Von der Grippe ergriffen

So, jetzt gehts wieder. Ich bin wieder voll einsatzfähig. Eigentlich müsste ich sagen „fast voll einsatzfähig“, aber das Husten hören Sie ja nicht. Auch meine noch weniger als sonst glockenhell tönende Stimme stört Sie wohl kaum beim Lesen. Diese „Gebrechen“ mussten unbedingt noch erwähnt werden, denn Männer sind nun einmal wehleidig und Dr. Bopp ist eben auch nur ein Mann. Das muss jetzt voll ausgekostet werden.

Genau das werde ich jetzt auch tun. Da dieses Jahr für mich einen mäßigen Anfang genommen hat, verdiene ich es, mit einem meiner Lieblingsthemen anzufangen zu dürfen: Wortgeschichte. Welches Wort liegt da näher als das Wort Grippe?

Auch die Grippe (das Wort, nicht etwa die Krankheit) haben wir vom früheren Hauptlieferanten für Fremdwörter, dem Französischen, übernommen. Es wurde dort offenbar zum ersten Mal für die Grippeepidemie von 1743 verwendet. Das französische Wort grippe bedeutete unter anderem Laune, Grille. Es geht auf gripper zurück, das die Bedeutung packen, ergreifen hat. Von hier an weichen die verschiedenen Erklärungen leicht voneinander ab: Die Grippe wurde so genannt, weil sie wie ein launenhaftes Etwas unerwartet zuschlägt (von grippe) oder weil sie große Gruppen von Menschen hart anpackt (von gripper). Vielleicht war es ja auch einfach eine Kombination dieser beiden Bedeutungen. Das Wort wurde dann Ende des achtzehnten Jahrhunderts ins Deutsche übernommen.

Ich habe bis jetzt noch nicht herausgefunden, wie man die Grippe vor der Ankunft des Wortes Grippe im Deutschen nannte. Vielleicht war man einfach krank. Influenza, das andere, inzwischen veraltete Wort für Grippe, kam nämlich auch erst im achtzehnten Jahrhundert auf. Es stammt aus dem Italienischen, wo es anfänglich nur Einfluss bedeutete. Später bezeichnete influenza auch Ansteckung, Epidemie, weil diese damals unerklärlichen Phänomene dem Einfluss der Sterne zugeschrieben wurden. Noch später wurde das Wort speziell für die Grippe verwendet. Mit dieser Bedeutung ist es dann ins Deutsche und zum Beispiel auch ins Englische (influenza, flu) übernommen worden.

Ob es nun eine launenhafte Grille ist, die einen ergreift, oder der unerklärliche Einfluss der Sterne, so schön, wie die wortgeschichtlichen Erklärungen klingen, ist die Krankheit leider nicht.  Allen Grippebefallenen wünsche ich gute Besserung.

Kommentare

Zimt

Unser französische Freund Jean-Claude mag Zimt nicht. Mit dieser Abneigung zu leben ist für ihn kein größeres Problem, denn Zimt lässt sich bei durchschnittseuropäischer Ernährung relativ einfach vermeiden, vorausgesetzt dass man auf den Genuss von Apfelkuchen verzichtet, dessen genaue Rezeptur man nicht kennt. Doch dann kommt die Adventszeit. Dann wird plötzlich alles stimmungsvoll „verweihnächtlicht“. Bei Backwerk und anderem Süßen geschieht das – sagt Jean-Claude – vor allem mit Zimt. Wahrscheinlich übertreibt er ein bisschen, aber es kann gut sein, dass die erhöhte Zimteinnahme gar nicht so auffällt, wenn einem dieses Gewürz bei nicht allzu aufdringlicher Verwendung eigentlich ganz gut schmeckt.

Jean-Claudes Abneigung kam mir gestern beim Anblick dreier Adventskerzen und dem Genuss von etwas Zimtigem in den Sinn. Wer mich kennt, kann es erraten: Es packte mich die Neugier nach dem Wort Zimt. Es ist so kurz und bündig, dass es eigentlich keinen Spielraum zum Rätseln lässt. Wenn man es von heute aus zurückverfolgt, ergeben sich ungefähr diese Etappen:

Zimt, Zimmet
mittelhochdeutsch: zimin, zinnemin, zinmint
althochdeutsch: zinamin, cinimin
lateinisch: cinnamum
griechisch: kínnamon (vgl. z. B. englisch cinnamon, polnisch: cynamon);
semitisch: qinnamon

Das Letzte hat vielleicht etwas mit malaysisch kayu manis = süßes Holz zu tun, aber das scheint ziemlich unsicher zu sein.

Weniger interessant als die genaue Wortgeschichte finde ich die Tatsache, dass das Wort trotz aller Klangveränderungen in direkter Linie ohne jegliche Bedeutungsverschiebung zurückverfolgt werden kann. Der Name bleibt so hartnäckig am Gewürz hängen wie gemäß unserem französischen Freund dessen Geschmack im Gaumen.

Dies gilt weniger für die französische Bezeichnung cannelle, die viel jünger ist. Sie bezieht sich auf die Form der Zimtstangen, denn cannelle bedeutete einfach Röhrchen, Stängel. Dieses Wort gibt es übrigens auch im Deutschen: Kaneel bezeichnet die besonders edle Zimtart des Ceylon-Zimtbaumes, der ursprünglich in Sri Lanka (Ceylon) vorkam. Das Wort Kaneel kam aber nicht direkt aus Frankreich, sondern über das Holländische zu uns. Der Gewürzhandel mit dem Osten war ja früher lange Zeit fest in der Hand der Holländer.

Da Zimt im Niederländischen immer noch kaneel heißt und auch die Dänen und Schweden den Zimt kanel nennen, würde es mich gar nicht wundern, wenn man im Norden Deutschlands an einigen Orten nicht nur die edle Sorte, sondern allen Zimt Kaneel nennen würde. Doch dazu konnte ich keine Angaben finden. Was man nicht alles zum Namen eines Gewürzes schreiben kann …

Kommentare (1)

Etwas „erkriegen“

Als sich Frau D. nach der Herkunft des Wortes kriegen erkundigte, war meine erste Reaktion: „Welches kriegen?“. Es gibt ja ein Verb kriegen mit der Bedeutung erhalten, bekommen und ein kriegen mit der Bedeutung Krieg führen, streiten. Diese beiden Verben können ummöglich etwas miteinander zu tun haben, denn die Bedeutungen sind zu unterschiedlich. Außerdem gilt kriegen = bekommen als umgangssprachlich und kriegen = Krieg führen als veraltet, aber das ist ein viel weniger schlagkräftiges Argument.

In der vollsten Überzeugung – ja die Überzeugung war so stark, dass Sie voller als voll war; so voll, dass es voller gar nicht mehr geht und deshalb den „unlogischen“ Superlativ vollste verlangt – in der vollsten Überzeugung also, dass ich die Etymologie von zwei verschiedenen Verben heraussuchen muss, machte ich mich auf die Suche. Ich sah aber schon sehr bald meinen Irrtum ein: Die beiden kriegen stammen von ein und demselben Wort kriegen ab, das die Bedeutung sich anstrengen, etwas erstreben, kämpfen hatte. Von dort ist es nicht weit bis zur Bedeutung Krieg führen.

Die Entwicklungsgeschichte des Wortes kriegen mit der Bedeutung bekommen hingegen ist nicht lückenlos geklärt. Man geht von einer mittelhochdeutschen Ableitung etwas erkriegen aus, die etwas erringen, etwas durch Anstrengung erlangen gehabt haben muss. Die weiteren Details möchte ich uns hier ersparen. Jedenfalls müssen „unterwegs“ bei der Form das er- und bei der Bedeutung die Aspekte durch Anstrengung, durch eigenes Zutun weggefallen sein. Was dann übrig bleibt, ist die Form kriegen mit der Bedeutung erhalten.

Manchmal kann man die ursprüngliche Bedeutung dieses Verbs kriegen noch erahnen. Denken Sie an einen Supermarkt, ein kleines Kind, viel Gebrüll und Eltern, in deren Schuhen man dann keinesfalls stecken möchte. Wenn das Kind dann kriegt, was es will, kann man sich gut vorstellen, dass es einmal ein Verb etwas erkriegen gegeben hat. Man müsste es für solche Fälle eigentlich wieder einführen.

Kommentare

Muesli, Müsli und Müesli

Da ich nicht unbedingt ein Morgenmensch bin, wälze ich beim Frühstück eigentlich nie komplexe sprachliche Probleme. Komplex wurde es also heute Morgen nicht, auch nicht besonders neu und originell, aber immerhin ein bisschen sprachlich. Obwohl ich die Verpackung bestimmt nicht zum ersten Mal in die Hand nahm und mein Auge schon oft auf das Wort Muesli gefallen sein muss, fragte ich mich aus unerfindlichen Gründen zum ersten Mal, warum es den Getreideflockenfrühstückskostproduzenten behagt hatte, Muesli auf die Verpackung drucken zu lassen. Nicht viel später wurde mir klar, dass eigentlich die ganze Verpackung englisch bedruckt ist. Das hat man halt davon, wenn man seinen Tag unbedingt mit einem Produkt aus angelsächsischem Hause anfangen will, statt heimisches Schaffen zu ehren.

Das englische muesli ist einfach das deutsche Müsli mit ue statt ü. Und – wie wohl den meisten bekannt ist – kommt das deutsche Wort Müsli aus der Schweiz. Dort hat der Schweizer Ernährungswissenschaftler Maximilian Oskar Bircher-Brenner Bircher-Benner, ein Pionier der Vollwertkost, am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts das nach ihm benannte Birchermüesli entwickelt. Er soll es übrigens auf einer Bergwanderung bei Alphirten entdeckt haben. Doch es geht hier weder um die Entstehungsgeschichte des Müslis noch um das Rezept oder darum, dass zu meiner Teenagerzeit ein Mädchen auf unserer Mittelschule eine Großnichte dieses Dr. Bircher gewesen sein soll. Nein, es geht um das fehlende e.

In den meisten deutschen Wörterbüchern steht nämlich nicht nur Müsli, sondern eben auch Müesli. Bei der zweiten Form steht dann oft die Ergänzung schweiz. oder in der Schweiz nur so. Und hiermit sind wir wieder beim Gedankengang, der sich heute mit morgendlicher Trägheit in meinem Hirn entfaltete: ein Müsli ist ein kleines Mus, d.h. ein Müschen oder Müslein. In vielen Schweizerdeutschen Dialekten ist ein Mus ein Mues (für nicht Schweizerdeutsch Sprechende: ue nicht als ü, sondern als Doppelaut aus u und unbetontem e aussprechen). Entsprechend ist ein Müslein ein Müesli (für nicht Schweizerdeutsch Sprechende: hier ist jegliche kurze Beschreibung der Aussprache zum Scheitern verurteilt). Das erklärt aber immer noch nicht, weshalb die Schweizer hier darauf bestehen, die schweizerische Schreibung beizubehalten. Die typisch schweizerische Diminutivendung -li mag dabei eine Rolle spielen, aber vielleicht auch die Tatsache, dass in vielen Deutschschweizer Dialekten Müsli (oder Müüsli) die Verkleinerungsform von Muus = Maus ist. Wer kann es den Schweizer Getreideflockenkonsumenten verübeln, dass sie morgens zum Frühstück keine Mäuschen löffeln wollen?

Kommentare (4)

Schnorcheln klingt, wie wenn man es nicht kann.

Der Urlaub war schön: Sonne, Wärme, Strand, schwimmen und – wie sich das für tropische Gewässer gehört – schnorcheln. Dabei habe ich viele bunte Fische und sogar einige Muränen, zwei kleine Seeschildkröten und einen Rochen gesehen. Letzterer war zum Glück kein Riesenexemplar, so dass ich bei seinem Anblick nur mäßig erschrocken bin. Ich tauge eben doch mehr zum Schreibtischtäter als zum Unterwasserhelden.

Über den Unterwasserhelden, der ich nicht bin, kommen wir langsam zu einem eher sprachlichen Thema. Das Word schnorcheln klingt nämlich ganz wie jemand, der nicht schnorcheln kann. Nehmen Sie einmal an, dass Sie beim Schnorcheln Salzwasser in Mund und/oder Nase gekriegt haben, und stellen Sie sich dann vor, wie Sie nach der Wassereinnahme, aber noch vor dem Hustenanfall klingen. Schnorchel trifft es vielleicht nicht ganz, aber es kommt dem Geräusch doch sehr nahe.

Ich wollte also wieder einmal wissen, woher ein Wort kommt. Wir haben es für einmal nicht aus dem Englischen übernommen. Das englische snorkel ist im Gegenteil ein Lehnwort aus dem Deutschen, obwohl die deutschen Küsten im Allgemeinen nicht gerade als Schnorchelparadies bekannt sind. Ein Schnorchel ist nicht nur ein Atemrohr zum Schwimmen unter Wasser, sondern auch ein ausfahrbarer hohler Mast, durch den U-Boote auf Sehrohrtiefe Luft für die Maschinen ansaugen können, ohne auftauchen zu müssen.  Deutsche U-Boote sollen die ersten mit einem solchen Schnorchel gewesen sein. Das erklärt den Wortexport ins Englische vielleicht besser.

Nach den Angaben, die ich finden konnte, geht Schnorchel auf das landschaftliche Wort Schnorgel oder Schnörgel zurück, das Mund, Nase, Schnauze bedeutet. Schnorgel ist ein lautmalerisches Wort, das unter anderem mit dem ebenfalls lautmalerischen schnarchen verwandt ist. Diesmal hat mich also mein erste Intuition wider Erwarten nicht ganz getäuscht. Und wenn sie in Zukunft beim Schnorcheln einmal Wasser statt Luft schnappen, ist das zwar immer noch unangenehm, aber Sie können sich wenigstens mit dem Gedanken „trösten“, dass Sie damit sozusagen zum lautmalerischen Ursprung des Wortes zurückgekehrt sind.

Kommentare

Das große O und das kahle Ü: Omega und Ypsilon

Letzthin hatte ich wieder einmal ein „sprachliches Aha-Erlebnis“. Es ging um den Ausdruck das A und das O, der die Bedeutung das Wichtigste, die Hauptsache, der Kernpunkt hat. Der Ausdrucks ist auch in der Bibel zu finden: Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht Gott der Herr (Offenbarung 1,8). Der Vergleich bezieht sich auf griechische Alphabet, in dem Alpha (A) der erste und Omega (Ω) der letzte Buchstabe ist. Man findet die Buchstabenkombination A und Ω deshalb oft als Symbol auf Türen, Fenstern und Gemälden in Kapellen, Kirchen und Kathedralen.

Soweit so gut. Aber warum steht denn das Ω im griechischen Alphabet an letzter Stelle, während unser O im Alphabet in der hinteren Mitte angesiedelt ist? Solche unerwarteten und wenig überlebenswichtigen Fragen kommen eben manchmal in mir auf, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte. Ein Blick auf das griechische Alphabet zeigt, dass unser O nicht auf das Omega, sondern auf das griechische Omikron zurückgeht, das die gleiche runde Form und ebenfalls eine Position in der hinteren Mitte hat. Omega – Omikron. Plötzlich war mir die Bedeutung des Wortes Omega klar: großes O. Mega bedeutet ja groß, wie man mit etwas Phantasie leicht aus Wörtern wie Megaprojekt, Megastar und megacool herleiten kann. Das Omikron ist dann das kleine O, denn mikro bedeutet ja klein (vgl. Mikroskop, Mikroklima und Mikrokredit). Tatsächlich steht im Griechischen das Omega, das große O, für ein langes O und das Omikron, das kleine O, für ein kurzes O. Fall geklärt.

Damit war aber diesmal die Neugierde des Dr. Bopp noch nicht ganz zufrieden. Ein anderer griechischer Buchstabe mit einem langen Namen ist das Ypsilon. Was hat es damit auf sich? Da mein Griechisch äußerst beschränkt ist (viel weiter als mega–mikro, kalimera–kalispera und efcharisto–parakalo bin ich auch nach mehrmaligem Griechenlandurlaub nie gekommen) musste ich etwas weiter suchen. Das Ypsilon ist auf Griechisch das υ psilon. Das bedeutet auf Deutsch das einfache Y, oder wörtlicher das bloße, kahle Y. Das Wort psilon findet sich noch in Fremdwörtern wie Psilose, einer Bezeichnung für krankhaften Haarausfall, und Psilocybe, dem Namen der Pilzgattung der Kahlköpfe. Doch ich schweife wieder einmal ab.

Inwieweit ist das Y also kahl, bloß oder einfach? Im Frühgriechischen wurde es wie ein u ausgesprochen und hieß auch so. Im klassischen Griechisch verschob sich die Aussprache zu ü und später dann zu i. Irgendwann einmal fiel diese Aussprache mit der Aussprache der Buchstabenkombination oι zusammen. Im Gegensatz zum zweibuchstabigen oι war das Y also bloß oder eben einfach. Das Gleiche gilt übrigens für das Epsilon, dass als einfaches ε der im Griechischen gleich ausgesprochenen Buchstabenkombination aι gegenübersteht.

Noch kurz zur Aussprache: Die im heutigen Standarddeutschen übliche Aussprache ü (Ägüpten, hüpermodern) geht auf den Einfluss der Schulbildung zurück, die sich dabei am klassischen Griechisch orientiert. Noch bis im 19. Jahrhundert soll der Buchstabe y auch im Deutschen wie in den meisten anderen Sprachen einschließlich des Neugriechischen wie ein i ausgesprochen worden sein. Das y in Bayern haben die Bayern übrigens ihrem König Ludwig I. zu verdanken, der als großer Philhellene (Freund des Griechentums) per Anordnung verfügte, dass Baiern zu Bayern werden sollte. Man sieht wieder einmal mehr: Nicht alles was alt aussieht, ist es auch.

Was man nicht alles über Buchstaben schreiben kann! Ich höre jetzt aber trotzdem auf und verweise sie nur noch auf diese Seite.

Kommentare

Altweibersommer

In der Ecke, in der ich weile, konnte man am vergangenen Wochenende prächtigstes Nachsommerwetter genießen: sonnig und warm, ohne dass man ins Schwitzen käme. Ein richtiger Altweibersommer. Ich mag nicht nur diesen Wettertyp, sondern auch das Wort: Altweibersommer.

Ich dachte immer, dass der Altweibersommer so genannt wird, weil er ideal ist für ältere Damen (früher nicht  allzu abschätzig gemeint alte Weiber genannt), die sonst über den Kreislauf belastende Hitze oder Gelenkschmerzen fördernde Nasskälte zu klagen haben. Das würde auch erklären, weshalb ich dieses Wetter mag, denn zu der Katogorie gehöre ich ja auch schon bald. Ich bin zwar keine Dame, aber doch schon etwas älter und hin und wieder über die Gesundheit klagend. Über Gesundheitsprobleme und die aktuelle Wetterlage zu klagen ist bekanntlich nicht nur dem weiblichen Geschlecht eigen. Wie dem auch sei, meine Ideen zur Wortherkunft stimmen nicht. Es gibt nämlich eine poetischere Erklärung:

Der Altweibersommer verdankt seinen Namen den Spinnenfäden, die im Herbst durch den Wind davongetragen werden. Ob diese Spinnenfäden mit den grauen Haaren alter Frauen verglichen wurden? Sie haben auf jeden Fall noch andere schöne Namen wie Marienseide, Marienfäden oder Herbstfäden. Es könnte auch sein, dass weib nicht mit dem alten Wort für Frau, sondern mit weiben, einem alten Wort für weben, zu tun hat. Wie sich die Herkunft des Wortes Altweibersommer genau erklären lässt, ist also nicht völlig geklärt.

Auch wenn es vielleicht nicht ganz stimmt, gehe ich doch noch davon aus, dass Altweibersommer eine Zusammensetzung ist, die aus einem Adjektiv und zwei Substantiven besteht. Dieser Wortbildungstyp kommt relativ häufig vor, insbesondere mit Zahlwörtern an erster Stelle. Er bildet Wörter wie Achtfamilienhaus, Fünfsternehotel, Vielvölkerstaat und Mehrparteiensystem, aber eben auch so schöne Wortschöpfungen wie Dreitagebart, Hinterzungenvokal, Schwarzfersenantilope, Sechstagerennen, Siebenmeilenstiefel, Weißwangengans, Weitstreckenwagen, Zwölfprophetenbuch und (vielleicht) Altweibersommer.

Weitere Beispiele finden Sie auf dieser Seite.

Kommentare

Wenn Banken Bankrott … oder bankrott …?

Heute wieder einmal etwas Aktuelles: die Bankenkrise. Keine Angst, ich werde sie weder genauestens analysieren, noch haarfein darlegen, wer die Schuld daran trägt und wie sie hätte vermieden werden können. Auch Prognosen über Dauer, Ausmaß und mögliche weitere „Opfer“ dürfen Sie von mir nicht erwarten. Das überlasse ich Finanzexperten und anderen Wahrsagern. Nein, da ich Sprachler bin (und über keine nennenswerten risikovollen Finanzanlagen verfüge), ist mir beim Lesen der Zeitung heute Morgen das folgende Wort aufgefallen: Bankrott.

Warum Bankrott? – Weil es auch bankrott gibt und ich mich an seine Entstehungsgeschichte erinnerte. Doch der Reihe nach: Neben dem großgeschriebenen Substantiv Bankrott gibt es auch das kleinzuschreibende Adjektiv bankrott. Das führt vorerst zu keinen größeren Schwierigkeiten:

Die Bank steht vor dem Bankrott.
Sie mussten den Bankrott anmelden.
Er wird des betrügerischen Bankrotts beschuldigt.

Die Bank ist bankrott.
Diese Politik wird das Geschäftsleben noch bankrott machen.
Der bankrotte Giftmüllbetrieb gefährdet das Grundwasser.

Nun gibt es aber auch feste Wendungen, bei denen man tief nachdenken muss, ob man nun ein großes B oder ein kleine b schreiben muss. Bankrott gilt in den folgenden Wendungen als Substantiv:

Bankrott machen
Bankrott anmelden
seinen Bankrott erklären.

Und in diesen Wendungen ist es ein Adjektiv:

bankrott sein
sich bankrott erklären
sich für bankrott erklären

Das ist aber noch nicht alles: In Verbindung mit gehen muss bankrott klein- und wo nötig mit dem Verb zusammengeschrieben werden:

bankrottgehen
Die Bank ging bankrott.
Sie spekulierten so lange, bis sie bankrottgingen.
Das Geschäft ist bankrottgegangen.
Der Konzern drohte bankrottzugehen.

Wenn Sie einen Artikel über Zahlungsunfähigkeit schreiben wollen, wissen Sie nun, wann Sie Bankrott und wann bankrott schreiben müssen. Und wenn Sie bei dieser Variantenfülle wie ich nach spätestens einer Viertelstunde den Bankrott Ihres Erinnerungsvermögens anmelden müssen, dann gibt es zum Glück noch Canoo.net. Sehen Sie hier.

Viel wichtiger als die Groß- und Kleinschreibung ist natürlich, dass in nächster Zeit nicht allzu viele Banken bankrott machen, bankrottgehen oder Bankrott anmelden müssen.

Nun noch kurz zur Herkunft des Wortes: Wie das Wort Bank für das Finanzinstitut kommt auch Bankrott aus dem Italienischen: banco rotto = gebrochene Bank. Die Bank war früher vor allem in Italien ein Tisch auf dem Markt, auf dem die ersten Bankiers ihr Geld ausliehen, ihre Wechsel schrieben usw. Wenn ein solcher Banker nun zahlungsunfähig war, wurde sein Tisch gebrochen (ob buchstäblich oder in irgendeinem übertragenen Sinne, das konnte ich leider nicht herausfinden), um anzugeben, dass er nicht mehr in der Lage war, seine Geschäfte zu führen.

Ich wiederhole es in entsprechend historisierenden Worten: Es ist zu hoffen, dass in näherer Zukunft nicht allzu viele Bänke gebrochen werden.

Kommentare (1)

eins Komma fünf, eineinhalb und anderthalb

Im letzten Beitrag ging es um eine Wendung mit Ordnungszahlen (zu viert). Dazu kommt mir heute noch etwas nicht so Wichtiges, aber doch nicht ganz Uninteressantes in den Sinn, auf das ich letzthin gestoßen bin: das Wort anderthalb.

Es ist leicht zu verstehen, dass man für 1½ eineinhalb oder einundeinhalb sagt. Daneben gibt es aber auch noch anderthalb. Persönlich finde ich, dass eineinhalb und anderthalb nicht ganz das Gleiche bedeuten. Wenn man eineinhalb Stunden hat warten müssen, dann hat man ziemlich genau 90 Minuten gewartet. Hat man anderthalb Stunden gewartet, betrug die Wartezeit eher eine Stunde und dann noch ungefähr eine halbe. In anderen Worten: Es gibt das mathematisch genaue eins Komma fünf, das etwas lockerer zu nehmende eineinhalb und dann noch anderthalb, das aus der Zeit stammt, in der es noch keine Stoppuhren und Präzisionswaagen gab und man diese wahrscheinlich auch gar nicht vermisste. Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir das Wort so richtig sympathisch.

Doch woher kommt es? Hier sind wir dann endlich bei den eingangs erwähnten Ordnungszahlen angelangt: Der Teil ander… ist nichts anderes als das Wort andere, das früher auch die Bedeutung zweite hatte. Im Schwedischen (andra), Norwegischen (annen) und Dänischen (anden) verwendet man auch heute noch das gleiche Wort für andere und zweite. Das Wort bedeutete also eigentlich so etwas wie zweithalb. Und genau so konnte man früher im Deutschen Zahlenangaben machen:

anderthalb (*zweithalb) = eineinhalb
dritthalb = zweieinhalb
vierthalb = dreieinhalb
fünfthalb = viereinhalb
usw.

Man zählte also nicht zwei und ein Halbes zusammen, sondern gab an, dass das Dritte nur zur Hälfte mitgerechnet werden durfte. So kann übrigens auch das t erklärt werden: Weil ander in der Bedeutung zweit nicht mehr so gebräuchlich war, wurde das t in Anologie mit den Ordnungszahlen (viert…, fünft… usw.) eingefügt. So erklärt es zumindest das renommierte historische Wörterbuch der Gebrüder Grimm.

Kommentare (4)

Okay: all correct oder Otto Kowalski?

Frage

Woher kommt eigentlich der Ausdruck o. k.?

Antwort

Auf diese Frage gibt es viele Antworten, denn niemand scheint es genau zu wissen. Der Duden zum Beispiel beschränkt sich auf ein einfaches H. u. (Herkunft unbekannt). Das ist gut verständlich, denn die große Anzahl der Theorien lässt sich kaum in einem Wörterbuchartikel zusammenfassen.

Da es sich um einen Ausdruck aus dem amerikanischen Englisch handelt, habe ich auch in DEM amerikanischen Online-Wörterbuch, dem Merriam-Webster, nachgeschaut. Es soll sich bei O.K. um eine absichtlich falsch geschriebene Abkürzung für all correct handeln. Das ist plausibel, denn man spricht das ja ungefähr als ool korrekt aus, so dass o. k. sicher als gesprochene Abkürzung viel besser passt als a. c. Außerdem soll es in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Boston und Umgebung Mode sein gewesen, solche falsch oder phonetisch geschriebenen Abkürzungen zu verwenden. Der Ausdruck kommt dann auch zum ersten Mal im Frühjahr 1839 in der Boston Morning Post“ nachweislich in gedruckter Form vor.

Viel interessanter und zum Teil lustiger sind aber andere Erklärungen und Erklärungsversuche. Hier ein Griff aus der Wundertüte:

Eine Erklärung greift auf das Griechische zurück: o. k. soll auf ‘olos kalos (alles gut) zurückgehen. Eine andere These besagt, dass okay von den Siedlern aus der Sprache der Choctaw-Indianer übernommen worden sei. Dort bedeutet der Begriffe okeh soviel wie in der Tat.

Aus der Armeewelt stammt die Erklärung, es sei eine Abkürzung für den Ausdruck order known, mit dem ein Befehl quittiert wurde, oder eine Abkürzung für zero killed (0k, keiner tot), was man wirklich als äußerst okay ansehen darf.

Am besten gefallen mir aber die Erklärungen, die mit Initialen zu tun haben. Zum Teil sind sie nur schon deshalb nicht plausibel, weil sie die Entstehung der Abkürzung auf eine Zeitpunkt nach 1839 festlegen. Hier eine kurze Auswahl:

  • Orrin Kendall & Sons, ein Biskuithersteller, der während des amerikanischen Bürgerkrieges Kekse an die Armee lieferte. Ob diese Kekse so gut waren?
  • Oswald Kowalski (oder Otto Kaiser, Otto Krause u.a.), der Leiter der Qualitätssicherung bei den Ford-Werken in Detroit. Jedes Auto, das das Band verließ, hatte ein Prüfzertifikat, das er mit dem Kürzel OK unterzeichnete.
  • Oskar Keller, ein Kartoffelzüchter, der auf jede Kiste seine Initialen stempelte und immer gleichbleibend hohe Qualität geliefert haben soll.

Noch mehr Theorien finden Sie auf Wikipedia oder zum Beispiel auch hier.

Und weil ich es wieder einmal nicht lassen kann, hier noch etwas zur Rechtschreibung: Man schreibt den ausgeschriebenen Ausdruck als Adjektiv und Adverb klein und als Substantiv groß. Bei der Abkürzung hat man etwas mehr Freiheit:

Alles ist okay.
sein Okay geben

Alles ist o. k. oder O. K.
sein O. K. geben

Kommentare (1)