Was kann womit kollidieren?

Frage

Kann eine Auto mit einer Wand kollidieren? Oder können nur zwei Schiffe kollidieren? Ist der erste Satz korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

eigentlich kann nur Bewegliches mit Beweglichem kollidieren. Die Bedeutung von kollidieren ist zusammenprallen. Normalerweise kollidieren Fahrzeuge, Flugzeuge und Schiffe:

Das Fahrradfahrer kollidierte mit einem von rechts kommenden PKW.
Der Dampfer kollidierte mit einem Handelsschiff.
Die Boeing wäre beinahe mit einer aufsteigenden Cessna kollidiert.
Zwei Güterzüge sind außerhalb des Bahnhofs kollidiert.

Auch andere bewegliche „Einheiten“ aller Art können kollidieren:

Die Titanic kollidierte mit einem Eisberg.
Das Hubble-Weltraumteleskop fotografierte kollidierende Galaxien.
Das Mädchen rannte um den Tisch und kollidierte mit dem kleinen Bruder.

Dann gibt es natürlich auch noch – im übertragenen Sinne – kollidierende Meinungen, Interessen, Anliegen, Lösungsmodelle usw.

Man hört und liest aber auch öfters, dass Autos mit Mauern und Schiffe mit Schleusentoren kollidieren. Das ist nach der eigentlichen Bedeutung von kollidieren zumindest zweifelhaft. Es ist so richtig oder falsch, wie wenn ein Auto mit einer Mauer zusammenprallt. Man versteht es, aber stilistisch ist es doch viel besser, zu sagen, dass ein Auto auf eine Mauer prallt oder dass ein Schiff gegen ein Schleusentor prallt.

Stilistisch einwandfrei kann allerdings die Aussage eines übermäßig Beschwipsten sein, wenn er sagt, dass er auf dem Gehsteig mit einem Laternenpfahl kollidiert sei. Der Laternenpfahl musste wohl beweglich sein, denn sonst hätte er ihm ja ausweichen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Muss ich es selbst oder selber tun?

Frage

Ich bin ganz unsicher bei der Verwendung von selber und selbst. Ich frage mich, wann ich welches benutzen kann oder ob es ganz egal ist. Vielleicht sollte auch eines der beiden überhaupt nicht benutzt werden.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Wörter selbst und selber haben die gleiche Bedeutung und Anwendung. Im Unterschied zu selbst, das von allen als standardsprachlich angesehen wird, gilt selber eher als umgangssprachlich. Es kommt aber auch in standardsprachlichen Texten vor. Auch hier gilt wieder einmal, dass Sie besser selbst als selber verwenden, wenn Sie ganz sicher sein wollen, dass bestimmt kein „wohlmeinender“ Zeitgenosse Ihre Wortwahl kritisiert. Hier einige Anwendungsbeispiele:

Ich habe es selbst gemacht.
Ich habe es selber gemacht.

Man sollte nicht sich selbst belügen.
Man sollte nicht sich selber belügen.

Es ging wie von selbst.
Es ging wie von selber.

Hast du den Pullover selbst gestrickt?
Hast du den Pullover selber gestrickt?

Ja, das ist ein selbst gestrickter oder selbstgestrickter Pullover.
Ja, das ist ein selber gestrickter oder selbergestrickter Pullover.

Wenn das Pronomen als Substantiv verwendet wird, verwendet man nur Selbst:

ein Teil meines Selbst
dein wahres Selbst

Auch das Adverb selbst mit der Bedeutung sogar kann nicht durch selber ersetzt werden. Also nur:

Selbst er wusste nicht mehr weiter.
Selbst hier spielst du den Clown!

Sehen Sie auch diese Grammatikseite und diese Angaben zur Rechtschreibung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn es buchstäblich Bindfäden regnet

Gestern las ich in einem Ferienbericht aus den Azoren, dass es dort einen Tag lang buchstäblich Bindfäden geregnet habe. Ich kann mir zwar vorstellen, dass es ausgiebig, sehr stark, heftig, sintflutartig oder eben Bindfäden regnet, aber auch auf den Azoren wird es wohl kaum je buchstäblich Bindfäden regnen. Darüber hätte man gerade im Sommerloch sicher in der Zeitung oder im Wetterbericht nach den Abendnachrichten etwas erfahren. Und was hätten die armen Azorer mit all den Bindfäden anfangen müssen?

Es geht um das Wort buchstäblich, das so viel wie im wahrsten Sinne des Wortes, regelrecht, ohne zu übertreiben bedeutet. Beispiele sind:

Er hat den Zirkus buchstäblich aus dem Nichts erschaffen.
Bei Rettungseinsätzen zählt buchstäblich jede Sekunde.

Weiter kann buchstäblich angeben, dass das nachfolgend Gesagte wörtlich und nicht etwa in einem übertragenen Sinne gemeint ist:

Schokolade ist buchstäblich in aller Munde.
Mit dauernd gekippten Fenstern heizen Sie buchstäblich zum Fenster hinaus.
Madonna hebt buchstäblich ab. (Sie plant einen Flug ins All …)
LOrfeo“ war buchstäblich atemberaubend. (Ein paar Zuschauer waren während der Vorstellung ohnmächtig geworden.)
Schreiender Junge erschreckt Hühner buchstäblich zu Tode. (Die Hühner sind vor Stress tatsächlich tot umgefallen.)

Vergleichen Sie nun die folgenden Sätze, bei denen eine gut gelungene einer weniger empfehlenswerten Verwendung von buchstäblich gegenübergestellt wird:

Teppiche werden schließlich buchstäblich mit Füßen getreten.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Frage ist aber, wie Folgendes buchstäblich geschehen kann:

Menschenrechte werden hier buchstäblich mit Füßen getreten.

Zwei weitere Beispiele:

Sie haben mir den Müllcontainer buchstäblich vor die Haustüre gestellt.
In Aachen liegt die niederländische Sprache buchstäblich vor der Haustür.

Wie die niederländische Sprache, so seltsam sie manchmal klingen mag, im wörtlichen Sinne vor Aachener Haustüren liegen soll, ist mir ein Rätsel.

Eine Frau, die einmal spät abends nach Hause kam, wurde von einem Bären, der aus dem Hauseingang flüchtete, buchstäblich überrannt.
Die Zwerge wurden von Orks – der Höllenbrut Mordors und Isengards – buchstäblich überrannt.

Von Bären und Orks kann man, wenn man Pech hat, tatsächlich buchstäblich überrannt werden. Bei den nächsten zwei Sätzen mag man aber wieder hoffen, dass das Überrennen nicht ganz so buchstäblich erfolgte:

Einzige Medienfakultät Deutschlands wurde buchstäblich überrannt.
Dennoch wird die Kursleitung von Anmeldungen buchstäblich überrannt.

Ich könnte noch lange so weitermachen. Es geht mir nicht darum, dass buchstäblich nur buchstäblich verstanden werden könnte. Es ist ein Wort, das auch mit einer rein verstärkende Funktion verwendet werden darf. Die Beispiele sollen nur aufzeigen, dass man vorsichtig sein sollte, wenn man buchstäblich vor in übertragenem Sinne verwendete Ausdrücke stellt. Man riskiert dann nämlich, unfreiwillig humorvoll zu sein. Achten Sie darauf, wenn Sie einmal meinen, es regne schon so lange buchstäblich Bindfäden, dass Ihnen bald buchstäblich der Himmel auf den Kopf falle.

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Schweizer, schweizerisch, eidgenössisch

Die drei Wörter Schweizer, schweizerisch, eidgenössisch hören sich zwar fast wie Steigerungsformen an, aber sie sind keine Gradangaben für die Intensität des Schweizerischseins. Das müsste man eher mit schweizerisch, schweizerischer, am schweizerischsten ausdrücken. Schweizer, schweizerisch und eidgenössisch sind drei Adjektive, die sich in unterschiedlicher Weise auf die Schweiz beziehen.

Mit eidgenössisch meint man die Schweiz als Staat. Wie Sie wahrscheinlich wissen heißt die Schweiz ja offiziell die Schweizerische Eidgenossenschaft. Es gibt zum Beispiel eidgenössische Wahlen, eidgenössische Politik und eidgenössisch diplomierte Apotheker und Apothekerinnen. In Eigennamen aller Art wird das Adjektiv großgeschrieben: das Eidgenössische Departement des Inneren, die Eidgenössische Technische Hochschule ETH und (wenigstens ein Klischee sei mir hier gegönnt) das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest.

Nicht immer wird aber bei die gesamte Eidgenossenschaft Betreffendem das Wort eidgenössisch verwendet. Auch wenn die Armee in der Schweiz eine gesamtschweizerische Staatsangelegenheit ist, kommt in ihrem Namen das Wort eidgenössisch nicht vor. Sie heißt offiziell die Schweizer Armee. Und hiermit sind wir bei einem weiteren Adjektiv: Schweizer. Wir kennen es (ich kann es doch nicht nur bei einem Klischee lassen) vom Schweizer Käse, der Schweizer Schokolade, den Schweizer Alpen und dem Schweizer Franken. Das Adjektiv wird immer großgeschrieben, ist unveränderlich und kann nur vor dem Nomen stehen. Wenn es gebeugt oder an einer anderen Stelle stehen soll, muss auf schweizerisch ausgewichen werden: Die beste Schokolade ist die schweizerische.

Gibt es darüber hinaus noch einen Unterschied zwischen Schweizer und schweizerisch? – Nicht wirklich. Es gibt unter anderem eine Tendenz, dass Schweizer eher in feststehenden Bergriffen Begriffen verwendet wird. So gibt es nur den Schweizer Franken, nicht aber den schweizerischen Franken. Schweizer Käse ist schon fast eine Art Institution oder Appellation contrôlée, während schweizerischer Käse einfach nur nach Käse aus der Schweiz klingt. Schon bei der Schweizer Uhrenindustrie und der schweizerischen Uhrenindustrie ist es aber kaum mehr möglich, einen Bedeutungsunterschied zu entdecken. Auch Namen von Instituten, Organisationen u.Ä. folgen dieser Tendenz nicht: Es heißt zwar offiziell die Schweizer Armee, aber es ist das Schweizerische Rote Kreuz; und ausgerechnet die Bezeichnung des Landes lautet nicht die Schweizer Eidgenossenschaft, sondern die Schweizerische Eidgenossenschaft.

Dieser Beitrag ist der Tatsache zu verdanken, dass der heutige 1. August – wie schon vor einem Jahr erwähnt – der schweizerische oder Schweizer Nationalfeiertag ist.

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A ticket to Rome/ein Flugschein nach Rom

Zurück aus Rom habe ich mich erst an der den Regen gewöhnen müssen. Am liebsten hätte ich gleich ein Flugticket zurück in den Süden gekauft, aber ich kann Sie ja nicht so lange im Stich lassen. Die Tatsache, dass ich nicht unbegrenzt Ferientage zur Verfügung habe, mag bei der Entscheidung, im feuchtkühlen Raum nördlich der Alpen zu bleiben, auch eine gewisse Rolle gespielt haben.

Für den Flug nach Rom habe ich mein Ticket über den Online-Booking-Service der Airline gekauft. Ich konnte also vor dem Abflug von zu Hause aus in das Online-Check-in einloggen und sowohl einchecken als auch den Boarding-Pass printen. Am Airport musste ich deshalb nicht mehr zum Check-in-Counter, sondern konnte gleich zum Baggage-Drop-off. Danach ging es entlang der Duty-Free-Shops und durch die Security-Control zum Gate.

Für den Flug nach Rom habe ich meinen Flugschein über das Netzbuchungssystem der Fluggesellschaft gekauft. Ich konnte mich also vor dem Abflug von zu Hause aus in die Netzflugabfertigung einwählen und sowohl mich für den Flug anmelden als auch die Einstiegskarte drucken. Am Flughafen musste ich deshalb nicht mehr zum Flugabfertigungsschalter, sondern konnte gleich zur Gepäckabgabestelle. Danach ging es entlang der Zollfreiläden und durch die Sicherheitskontrolle zum Flugsteig.

Sie sehen, es geht um Anglizismen, das heißt aus dem Englischen übernommene Wörter. Wenn es ums Fliegen geht, gibt es deren viele. Ich habe die beiden Texte hier nicht nebeneinandergestellt, damit Sie den einen verurteilen und den anderen begrüßen sollen. Mir wollen sie nämlich beide nicht so recht gefallen. Einerseits klingen in meinen Ohren Online-Booking-Service, Airline und Baggage-Drop-off etwas zu sehr nach „Internationaler-Vielflieger-und-Weltbürger-sein-Wollen“, andererseits haben Netzbuchungssystem, Netzflugabfertigung und Flugsteig für mich irgendwie etwas Forciertes und „Handgestricktes“.

Die beiden Textabschnitte oben sollen nur aufzeigen, dass sowohl die eine als auch die andere „Extremlösung“ einen etwas seltsamen Eindruck hinterlassen kann. Wenn man viele Anglizismen verwendet, riskiert man schnell einmal, den Eindruck einer Möchtegern-Fachfrau oder eines doch nicht ganz so weit gereisten Weltbürgers zu machen — wenn man denn schon von allen verstanden wird. Auf der anderen Seite kann eisernes Festhalten an ausschließlich deutschen Wörtern farblos und etwas sehr verbissen wirken — und manchmal ebenfalls zu Verständnisproblemen führen (wer weiß schon auf Anhieb, was Netzflugabfertigung bedeuten soll?)

Es liegt also an Ihrem Stilgefühl und dem Eindruck, den Sie (nicht) hinterlassen wollen, welche Wahl Sie jeweils zwischen den Anglizismen und deren deutschen Entsprechungen treffen. Oft gibt es sogar auf dem Wortniveau so etwas wie den goldenen Mittelweg. Ein schönes Beispiel dafür finde ich Online-Buchungssystem statt Online-Booking-System oder Netzbuchungssystem. Aber auch dies ist letztlich eine Frage des Geschmackes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die meiner Meinung nach ebenso fruchtlose wie uferlose Diskussion zu Sinn und Unsinn von Anglizismen und der Gefahr, die sie für die deutsche Sprache sein sollen, will ich hier bewusst nicht führen.

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Verwundete retten und Tote bergen

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz in der „Zeit“ gelesen: „Nicht alle verwundeten Amerikaner wurden geborgen.“ Meine Frage ist, ob es so richtig ist. Meiner Meinung nach wäre der Satz mit … wurden gerettet besser. Oder gibt es keine Bedeutungsunterschied zwischen bergen und retten? Ist es nicht so, dass jemand, der nicht mehr am Leben ist, nur geborgen werden kann?

Antwort

Sehr geehrter Herr I.,

nach meinem Sprachempfinden und auch nach den Angaben der mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher (z.B. DWDS) bedeutet bergen unter anderem in Sicherheit bringen, retten. Es gibt allerdings Kolumnisten, die sagen, dass bergen und retten nie die gleiche Bedeutung hätten. Gerettet würden nur Lebende, geborgen nur Tote. Damit bin ich teilweise einverstanden, denn es stimmt, dass man Tote nur bergen kann. Für sie kommt jede menschliche Rettung zu spät. Verwundete, Schiffbrüchige und verunglückte Bergsteiger können aber sowohl gerettet als auch geborgen werden. In den Beispielsätzen einiger Wörterbücher und an vielen Stellen im Internet findet man nicht nur Verwundete retten, sondern auch Verwundete bergen.

Wenn Schiffbrüchige gerettet werden, weiß man also sofort, dass sie noch leben, denn wenn sie tot wären, könnten sie nur geborgen werden. Bei bergen ist das nicht immer so eindeutig. Oft gibt die Bezeichnung für die Geborgenen Aufschluss über ihren Zustand: geborgene Verwundete leben noch, geborgene Tote leider nicht mehr. Bei geborgenen Schiffbrüchigen ist es nicht mehr so eindeutig. Deshalb wird in solchen Fällen oft gesagt, dass die Schiffbrüchigen lebend geborgen wurden oder aber leider nur noch tot geborgen werden konnten.

Die Verben retten und bergen sind nicht immer gleichbedeutend. Tote können nur geborgen, aber nicht gerettet werden. Umgekehrt kann man jemanden nur vor einer drohenden Gefahr retten, aber nicht davor bergen. Es gibt noch weitere Unterschiede und Anwendungsbeschränkungen, auf die ich hier leider nicht eingehen kann. Wie so oft in der Sprache überdecken die Bedeutungen der beiden Wörter sich aber doch zum Teil. Der Satz, den Sie in der „Zeit“ gelesen haben, ist also korrekt, denn Verwundete können nicht nur gerettet, sondern eben auch geborgen werden.

Vielleicht hat die obenerwähnte Meinung, bergen und retten könnten niemals gleichbedeutend sein, ihren Ursprung in der bei der Feuerwehr üblichen Definition dieser Wörter. Nach dieser Definition rettet die Feuerwehr verletzte und gefährdete Menschen und birgt sie Sachgüter sowie tote Menschen und Tiere. (Diese Angaben sind „ohne Gewähr“, denn ich übernehme sie aus Wikipedia, ohne sie weiter kontrolliert zu haben.)

Schauen wir uns nun aber einmal die die Definition des Begriffs Bergung an, die man in den „Zentralen Begriffen des Zivil- und Katastrophenschutzes“ der Ständigen Konferenz für Katastrophenvorsorge und Katastrophenschutz findet:

Bergung umfasst Maßnahmen zur Befreiung von Menschen oder Tieren, die durch äußere Einwirkungen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind.

Bei dieser Definition ist es vielleicht nicht unbedingt erforderlich, aber ganz bestimmt nicht ausgeschlossen, dass die Geborgenen noch am Leben sind.

Diese einander widersprechenden Definitionen zeigen, dass man mit der Übertragung solcher fachsprachlicher Definitionen auf die Allgemeinsprache vorsichtig sein sollte. Fachsprachliche Begriffe haben eben oft eine viel engere Definition als die gleichlautenden Wörter der allgemeinen Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Universität als Antragsteller oder Antragstellerin?

Frage

Der Dekan ist der Antragsteller und die Dekanin die Antragstellerin. Wie verhält es sich aber mit der Universität? Ist sie Antragsteller oder Antragstellerin? Und wenn sie als Antragstellerin auftritt, was ist dann das Institut?

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

wenn ein Wort, das eigentlich eine Personenbezeichnung ist (hier: Antragsteller), sich im übertragenen Sinne auf eine weibliche Sache (hier: Universität) bezieht, kann sowohl die weibliche also auch die männliche Form der Personenbezeichnung verwendet werden:

Antragstellerin ist die Universität B. oder
Antragsteller ist die Universität B.

Andere Beispiele:

Die Firma XY ist Lieferantin dieses Produktes. oder
Die Firma XY ist Lieferant dieses Produktes.

die Stadtverwaltung als Arbeitgeberin oder
die Stadtverwaltung als Arbeitgeber

Die Geschichte ist eine Lehrmeisterin für die Zukunft. oder
Die Geschichte ist ein Lehrmeister für die Zukunft.

Klingt das nicht sehr emanzipiert? Dem ist aber leider nicht ganz so, denn das Umgekehrte gilt nämlich nicht. Wenn eine Sache männlich oder sächlich ist, kann sich nur eine männliche Personenbezeichung auf sie beziehen:

Der Antragsteller ist das Institut B.
Der Betrieb XY ist Lieferant dieser Produkte.
das Stadttheater als Arbeitgeber
Der Neid ist ein Spielverderber des Glück.

Man könnte argumentieren, dass hier auch die weiblichen Formen verwendet werden können müssten, aber das ist in der deutschen Sprache schlichtweg nicht üblich. Es wäre natürlich auch möglich, umgekehrt die Verwendung von männlichen Personenbezeichnungen für weibliche Sachen zu „verbieten“, aber das ginge wohl auch etwas zu weit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mindestens und wenigstens

Frage

Meine ausländischen Freunde fragten mich, wann im Deutschen das Adverb wenigstens und wann mindestens benutzt wird. Ich muss zugeben, dass ich ein wenig gestutzt habe und dann meine Inkompetenz eingestehen musste.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

bei dieser Frage ist auch meine Kompetenz auf Anhieb überfordert. Ein Blick in die Wörterbücher zeigt, dass die beiden Wörter mehr oder weniger die gleiche Bedeutung haben:

1) nicht weniger als oder mehr

Für das nächste Level braucht man mindestens 1000 Punkte.
Für das nächste Level braucht man wenigstens 1000 Punkte.
Die letzte Mahlzeit sollte mindestens drei Stunden zurückliegen.
Die letzte Mahlzeit sollte wenigstens drei Stunden zurückliegen.

2) zumindest; immerhin

Du hättest mir wenigstens beim Abwaschen helfen können.
Du hättest mir mindestens beim Abwaschen helfen können.
Viel ist es nicht, aber es ist wenigstens etwas.
Viel ist es nicht, aber es ist mindestens etwas.

Meine und vielleicht auch Ihre Unsicherheit rührt daher, dass für die erste Bedeutung häufiger mindestens als wenigstens verwendet wird. So liest man zum Beispiel bei den Haltbarkeitsangaben verderblicher Produkte fast nur mindestens haltbar bis und nicht wenigstens haltbar bis. Umgekehrt wird für die zweite Bedeutung häufiger wenigstens verwendet. Ich persönlich würde sogar nur Viel ist es nicht, aber es ist wenigstens etwas und nicht Viel ist es nicht, aber es ist mindestens etwas sagen. Aber wie gesagt, nach den Angaben der Wörterbücher soll beides möglich sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die häufigste Meise

Frage

Es geht um das Wort häufig und darum, ob dieser Satz korrekt ist:

Die Kohlmeiste ist Europas häufigste Meise.

Vom Sprachgefühl her kommt mir der Gebrauch von häufig hier komisch vor. Auf Ihrer Seite wird häufig als ein Adjektiv bezeichnet, das zur Klasse unflektiert und attributiv gehört. Wird häufig aber im heutigen Sprachgebrauch nicht viel häufiger adverbial benutzt? Und wäre im oben genannten Fall nicht auch die adverbiale Version besser:

Die Kohlmeise ist die am häufigsten vorkommende Meisenart Europas.

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

Die Kohlmeiste ist Europas häufigste Meise.

Dieser Satz ist korrekt, obwohl er auch nach meinem Sprachgefühl irgendwie „klemmt“. Nach den Angaben der Wörterbücher bedeutet häufig:

in großer Zahl vorkommend / sich wiederholt ereignend (Duden)
oft vorkommend / sich oft wiederholend (Wahrig)
oft vorkommend / wiederholt (DWDS)

In der jeweils ersten Bedeutung oft vorkommend kann häufig in Ihrem Beispielsatz stehen. Wenn man hinzunimmt, dass die Höchststufe von oft normalerweise am häufigsten ist, dann kann man sagen, dass die häufigste und die am häufigsten vorkommende das Gleiche bedeuten:

häufig = oft vorkommend,
häufiger = öfter vorkommend
die häufigste = die am häufigsten vorkommende

Mein Gefühl sagt mir aber wie das Ihre Ihnen, dass die am häufigsten vorkommende doch besser ist. Das hat bei mir damit zu tun, dass ich bei häufig immer auch die zweite Bedeutung wiederholt, sich wiederholend heraushöre: zum Beispiel in häufige Besucher, häufiges Händewaschen, ein häufiger Fehler, die häufigste Ursache usw. Und dies ist bei häufigste Meise nicht der Fall. Deshalb klingt der Satz für mich wie folgt besser:

Die Kohlmeise ist Europas am häufigsten vorkommende Meise.

Wie aber die Definitionen in den Wörterbüchern und ein paar Tests mit der Suchmaschine Google zeigen, darf häufig auch in der ersten Bedeutung oft vorkommend benutzt werden, so dass – wie am Anfang schon gesagt – auch Europas häufigste Meise korrekt ist.

Zu der Angabe in unserem Wörterbuch: Dort steht tatsächlich, dass das Adjektiv häufig unflektiert und attributiv verwendet wird. Wenn sie dem entsprechenden Link folgen, dann sehen Sie, dass unflektiert für sowohl den prädikativen (Die Meise ist häufig) als auch den adverbialen Gebrauch (Die Meise kommt häufig vor) steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was ist häufiger: der, die oder das?

Frage

Meine Zweitklässer möchten gern Folgendes wissen: Welcher bestimmte Artikel ist am häufigsten; der, die oder das? Gibt es Prozentzahlen? Unsere Stichprobenforschung hat ergeben, dass der am häufigsten ist. Stimmt das?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

Ihre Frage ist komplizierter, als sie sich auf Anhieb anhört. Gemäß den Angaben des Wortschatz-Projektes der Universität Leipzig sind die folgenden zehn Wörter die häufigsten deutschen Wörter:

der
die
und
in
den
von
zu
das
mit
sich
(http://wortschatz.uni-leipzig.de/Papers/top10000de.txt)

Die Reihenfolge für der, die, das wäre somit:

1. der
2. die
3. das

ABER: In dieser Aufstellung entspricht zum Beispiel der nicht dem männlichen Artikel, sondern nur der Wortform der.

Die Wortform der kann auch weiblich (das Auto der Frau, mit der Tochter) oder allgemein Mehrzahl sein (die Spielsachen der Kinder). Sie kann unter anderem auch Relativpronomen sein (der Mann, der das gesagt hat). In gleicher Weise ist die nicht nur der weibliche Artikel, sondern auch der bestimmte Artikel des Nominativ und des Akkusativ Plural, ein Relativpronomen usw. Außerdem steht der Akkusativ des männlichen Artikels, d.h. den, selbstständig auf Platz fünf der Liste der Uni Leipzig.

Die obenstehende Reihenfolge sagt also nichts darüber aus, wie häufig die verschiedenen Artikel vorkommen, sondern nur, wie oft eine bestimmte Form vorkommt. Eine Liste, die genaue Aussagen über die Häufigkeit der einzelnen Artikel angibt, ist mir leider nicht bekannt. Es ist wegen der verschiedenen Funktionen der Wortformen der, die, das, den usw. auch sehr schwierig, eine solche Liste zu erstellen.

Wenn die Frage lautet, ob es mehr männliche, mehr weibliche oder mehr sächliche Nomen gibt, ist die Antwort auch nicht ganz so einfach. In unseren Daten sieht das wie folgt aus:

weibliche Nomen: ca. 68′000 = 40%
männliche Nomen: ca. 52′000 = 31%
sächliche Nomen: ca. 49′000 = 29%

Es gibt also am meisten weibliche und am wenigsten sächliche Nomen. Dies sind aber nicht endgültige, unverrückbar feststehende Zahlen, denn die folgenden Einschränkungen müssen gemacht werden:

  • So umfangreich unserer Daten sind, sie können nicht nicht den ganzen deutschen Wortschatz abdecken.
  • Die Prozentzahlen sagen nichts darüber aus, wie häufig weibliche, männliche und sächliche Nomen tatsächlich verwendet werden.

Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine kurze und eindeutige Antwort geben kann. Ich befürchte auch, dass sie für Zweitklässler etwas gar kompliziert ist. Ich hoffe aber, dass Sie trotzdem etwas damit anfangen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag
Zweitklässler sind offenbar viel schlauer, als ich dachte. Wie mich Frau B. wissen lässt, können sie sehr wohl etwas mit der Antwort anfangen. Wie man sieht, sollte man (oder besser: sollte ich) die Kleinen nicht unterschätzen. Es ist auch schon so lange her …

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