Gluten wie zehn oder wie sputen?

Im heutigen Beitrag spielen nicht etwa glühende Kohlen oder gar feurige Leidenschaft die Hauptrolle, sondern das Gluten, ein klebriger, zäher Eiweißstoff, der in den Körnern gewisser Getreidearten vorkommt. Gluten ist offenbar beim Backen eines schönen Brotlaibs wichtig, es kann aber auch – wie einige wahrscheinlich besser wissen, als ihnen lieb ist – zu allergischen Reaktionen führen (Glutenintoleranz). Es geht hier allerdings nicht um so praktische Inhalte wie Tipps für das Brotbacken oder glutenfreie Ernährung, sondern rein um die Form: Wie spricht man Gluten aus?

Frage

In Ernährungsabhandlungen wird öfters das Wort „Gluten“ benutzt,  auch in der Verbindung „glutenfrei“. Allerdings erfolgt die Aussprache in zweierlei Weise: einmal „glú-ten“ mit Betonung von „glut“, das andere Mal „glu-tén“ mit betontem langem „ten“. Welche Betonung ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wort Gluten wird heute meist auf dem e der zweiten Silbe betont, wobei das e lang gesprochen wird. Dies geschieht in Anlehnung an die Namen chemischer Verbindungen mit der Endung -en wie zum Beispiel Äthylen, Propen. Die Betonung auf dem u kommt ebenfalls vor. Sie orientiert sich an der Herkunft des Wortes, das heißt dem lateinischen Wort für Leim: gluten (Genitiv: glutinis). Das lateinische Wort hat einen langen Vokal (ū), der im Deutschen in dieser Position normalerweise die Hauptbetonung erhält (vgl. volūmen, volūminis – Volúmen; nōmen, nōminis – Nómen; imāgō, imāginis – Imágo)

Dieses „Herkunftsprinzip“ bei der Betonung kann man auch in anderen Sprachen beobachten:

en: gluten vs ethylene, propene
nl: gluten vs ethyleen, propeen
it: glutine vs etliene, propene

Trotzdem ist heute im Deutschen, wie gesagt, die Betonung auf dem e üblicher. Die Betonung auf dem u der ersten Silbe ist aber nicht als falsch anzusehen. Gluten reimt sich also heute meist „modern“ auf zehn, aber manchmal auch noch „klassisch“ auf sputen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von Moor und Meer

Gestern war das Wetter herrlich sonnig. Wir beschlossen, das auszunützen und endlich einmal die seit langem geplante Rundwanderung um das Hochmoor zu machen. Es war fantastisch. Man musste an zwei, drei Stellen halbverwilderte Kuhherden umgehen – als Städter natürlich mit leicht beunruhigten Seitenblicken, wenn sich bei genauerem Hinsehen erwies, dass eine der Kühe keine Kuh, sondern ein Stier war. An anderen Stellen war es recht nass und sumpfig, so dass die Schuhe danach zu Hause draußen vor der Tür aufs Abgebürstetwerden warten mussten. Die Kühe und Stiere interessierten sich aber viel mehr für das Gras als für uns und im „Sumpf“ sanken wir nirgendwo viel tiefer ein als anderthalb Schuhsolen. Auch sonst erwiesen sich das Moor und die umliegende Landschaft als sehr friedlich: warme Herbstfarben, in der Sonne glitzernde Spinnfäden, Pilze in allerlei Größen und Formen – und genau zur richtigen Zeit, das heißt nach ungefähr zwei Dritteln des Weges, ein Bänklein mit idyllischer Aussicht auf einen Weiher, Heide und Waldrand. Es war die erste, aber bestimmt nicht unsere letzte Wanderung um das Moor.

Das bringt mich zur Frage, die ich mir heute Morgen plötzlich stellte, als ich an den gestrigen Nachmittag dachte: Moor? Ich habe (zumindest für mich) Erstaunliches herausgefunden: Das Wort Moor ist eine abgelautete Variante von Meer.

Was haben nun das Moor und das Meer gemeinsam, außer dass beide natürlich und sehr feucht sind? Sie haben gemeinsame Vorfahren. Im Althochdeutschen bezeichnete mer(i) ursprünglich nicht etwa das große, salzige Nass, sondern es bedeutete Sumpf, stehendes Gewässer. Später hat es die heutige Bedeutung die See erhalten. Die alte Bedeutung findet sich heute u. a. noch im niederländischen het meer = der See und im gehobeneren englischen the mere = Weiher, kleiner See. Eine viel geringere Bedeutungsänderung hat das Moor hinter sich. Es geht auf die alte Variante mor, muor = Sumpf, Sumpfland zurück. Meer und Moor sind übrigens die germanischen Verwandten des lateinischen Wortes mar = die See, das Meer … Wenn man nun noch die für Fremdsprachige oft verwirrende Unterscheidung der See und die See hinzunimmt, sieht man, dass die deutsche Wortgeschichte auch im Bereich der mehr oder weniger feuchten Landschaftstypen reichlich unsystematisch verlaufen ist. Doch wen kümmert das schon bei einer schönen Wanderung rund ums Hochmoor?

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Ohrwürmer

Wenn man an einem Sonntagmorgen Radio hört, ist die Gefahr einer Ohrwurmattacke groß. Bei mir ist heute die Textzeile „Weine nicht, wenn der Regen fällt / dam, dam, dam, dam / Es gibt einen, der zu dir hält / dam, dam, dam, dam“ mit der dazugehörendem Melodie aus Drafi Deutschers Evergreen „Marmorstein Marmor, Stein und Eisen bricht“ in der Endlosschlaufe hängen geblieben. Ohrwürmer sind Melodien, die sich einem so einprägen, dass man sie stunden- und in hartnäckigen Fällen tagelang nicht mehr loswird. Das Bild ist relativ einfach: Wie ein Wurm bohrt sich eine Melodie ins Ohr und lässt einen dann nicht mehr in Ruhe.

Es gibt noch andere Ohrwürmer: die krabbelnden Tierchen mit dem schönen wissenschaftlichen Namen Dermaptera. Ihr deutscher Name ist eigentlich ein Doppelfehler. Es sind keine Würmer, sondern Insekten, und sie interessieren sich nicht sonderlich für Ohren. Man glaubte früher, dass Ohrwürmer in die Ohren Schlafender kriechen und sich mit ihren Zangen einen Weg durchs Trommelfeld zum Hirn bahnen, um dort Blut zu saugen oder – eine noch unangenehmere Vorstellung – ihre Eier abzulegen. Da sich Ohrwürmer wie andere kleinere Tierchen gerne in Ritzen und Spalten verstecken, ist es im Laufe der Menschheitsgeschichte sicher mehr als einmal vorgekommen, dass sich ein Ohrwurm in ein Ohr verirrt hat, aber sehr weit kann ein solches Tierchen mit seinen schwachen Zangen dort nicht vordringen.

Ohrwürmer wurden lange Zeit auch als Mittel gegen Taubheit verwendet. Eines dieser Rezepte schrieb vor, zu diesem Zweck in Hasenurin aufgelöste pulversierte Ohrwürmer zu sich zu nehmen …

Solche Überlieferungen waren nicht nur unter den Deutschsprachigen verbreitet. Auf Englischen heißt der Ohrwurm earwig (Ohr + ein altes Wort für Insekt), auf Französisch perce-oreille (Ohrenbohrer), auf Niederländisch oorworm oder oorwurm (…) und der wissenschaftliche Name des Gemeinen Ohrwurms lautet Forficula auricularia (Ohrenzänglein).

Inzwischen bin ich den musikalischen Ohrwurm leider noch nicht losgeworden: „Nimm den goldenen Ring von mir / dam, dam, dam, dam / Bist du traurig, dann sagt er dir / dam, dam, dam, dam …“ Falls ich sie nun angesteckt habe, tut mir das sehr leid. Und für alle, die diesen Ohrwurm noch nicht kennen, gibt es Youtube.

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Kiefer

Vergangene Woche war ich beim Kieferchirurgen. Mein Zahnarzt meinte, dass das unerlässlich sei, denn sonst hätte ich bestimmt von einem Besuch bei einem Vertreter oder einer Vertreterin dieses Berufsstandes abgesehen. Es  ging um die Behandlung einer Entzündung und die dadurch bedingte Extraktion (klingt besser als Ziehen, läuft aber exakt aus dasselbe hinaus) eines Backenzahns im rechten Unterkiefer. Das Resultat des halbstündigen Besuches ist, dass ich zurzeit nicht nur Linkshänder, sondern auch Linkskauer bin.

An Zahnarztphobie Leidende müssen diesen Beitrag nicht unbedingt sofort wegklicken. Weitere Einzelheiten werden nicht erwähnt. Es geht hier eigentlich um das Wort Kiefer. Es war mir nie besonders aufgefallen, außer als Beispiel für gleich klingende Wörter, die nichts miteinander zu tun haben: der Kiefer und die Kiefer. Um es gleich vorwegzunehmen: Die beiden Wörter haben abgesehen von der Form wirklich nichts miteinander zu tun. Die Wortgeschichte der beiden Kiefer ist zum Teil ungeklärt und zum Teil zu komplex, als dass ich sie wirklich verstehen würde. Auch hier erspare ich uns deshalb die Details.

Die Kiefer verdankt ihren Namen wahrscheinlich einer undurchsichtig gewordenen Zusammenziehung von Kien und Föhre: kienforha → Kiefer. Kiefernholz war (und ist es bestimmt immer noch) für die Herstellung von Kienspänen und Fackeln geeignet, weil es sehr harzreich ist. Kien ist ein altes Wort für Kienspan, Fackel. Föhre diente schon in althochdeutscher Zeit als Baumname (forha) und wird auch heute noch vor allem im südlichen deutschen Sprachraum für Kiefer verwendet.

Beim anderen Kiefer ist die Herkunft dunkler: Das männliche Wort Kiefer wird in unterschiedlicher Weise auf Wörter im Bedeutungsbereich Mund, Rachen, kauen, essen zurückgeführt. Es soll mit Wörtern wie kauen, Kieme und Käfer[!] verwandt sein. Mit Käfer wurden zuerst vor allem fresssüchtige schädliche Insekten wie die Heuschrecken bezeichnet. Erst später wurde es allgemeiner im heutigen Sinne verwendet.

Das Wort der Kiefer hat also schon lange etwas mit Essen und Kauen zu tun. Das erstaunt mich zurzeit gar nicht. Erst wenn man beim Kauen aufpassen muss, merkt man so richtig, dass dies die Hauptfunktion eines Kiefers ist. Nur bei Schauspielern, deren markanter Unterkiefer ihnen ein besonders männliches Aussehen verleiht, hat der Kiefer eine weitere Funktion: Er verhilft zu Machoheldenrollen und zu Auftritten in Werbespots für Rasierprodukte. Die Brötchen, die diese „Breitkinnigen“ damit verdienen, müssen dann allerdings auch wieder gekaut werden.

Zu guter Letzt noch ein Stoßseufzer, den man mir bitte verzeihen möge: Linkshänder will ich gerne bleiben – ich bin es schon mein Leben lang –, aber ich habe jetzt schon genug davon, Linkskauer zu sein! Es wird hoffentlich nicht allzu lange dauern.

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Von Amphoren zu Eimern

Frage

Woher kommt das Wort „Eimer“?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

das Wort Eimer hat eine interessante Entstehungsgeschichte, bei der Entlehnung, Umdeutung und lautliche Entwicklung eine Rolle spielen.

Seinen Ursprung findet Eimer bei einem Lehnwort, das schon in alter germanischer Zeit aus dem Lateinischen übernommen wurde und das wir viel später noch einmal ins Deutsche übernommen haben: amphora. Das ursprünglich griechische Wort bezeichnet ein zweiohriges Gefäß oder ein Gefäß, das mit zwei Händen getragen wird. Im Althochdeutschen hatte es die Form amber, im heutigen Deutschen die lateinische Form Amphora oder Amphore. Die erste Entlehnung wurde bereits im althochdeutschen Volksmund zu einer Zusammensetzung aus dem Zahlwort ein und einer Form von beran umgedeutet. Das Verb beran bedeutete tragen. (Das Wort Bahre geht auch auf dieses beran zurück.) Der Hintergrund für die Umdeutung war, dass der Eimer nur einen Henkel hat, den man zum Tragen benutzt. Über Formen wie eimbar und eimber entstand dann das heutige Wort Eimer.

Wir haben es also bei Eimer mit einem Wort zu tun, das nicht nur einen Teil seiner ursprünglichen Bedeutung verloren hat, sondern sich durch volksetymologische Umdeutung und jahrhundertelange „ungenaue“ Aussprache auch ganz anders anhört. Trotz „Fehlern“ bei der Bedeutung (einhenkelig statt zweiohrig), bei der Herkunftsbestimmung (germanische Zusammensetzung statt griechisch-lateinisches Lehnwort) und bei der Aussprache (u. a. amber statt amphora) ist im Laufe der Zeit ein nützliches und brauchbares Wort entstanden und erhalten geblieben. Dank dieser Verselbständigung des Wortes Eimer konnten wir das Wort amphora später sogar noch einmal „importieren“ – diesmal mit seiner klassischen Bedeutung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Überraschen überraschend einfach

Frage

Viele Wörter im Deutschen lassen sich zerlegen und offenbaren dadurch eine Bedeutung, die einem so nicht bewusst war. Heute bin ich im gleichen Sinne über das Wort „überraschen“ gestolpert. Nun frage ich mich, gibt oder gab es das Wort „raschen“ und wenn ja, was bedeutet es?

Antwort

Guten Tag L.,

das Wort überraschen gehört zu den Wörtern, die so selbstständig, selbstverständlich und selbstbewusst in unserem Wortschatz auftreten, dass man sich kaum je die Frage stellt, wie sie eigentlich zustande gekommen sind. Mir war der Zusammenhang zwischen der Form über+rasch+en und der Bedeutung überraschen jedenfalls auch nicht klar.

Woher kommt also überraschen? Auch wenn es so einfach klingt, dass man es kaum glauben mag: überraschen ist von rasch abgeleitet. Das Verb hat also nichts mit rascheln zu tun. Es bedeutet nicht etwas für jemanden tun, ohne es durch Rascheln zu verraten oder so laut rascheln, dass die anderen etwas nicht bemerken. Es ist auch keine durch Präfixaustausch und Umstellung von a und r dezent verhüllte Variante des eher vulgären Ausdrucks verarschen. So kompliziert ist es nicht. Das Verb überraschen ist einfach eine direkte Ableitung des Adjektivs rasch = schnell. Es bedeutete ursprünglich rascher als jemand sein oder kriegerischer rasch über jemanden herfallen, jemanden rasch überfallen.

Die heutige Bedeutung ist glücklicherweise meistens in einem abgeschwächten, übertragenen Sinne zu verstehen. Man muss also bei zum Beispiel einer Geburtstagsüberraschung in der Regel nicht befürchten, eventueller teurer Geschenke wegen an seinem Geburtstag rasch überfallen zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Twenty-one, vingt-et-un, zwanzigundeins …

Frage

Eine Frage liegt mir schon eine Weile am Herzen: die Zahlenaussprache in der deutschen Sprache.

Englisch Deutsch Russisch
eleven elf [adínatzat']
twelve zwölf [dwinátzat']
thirteen dreizehn [trinátzat]
fourteen vierzehn [tschityrnatzat']
fifteen fünfzehn [pitnátzat']
sixteen sechzehn [schyßnátzat']
seventeen siebzehn [ßimnátzat']
eighteen achtzehn [waßimnátzat']
nineteen neunzehn [diwitnátzat']
twenty zwanzig [dwátzat']
twenty-one einundzwanzig [dwátzat' adín]

Warum wird im Deutschen und im Englischen eine eigenständige 11 und 12 gesprochen und nicht z.B. ein-zehn, zwei-zehn wie im Russischen (1-[natzat], 2-[natzat]). Ab 13 haben alle drei Sprachen wieder die Zusammensetzung Einerzahl+zehn.

Und dann noch folgender Unterschied: Während im Englischen und Russischen ab zwanzig zuerst die Zehnerzahl und dann die Einerzahl genannt wird (twenty-one, [dwátzat' adín]), ist es im Deutschen umgekehrt (einundzwanzig).

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

die einfachste Antwort auf Ihre Frage könnte lauten: Weil es so ist. Diese Antwort wäre aber wenig befriedigend. Ich meine damit, dass verschiedene Sprachen verschiedene Methoden entwickelt haben, um dasselbe auszudrücken.

Dass einige Sprachen wie das Deutsche und Englische ein einfaches Wort für elf und zwölf haben, liegt wohl daran, dass man früher nicht nur das Dezimalsystem verwendetet. Häufig rechnete man zum Beispiel mit Dutzend (12), halbem Dutzend (6) und Gros (= 12 Dutzend = 144). So werden zum Beispiel Eier auch heute noch häufig in Verpackungen zu 6 oder 12 Eiern verkauft. Man ging in diesem System bei den Zahlwörtern erst nach 12 auf das Dezimalsystem und die entsprechenden zusammengesetzten Bezeichnungen über*. Das ist bis heute so erhalten geblieben.

Eine Art Zwanzigersystem gab es im französischen Sprachraum: Man zählt in Frankreich auch heute noch zwischen 60 (= 3 x 20) und 80 (= 4 x 20) durch, das heißt es gibt kein Wort für siebzig:

soixante-neuf, soixante-dix, soixante-et-onze, soixante-douze
= sechzig-neun, sechzig-zehn, sechzig-und-elf, sechzig-zwölf

Zwischen 80 und 99 wird es noch komplizierter:

80 = quatre-vingt = vier [mal] zwanzig
81 = quatre-vingt-un = vier zwanzig eins
89 = quatre-vingt-neuf = vier zwanzig neun
90 = quatre-vingt-dix = vier zwanzig zehn
91 = quatre-vingt-onze = vier zwanzig elf
99 = quatre-ving-dix-neuf = vier zwanzig zehn neun

In verschiedenen Sprachen haben sich also verschiedene Zählsysteme entwickelt, die in unterschiedlicher Weise bis heute erhalten geblieben sind. So kompliziert wie bei quatre-vingt-dix-neuf wird es aber selten.

Ähnliches kann über die Reihenfolge der Elemente in zusammengesetzten Zahlen gesagt werden. Einige germanische Sprachen wie Deutsch, Niederländisch, Friesisch und altes o. gehobenes Englisch nennen zuerst die Einerzahl, dann die Zehnerzahl:

dt. dreizehn, neunzehn, einundzwanzig
nl. dertien, negentien, eenentwentig eenentwintig
en. thirteen, nineteen, one and twenty

Das moderne Englisch wechselt wie das Russische ab zwanzig von der Einer-Zehner-Folge auf die Zehner-Einer-Folge

eightnineteen, nineteen || twenty-one, twenty-two

Im Englischen ist diese Reihenfolge aber nicht ursprünglich, sondern (gem. Wörterbuch Merriam-Webster) aus dem Französischen übernommen worden. Das alte, aus dem Angelsächsischen stammende one and twenty ist fast gänzlich durch das heute übliche twenty-one ersetzt worden. Das moderne Englisch verwendet also germanische Zahlwörter in romanischer Reihenfolge.

Zur Bevorzugung der einen oder der anderen Variante kann man ganz grob Folgendes sagen: In germanischen Zusammensetzungen wird der Kern einer Zusammensetzung zuletzt genannt, während er in romanischen Sprachen zuerst genannt wird. Das könnte bei der Bildung von Zusammensetzungen für Zahlen einen Einfluss gehabt haben:

Fußballmannschaft – équipe de football
Zahlensysten – système de numération
marineblau – bleu marine
einundzwanzig – vingt-et-un

Diese Darstellung beschränkt sich auf einige wenige Sprachen und ist auch sonst alles andere als vollständig. Sie soll nur zeigen, dass verschiedene Sprachen und Sprachgruppen bei der Bennenung der Zahlen ganz unterschiedliche Strategien verwendet haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Die Zahlwörter elf und zwölf beziehen sich allerdings indirekt auch auf zehn. Ihre ursprüngliche Bedeutung war ungefähr eins übrig und zwei übrig, d. h., was übrig bleibt, wenn man schon zehn gezählt hat.

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Vermischtes über Vögel

Zu Hause brüten die Kohlmeisen. Das habe ich Ihnen schon erzählt. Hier im Ferienhäuschen gab mir ein anderer Vogel zu denken. An das Hausamselpärchen, das um das Haus herum Regenwürmer sammelt, hatte ich mich schon gewöhnt (und sie sich an mich). Letzthin sah ich aber einen anderen, etwas kleineren, braunen Vogel mit hellem Bauch und Tupfen und Streifen, der ebenfalls im Garten Würmer und anderes, was solche Vögel mögen, aufpickte. Das gefiel den Amseln nicht besonders gut, aber ihre Vertreibungsversuche waren wohl nicht allzu erfolgreich. Ich sehe den Vogel seither regelmäßig im Garten herumtrippeln. Da meine ornithologischen Kenntnisse nicht viel weiter reichen als bis zum Erkennen von Kohlmeisen, Amseln, Stadttauben, Spatzen und Flamingos, wusste ich nicht, um was für einen Vogel es sich handelt. Der Nachbar brachte Klarheit: „Das ist eine Lerche.“

Von Lerchen wusste ich bis anhin wenig, außer dass eine Vertreterin dieser Vogelart Romeo und Julia den Tag ankündigte und dass man sie im Gegensatz zum Lärche genannten Baum mit e schreiben muss. Den Unterschied Lerche = Vogel und Lärche = Baum musste ich auswendig lernen. Welche Eselsbrücke ich auch ausprobierte, es gab immer auch einen Baum mit e oder einen Vogel mit a oder ä, der mir das neu erdachte Brücklein gleich wieder einstürzen ließ. Geblieben ist nur das wenig überzeugende „Lerche wie Vogel und Lärche wie Baum.“

Nachdem ich nun zum ersten Mal bewusst eine Lerche gesehen hatte, nahm mich wunder, ob vielleicht die Wortherkunft als Stütze dienen kann. Der Name des Vogels ist ein altes germanisches Wort, dessen althochdeutsche Form lerahha sich zum heutigen Lerche entwickelt hat. Der Name des Baumes (das klingt fast wie ein Roman eines Eco-Nachahmers) geht auf die lateinische Bezeichnung larix zurück, die über die Formen larche und lerche zur heutigen Lärche wurde. Wenn man nicht des Althochdeutschen mächtig ist und einem die lateinischen Bezeichnungen von Bäumen auch nicht allzu geläufig sind, hilft einem die Wortherkunft also nicht viel weiter. Das ist aber nicht sehr tragisch. Es gibt Schwierigeres in der Rechtschreibung und Wichtigeres im Leben als den Unterschied zwischen Lerche und Lärche. Und in „Notfällen“ hilft Canoonet weiter.

Während des Schreibens höre ich, wie die Amselmännchen in der Umgebung sich sehr melodiös fast die Lungen aus dem Leibe singen. Dabei stellt sich mir plötzlich eine ganz andere Frage: Warum treten in Literatur und Dichtung eigentlich immer die Nachtigallen und Lerchen auf, wenn in der Vogelwelt schön gesungen wird? Die Amseln haben doch auch ein großes Repertoire, das sie in sehr verdienstvoller Weise zu Gehör bringen!

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Wer und wo, who and where – ein Missverständnis?

Frage

Ich bin ein „Hobbyetymologe“, den schon seit geraumer Zeit die folgende Frage beschäftigt: Bei den Fragepronomen wer (engl. who) und wo (engl. where) muss doch eine der beiden Sprachgruppen – die deutsche oder die englische – die andere Sprachgruppe missverstanden haben. Wer hat hier wen missverstanden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

wenn man nur nach Äußerlichkeiten urteilen würde, müssten tatsächlich wer und where resp. wo und who miteinander verwandt sein. Die Bedeutung dieser Fragewörter lässt aber zu Recht ein anderes Verwandtschaftsverhältnis vermuten:

Das deutsche Fragewort wo geht über mittelhochdeutsches wa auf das althochdeutsche (h)war zurück. Es bedeutete eigentlich an was (für einem Ort). Das entsprechende englische Fragewort where geht auf altenglisches hwær zurück, das – Sie erraten es vielleicht schon – mit dem althochdeutschen (h)war verwandt ist. Die Fragewörter wo und where haben also grob gesagt den gleichen Ursprung. Sie haben aber nicht den gleichen Lautwandel durchlaufen.

Ebenfalls mit wo und where sind zum Beispiel verwandt: niederländisch waar, friesisch wêr, schwedisch var und dänisch hvor.

Das deutsche Fragewort wer geht auf das althochdeutsche (h)wer zurück. Seine englische Entsprechung who ist über altenglisches hwa ebenfalls mit dem althochdeutschen (h)wer verwandt. Auch hier gilt: gleicher Ursprung, aber andere Lautentwicklung.

Vergleichen Sie auch zum Beispiel friesisch wa, schwedisch vem, dänisch hvem und niederländisch wie (sic!).

Die Englischsprachigen und die Deutschsprachigen haben einander also (in diesem Fall) nicht missverstanden. Die verwirrenden Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen wer und who und wo und where sind vor allem dadurch entstanden, dass die beiden Sprachgruppen im Laufe der Jahrhunderte ihre Fragewörter nicht in gleicher Weise „schlampig“ ausgesprochen haben. So sieht man wieder einmal: Gäbe es keine Sprachentwicklung, müsste man auch keine Fremdsprachen lernen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Neues mit klassischer Endung: Nova, Novä, Novum, Nova

Frage

Die Anwendungen und Aussprachen der Mehrzahl in der deutschen Sprache haben sich ja oft verändert. So heißt die Mehrzahl von Atlas eigentlich Atlanten, aber ich glaube, es ist auch erlaubt, Atlasse zu sagen. Nun aber die für mich nicht nachzuvollziehende Mehrzahl von Supernova: Ich habe gerade wieder einen Bericht gesehen und immer wieder spricht man hier in der Mehrzahl von Supernovae. Ist das richtig und in irgendeiner Art und Weise nachzuvollziehen?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

man darf zum Entsetzen einiger Traditionsbewusster heute tatsächlich nicht nur Atlanten, sondern auch Atlasse sagen und schreiben. Bei Supernova hingegen ist die Welt auch für Liebhaber klassisch beeinflusster Wortformen noch in Ordnung: Der Plural lautet Supernovae oder Supernovä. Woher kommt diese im Deutschen ungewöhnliche Endung?

Nova bezeichnete ursprünglich einen Himmelskörper, der vorher nicht sichtbar gewesen war. (Heute ist die Definition etwas komplizierter.) Eine Supernova ist eine besonders starke Nova. Das Wort Nova kommt aus dem Lateinischen: stella nova = neuer Stern. Die Form stella nova ist weiblich und steht im Singular. Die entsprechende Form ist im Nominativ Plural stellae novae. Deshalb lautet der Plural auch im Deutschen Novae oder Novä und Supernovae oder Supernovä.

Vom gleichen lateinischen Adjektiv novus (neu) kommt auch das Wort das Novum = die Neuheit, die neue Tatsache. Hier verwenden wir die sächliche Form novum. Der dazugehörende Nominativ Plural ist nova. Entsprechend lautet der selten vorkommende Plural von das Novum auch im Deutschen die Nova.

Die Nova trägt ihren Namen, weil sie gewissermaßen ein Novum ist. Mehrere Novä sind also Nova. Die Nova in der Einzahl und die Nova in der Mehrzahl könnten einem so glatt durcheinandergeraten. Glücklicherweise gibt der Kontext in der Regel an, ob von einem astronomischen Phänomen oder von Neuheiten die Rede ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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