zügel eigentlich immer noch. Das schweizerische zügeln kommt ebenfalls von Zug resp. ziehen, was ja nicht sehr erstaunlich ist, denn die gemeindeutsche Bezeichnung umziehen für einen Wohnungswechsel greift ja auch auf dieses Verb zurück.

Diesen kleinen Exkurs in die Regionalsprache haben Sie der Tatsache zu verdanken, dass unser Wohnungswechsel oder eben das Zügeln letzte Woche glimpflich verlaufen ist, die meisten Kartons wieder ausgepackt sind und sich bei mir der Zügelstress langsam wieder legt.

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Von Basilikum und Basilika

Heute einmal eine Frage zur Wortherkunft, die bei uns am Tisch auftauchte. Sie passt gut zum Sommer und zur Urlaubszeit. Man denke an Sonne, gutes Essen, Italien und Kultur.

Das sommerlichste aller Küchenkräuter ist Basilikum. Vor allem mit Tomaten schmeckt es ausgezeichnet. Das war auch gestern Abend der Fall. Es gab Insalata caprese, die italienische Vorspeise mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum. Aber ums Kochen und um Rezepte soll es hier ja nicht gehen (leider …). Also zurück zur Sprache: Beim Essen kam die Assoziation Basilikum – Basilika auf. Die Wörter klingen fast gleich und sie haben beide etwas Mediterranes, aber was hat eine aromatische Pflanze mit Kirchenbauten gemein?

Die Antwort lautet: Sie haben beide etwas Königliches.

Basilika

Eine Basilika ist ein mehrschiffiger Kirchenbau mit einem erhöhten Mittelschiff. Dieser Bautypus war vor allem im Mittelalter beliebt, kam aber schon in frühchristlicher Zeit vor. Architektonisches Vorbild waren öffentliche Markt- und Gerichtshallen in Rom. Eine solche basilica richtete sich wiederum nach einem griechischen Muster, der basilikḗ (stoá), was so viel wie königliche Wohnung bedeutet. Das Adjektiv basilikós ist eine Ableitung von basilé͞us = König.

Basilikum

Das Wort Basilikum ist die sächliche Form des lateinischen Adjektivs basilicus = königlich, fürstlich. Die Lateiner haben es, wie wir bereits gesehen haben, von den Griechen übernommen, die das Kraut basilikon phytón nannten, d. h. königliche Pflanze.

Basilikum ist also eine königliche Pflanze und eine Basilika ein königliches Bauwerk – jedenfalls was ihre Wortherkunft betrifft.

Basilisk

Harry-Potter-Fans, sonstige Kenner von Fabelwesen sowie Reptilienkundige wissen, dass es ein weiteres sehr ähnlich klingendes Wort gibt: Basilisk. Das Fabelwesen mit tödlichem Blick und die Echsenart tragen ebenfalls einen griechischen Namen: basilískos bedeutet kleiner König, Prinz. Es war wahrscheinlich der Name einer Echsenart mit einem weißen Fleck auf dem Kopf, der einer Krone glich.

Die Frage, die beim gestrigen Abendessen aufkam, ist so weit beantwortet. Und wenn ich an den Tomaten-Mozzarella-Salat zurückdenke, muss ich sagen, dass frisches Basilikum wirklich königlich schmeckt.

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Von Bock und Cabrio

Vor meinen Ferien habe ich mich mit ein bisschen Etymologie verabschiedet, deshalb heute „zum Ausgleich“ gleich wieder ein bisschen Wortgeschichte. Der Titel dieses Artikels bezieht sich also nicht auf eine moderne Fabel oder eine boshafte Bemerkung über gewisse ältere, sich noch einmal jung fühlen wollende Cabrioletfahrer, sondern auf die Herkunft des Wortes Cabriolet (kurz: Cabrio).

Heute ist ein Cabriolet ein Auto, mit einem zurückklappbaren Verdeck, in dem man sich bei schönem Wetter die Sonne auf den Kopf scheinen und den Wind um die Ohren wehen lassen kann. Das Auto ist der Nachfolger der Kutsche, so auch das Cabriolet: Früher war es ein zweirädriger Einspänner mit einem zurückklappbaren Verdeck. Seinen Namen verdankte es der Tatsache, dass es sich um einen leichten Wagen handelte, der beim Fahren Sprünge machte. Und hiermit bewegen wir uns dann langsam in Richtung Bock.

Cabriolet ist französisch und dort eine Ableitung von cabrioler = springen, Luftsprünge machen. Wie so oft stammt das französische Wort aus dem Italienischen, und zwar über das Verb capriolare von capriola = Bocksprung, Reh. Dieses Wort wiederum stammt über zwei, drei Stufen vom lateinischen caper = Ziegenbock. Fast die gleiche Herkunftsgeschichte hat übrigens auch das Wort Kapriole.

Das sommerliche Fahrzeug, das diese Saison in vielen Regionen noch nicht allzu oft voll zu seinem Recht kommen durfte, kann seine Namen also auf den Ziegenbock zurückführen. Ich habe heute wieder ein solches sportliches Gefährt mit geschlossenem, nassem Dach gesehen und mich plötzlich gefragt, woher es denn seinen Namen hat. Am Steuer saß übrigens kein älterer, sich noch einmal jung fühlen wollender Mann, sondern eine blond(iert)e Dame, die einem anderen Klischeebild entsprach.

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Vergissmeinnicht und Urlaub

Vergissmeinnicht

Weil sie im Garten und darum herum gerade so schön geblüht haben und sie einen so speziellen Namen tragen, hier ein paar Worte zum Vergissmeinnicht. Sie finden diese Angaben auch in etymologischen Wörterbüchern und andernorts, aber ich habe es hier einmal für Sie zusammengetragen:

Der ungewöhnliche Name Vergissmeinnicht kommt seit Anfang des 15. Jahrhunderts vor. Er wurde für Blumen verwendet, die nun andere, aber nicht viel weniger fantasievolle Namen tragen: Männertreu, Jelängerjelieber (eine Art Geißblatt) u.a.m. Die genaue Herkunft der Bezeichnung ist unbekannt, aber man nimmt an, dass diese Blumen als Aphrodisiakum angesehen wurden oder als Symbol für Liebende und die Vergänglichkeit der Liebe Verwendung fanden. Mitte des 16. Jahrhunderts (1561) findet man Vergissmeinnicht beim Schweizer Gelehrten Conrad Gesner zum ersten Mal als Name für die Blume mit den kleinen blauen Blüten und den rauhaarigen Blättchen.

Vergissmeinnicht

Ebenfalls im 15. Jahrhundert findet sich im Französischen die gleichbedeutende Bezeichnung ne m’oublie(z) mie (Modernfrz. ne m’oubliez pas). Ein gemeinsamer Vorfahre oder ein direkter Zusammenhang lässt sich offenbar nicht nachweisen. Interessant ist aber, dass sich dieser deutsche und französische Name wahrscheinlich mit Hilfe von botanischen Schriften auch in anderen Sprachen etablieren konnte. Hier ein paar Beispiele:

eng. forget-me-not
nld. vergeet-mij-nietje
schwed. förgätmigej
sp. nomeolvides
it. nontiscordardimé
russ. nezabúdka (незабудка)
poln. niezapominajka

Fast ebenso poetisch finde ich übrigens den botanischen Namen des Blümchens: Myosotis. Dieses griechische Wort bezieht sich auf die Form und die weiche Behaarung der Blättchen: Es bedeutet Mäuseohr.

Urlaub

Vom 25. Mai bis 5. Juni habe ich Urlaub (in einem Land, in dem das Blümchen neben myosotis auch ne m’oubliez pas heißt). Es wird also in den nächsten Tagen keine neuen Blogeinträge geben und auch auf eine Reaktion auf Ihre Fragen und Kommentare müssen Sie leider länger warten. Vom 6. Juni an werde ich versuchen, Ihnen so schnell wie möglich zu antworten. Vergessen Sie mich in der Zwischenzeit bitte nicht!

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Flügge

Kleine Kinder werden groß. Heute Mittag standen wir am Flughafen, um Lisa zu verabschieden, eine achtzehnjährige junge Frau, die für drei Jahre Studium nach Neuseeland abgereist ist. Sprachlich war ich nicht zu viel mehr im Stande als zu ein paar ungeschickten Abschiedsworten für Lisa und einigen tröstend gemeinten Bemerkungen für die Eltern, denen Tränen über die Wangen rollten, und für den baumlangen Freund, dem es auch nicht gelang, die Augen trocken zu halten. Darüber werde ich also weiter nichts berichten.

Dann fiel mir auf dem Flughafen das Wort flügge ein. Die kleine Lisa, deren Eltern ich schon kannte, als sie noch nicht geboren war, ist flügge geworden. Sie verlässt das elterliche Nest und fliegt in die Welt hinaus. Auf dem Flughafen ist die Bildsprache schon fast wörtlich zu verstehen. Auf dem Weg nach Hause brach dann wieder der Sprachler in mir durch: „Ein seltsames Wort eigentlich, flügge mit zwei g.“ Das Adjektiv ist natürlich eng mit fliegen und dessen abgelautetem Stamm flug verwandt. Nach den Angaben der Wörterbücher erklärt sich die ungewöhnliche Form mit zwei g daraus, dass im 15. Jahrhundert mit vlügge ein niederdeutsches Wort ins Hochdeutsche übernommen wurde. Darüber, warum hier ein Wort aus dem Niederdeutschen ins Hochdeutsche gelangt ist, sagen die Wörterbücher leider nichts. Flügge werden Vögel doch nicht nur im Norden, d.h. im niederdeutschen Sprachraum, sondern überall.

Flügge, die Wortgeschichte ist so nicht allzu interessant, aber an diesem etwas gefühlsbetonten Tag wollte ich dieses Wort trotzdem kurz erwähnen. Kleine Mädchen werden groß – und Linguisten auch nicht jünger.

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Von fossil zu Fossil und andere Ableitungsfragen

Frage

Im Canoo-Lexikon findet sich im Bereich Wortbildung (genauer: Konversion) folgendes Beispiel zur Nomenableitung aus Adjektiven: Fossil von fossil. Meine Frage dazu: Woher meint man zu wissen, dass sich das Nomen vom Adjektiv herleitet und nicht etwa umgekehrt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei Wörtern, zwischen denen ein Ableitungsverhältnis besteht, ist es manchmal schwierig oder sogar unmöglich, zu sagen, wie genau dieses Wortbildungsverhältnis aussieht. In vielen Fällen ist die Bestimmung des Ableitungsverhältnisses einfach: Das Wort mit dem zusätzlichen Präfix oder Suffix ist die Ableitung.

ableiten + ung → Ableitung
Wort + lich → wörtlich
be + fragen → befragen

Manchmal ist es aber nicht ganz so einfach. Ist zum Beispiel ein Roggenbrötchen ein kleines Roggenbrot oder ist es ein Brötchen aus Roggenmehl?

Roggenbrot + chen → Roggenbrötchen
Roggen + Brötchen→ Roggenbrötchen

Ist eine Tierärztin ein weiblicher Tierarzt oder eine Ärztin für Tiere?

Tierarzt + in → Tierärztin
Tier + Ärztin → Tierärztin

Ist Kindergärtner wirklich das Basiswort und Kindergärtnerin die Ableitung? Kindergärtner hat zwar ein Suffix weniger, aber es gab zuerst Kindergärtnerinnen und erst später haben auch Männer angefangen, diesen Beruf auszuüben:

Kindergärtner → Kindergärtnerin
Kindergärtnerin → Kindergärtner

Gerade bei der Konversion, das heißt bei der Ableitung ohne Präfixe oder Suffixe, ist es nicht immer gleich offensichtlich, in welcher Richtung die Ableitung verlaufen ist. Das Verb würfeln kommt von Würfel, während das Substantiv Schmuggel von schmuggeln abgeleitet ist. Das Substantiv Rot kommt vom Adjektiv rot, während das Adjektiv orange vom Substantiv Orange kommt.

Würfel → würfeln
schmuggeln →  Schmuggel

rot → Rot
Orange → orange

In vielen Fällen lässt sich aus formalen Kriterien, der Bedeutung oder der Wortgeschichte erschließen, welches Ableitungsverhältnis besteht oder am wahrscheinlichsten ist. In anderen Fällen wie zum Beispiel Tierärztin muss man entweder einfach beide Ableitungsvarianten angeben oder, wenn dies wie in unseren Wortbildungsbäumen nicht möglich ist, ein rein pragmatisches Vorgehen wählen. (In Canoonet: Weibliche Personenbezeichnungen mit in werden von der männlichen Personenbezeichnung abgeleitet.)

Im Fall von fossil – Fossil ist das Ableitungsverhältnis unklar, wenn man nur das Deutsche anschaut. Hier kommt uns die Wortgeschichte zu Hilfe. Der Wortausgang il geht nämlich auf die lateinische Adjektivendung ilis zurück, die u. A. auch in agil, infantil, taktil und viril vorkommt.

Unser Adjektiv fossil kommt über das französische fossile vom lateinischen fossilis = ausgegraben, auszugraben. Es ist eine Ableitung vom Partizip fossum des Verbs fodere = graben. Auch die Substantivierung Fossil haben wir aus dem Französischen übernommen. Die Ableitung fossil → Fossil hat also wortgeschichtlich gesehen schon im Französischen oder sogar schon im Lateinischen stattgefunden. Da dieses Ableitungsverhältnis im Deutschen einfach nachvollziebar ist, geben wir es auch in Canoonet so an.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Radikale Radieschen

Keine Angst, es folgt keine lustig oder absurd gemeinte Geschichte, in der radikale Radieschen, rüpelhafte Rübchen und zweifelnde Zwiebeln vorkommen. Es ist mir auch kein packender Satz mit den Wörtern radikal und Radieschen in den Sinn gekommen. Ich konnte es einfach nicht lassen, diesen Titel zu verwenden, nachdem mir bei der Beantwortung einer Frage nach der Herkunft des Wortes Radieschen aufgefallen war, dass dieses Gemüse und das Adjektiv radikal wortgeschichtlich die gleiche Wurzel haben.

Radieschen

Das Adjektiv radikal geht am deutlichsten auf radix, das lateinische Wort für Wurzel, zurück. Es kommt vom spätlateinischen radicalis, einer Ableitung von radix. Bei der Bedeutung oder, besser gesagt, bei den Bedeutungen von radikal wird es schon etwas komplizierter. Es bezeichnete zuerst eingewurzelt, angestammt, angeboren. Später erhielt es unter Einfluss des französischen radical die Bedeutung grundlegend, von Grund auf, gründlich und schließlich wurde es unter Einfluss des englischen radical auch für politisch o. ideologisch extrem, unnachgiebig verwendet. Ein schönes Beispiel dafür, wie andere Sprachen mit hohem Prestige zu verschiedenen Zeiten ein deutsches Wort beeinflussen können: lateinischer Ursprung, danach französische und später englische Bedeutungselemente.

Das Wort Radieschen hat einen anderen Weg zurückgelegt. Die Verkleinerungsform hat das ursprüngliche, seit dem 17. Jahrhundert bezeugte Radi(e)s verdrängt. Dieses stammt vom gleichbedeutenden niederländischen radijs. Die Niederländer haben radijs von den Franzosen übernommen, die wiederum ihr radis aus dem Italienischen entlehnt haben. Und das italienische radice kommt – Sie haben es bestimmt schon erraten – vom lateinischen radix. Auch Radieschen ist also ein Fremdwort.

Dasselbe gilt im Prinzip für einen botanischen Verwandten, den Rettich. Das Wort Rettich geht auch auf radix zurück, aber es wurde schon viel früher ins Deutsche übernommen. Die Form ratih war schon im Althochdeutschen des 9. Jahrhunderts anzutreffen und hat seither einige lautliche Entwicklungen durchgemacht, so dass Rettich heute kaum noch als Nachfahre von radix zu erkennen ist.

Rettich, Radieschen, radikal, drei Wörter desselben Ursprungs, die zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen ins Deutsche gelangt sind.

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Spektakel um Spione

Weil das Auspionieren und das Fangen oder eben Nichtfangen von Spionen in Deutschland gerade wieder einmal aktuell ist, habe ich mich gefragt, woher das Wort Spion eigentlich kommt. Es ist ein Wort, das – gar nicht so unpassend – in seiner Geschichte die Sprachgrenzen mehr als einmal überschritten hat.

„Wir“ haben es im 16. Jahrhundert aus dem Italienischen übernommen. Im Deutschen verbreitet hat es sich dann während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), als man offenbar ein spezielles Wort für die Gegenparteien ausspähende Menschen benötigte. In der Ursprungssprache hatte spione die Bedeutung Kundschafter, Beobachter. Es ist eine Ableitung von spia (damals Späher und heute auch Spion), das wiederum vom Verb spiare (spähen, aushorchen, auskundschaften) kommt. Das italienische spiare hat aber nicht lateinische, sondern germanische Wurzeln: Es geht auf ein germanisches Verb zurück, das mit unserem spähen verwandt ist. Ein Spion und ein Späher sind also nicht nur bedeutungsmäßig, sondern auch wortgeschichtlich miteinander verwandt.

Zur selben Wortfamilie gehört übrigens weitläufiger auch das lateinische Verb specere, spicere (sehen), das wir im Deutschen in Fremdwörtern wie inspizieren, Retrospektion und Spektakel wiederfinden. Ausspähen, Spione und das politische Spektakel darum herum haben also noch ganz anders miteinander zu tun, als ich bis vor Kurzem dachte. (Viel sagt dieser Zusammenhang allerdings nicht aus. Es ist nämlich so, dass man mit wortgeschichtlichen Zusammenhängen außer Wortgeschichtlichem kaum etwas beweisen kann!)

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