Ist der Abstand zweijährig oder zweijährlich?

Frage

Heißt es: „Kontrollen in zweijährigem Abstand“ oder „Konstrollen in zweijährlichem Abstand“?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

im Prinzip es ganz einfach, …jährlich von …jährig zu unterscheiden. In diesem Fall hätte ich Ihnen aber ganz spontan beinah eine falsche Antwort geschickt. Es wäre bestimmt nicht das erste Mal gewesen, dass ich im Eifer des Gefechts einen Schnellschuss mit falschem Inhalt abgegeben hätte. Bei so nahe beieinanderliegenden Formen lohnt es sich immer, ein zweites Mal hinzuschauen, bevor man auf den Senden-Knopf klickt.

Mit …jährig wird ein Alter oder ein Zeitdauer angegeben:

ein zweijähriges Kind = ein zwei Jahre altes Kind
eine zweijährige Ausbildung = eine zwei Jahre dauernde Ausbildung

Mit …jährlich wird angegeben, nach welcher Zeitspanne sich etwas regelmäßig wiederholt:

eine zweijährliche Veranstaltung = eine alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung
zweijährliche Kontrollen = alle zwei Jahre stattfindende Kontrollen

Und nun kommen wir zum Abstand. Er ist zwar auch regelmäßig wiederkehrend (das hat uns wohl ins Zweifeln gebracht), gemeint ist aber seine Dauer. Es heißt deshalb:

Kontrollen in zweijährigem Abstand (= in zwei Jahre dauerndem Abstand)

Die Kontrollen sind also zweijährlich, der Abstand dazwischen ist zweijährig. Kein Wunder, dass die Formen schnell einmal durcheinandergeraten, wenn wir nicht aufpassen.

Dasselbe gilt übrigens auch bei anderen zeitlichen Angaben. Ein paar Beispiele:

eine dreiminütige Ansprache (= drei Minuten dauernd)
der dreiminütliche Ruf „Mama, zudecken!“ (= alle drei Minuten stattfindend)

der zweistündige Dokumentarfilm (= zwei Stunden dauernd)
die zweistündliche Aussendung des Webefilms (= alle zwei Stunden erfolgend)

ein vierzehntägiger Urlaub (= vierzehn Tage dauernd)
die vierzehntägliche Ausgabe (= alle vierzehn Tage erscheinend)

ein zweiwöchiger Besuch (= zwei Wochen dauernd)
ein zweiwöchentlicher Besuch (= alle zwei Wochen stattfindend)

ein viermonatiges Kalb (vier Monate alt)
ein viermonatliches Arbeitstreffen (alle vier Monate stattfindend)

So schnell die Formen auch durcheinandergeraten können, der Unterschied ist manchmal beträchtlich. So scheinen mir Eltern von Neugeborenen froh zu sein, wenn nicht vierstündiges Stillen angesagt ist, denn vierstündliches Stillen ist anstrengend genug. Ich fände es auch ungemein wichtig, genau zu wissen, ob jemand einen vierzehntägigen oder einen vierzehntäglichen Besuch androht. Und der Bauer verliert auf die Dauer mehr Zeit mit Wiedereinfangen, wenn ihm zweimonatlich ein Kalb wegläuft als wenn ihm ein zweimonatiges Kalb entwischt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wann, wenn und wann immer

Frage

Welche Varianten sind korrekt? Gibt es Bedeutungsunterschiede?

1) Damit Sie Ihre Abfälle dann vorbeibringen können, wenn es Ihnen am besten passt.
2) … wann es Ihnen am besten passt.

a) Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran: …
b) Wenn immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran: …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

richtig sind die folgenden beiden Formulierungen:

1) Damit Sie Ihre Abfälle dann vorbeibringen können, wenn es Ihnen am besten passt.
a) Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran …

Die Wörter wann und wenn haben nicht die gleiche Funktion: Mit dem Fragewort wann wird eine (direkte oder indirekte) Ergänzungsfrage eingeleitet. Es wird nach einem Zeitpunkt gefragt (vgl. hier und hier):

Wann passt es Ihnen am besten?
Geben Sie bitte an, wann es Ihnen am besten passt.

Mit der Konjunktion wenn wird ein Temporalsatz eingeleitet. Es wird ein Zeitpunkt angegeben (vgl. u. a. hier)

Ich komme, wenn es mir am besten passt.
Sie können dann kommen, wenn es Ihnen am besten passt.

Also:

Frage: Wann kommst du?
Zeitangabe: Ich komme (dann), wenn

Die Verwendung von wann als Einleitewort eines Temporalsatzes kam früher übrigens häufiger vor:

Wann die Morgenlüfte blasen,
ist verweht der Elfen Spur.
Wo sie tanzten auf dem Rasen,
bleibt ein fahler Kringel nur.
[aus Die Königskerze von Friedrich Rückert, 1788-1866]

Sie gilt im heutigen Deutschen aber nicht mehr als standardsprachlich.

So weit, so gut. Das erklärt aber noch nicht die Verwendung von wann im obenstehenden Satz a).

Die Kombination von einem Fragewort und immer (und/oder auch) leitet keinen Fragesatz ein. Sie hat eine verallgemeinernde Bedeutung. Zum Beispiel:

Wer immer dafür verantwortlich ist, wird …
Du gibst das Geld zurück, von wem immer du es bekommen hast!
Ich glaube dir nicht, was du auch sagst.
Wo immer die beiden auch stecken mögen, ich werde sie finden.
Wie auch immer ihr es tut, Hauptsache ist, dass es rechtzeitig fertig ist.
Wir werden Sie unterstützen, wofür auch immer Sie sich entscheiden.

Wenn mit einer solchen Konstruktion ein unbestimmter Zeitpunkt angegeben wird, steht entsprechend das Fragewort wann, obwohl es sich nicht um eine Frage handelt:

Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran …
Du kannst kommen, wann immer du willst.

Für manche Dialektsprecher und -sprecherinen ist diese Unterscheidung zwischen wann und wenn in der Standardsprache hin und wieder etwas schwieriger, weil es diesen Unterschied in einigen Dialekten und Regionalsprachen gar nicht gibt. Zumindest in meinem Dialekt heißt es immer wänn.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Wörter des Jahres 2012

Fast alle haben darüber berichtet. Ich kann es deshalb auch nicht unerwähnt lassen, obwohl mir die Wahl des Wortes des Jahres eigentlich wenig sagt. Nun denn:

Gestern hat die Gesellschaft für deutsche Sprache das deutsche Wort des Jahres 2012 bekanntgegeben:

Rettungsroutine

Auf große Begeisterung stößt die Wahl dieses Wortes allerdings nicht. Es scheint in der deutschen Sprachrealiät kaum verwendet zu werden. Die GfdS schreibt auf ihren Seiten dann auch vorsichtig: „Es geht nicht um Worthäufigkeiten.“ Mehr dazu finden Sie zum Beispiel im Spiegel, in der FAZ, im Sprachlog oder im Lexikographieblog.

Das Jugendwort des Jahres ist für Deutschland schon etwas länger bekannt:

YOLO (You only live once; Nutze die Gelegenheit!).

Mehr dazu hier und hier. Das Unwort des Jahres muss in Deutschland noch gewählt werden.

Einen etwas größeren Unterhaltungswert haben die österreichischen Wörter des Jahres 2012, die bereits am Nikolaustag bekannt geworden sind:

1. Rettungsgasse
2. Schulschwänzbeauftragter
3. präfrustriert

Die Unwörter des Jahres sind:

1. Unschuldsvermuteter
2. Pleitegriechen
3. Anfütterungsverbot

Zum Jugendwort wurde gekürt:

leider geil

Am besten gefällt mir der österreichische Ausspruch des Jahres 2012, nämlich die Aussage der Grünen-Abgeordneten Gabriela Moser, die anlässlich ihres Rücktritts, wenn man es denn so nennen darf, sagte:

Ich trete nicht zurück, ich mache den Weg frei.

Diese gesichtsverlustbeschränkenden Worte verdienen von mir aus tatsächlich einen Schönheitspreis. Mehr zur österreichischen Wahl finden Sie zum Beispiel hier und hier.

Ebenfalls bereits am 6. Dezember wurde das schweizerische Wort des Jahres 2012 bekanntgegeben:

Shitstorm

Das Wort  war übrigens bereits der Anglizismus des Jahres 2011 in Deutschland. In der Schweiz dauert es eben manchmal etwas länger als anderswo.

Vor allem Supermarktketten bemühen sich krampfhaft darum, ein möglichst „grünes“ und „nachhaltiges“ Image aufzubauen und gehen entsprechend den Konsumentinnen und Konsumenten mit dem Unwort des Jahres auf die Nerven:

Bio

Wäre das nicht auch ein Unwort-Kandidat für Deutschland?

Der Satz des Jahres ist weder deutsch noch englisch, sondern italienisch:

Vada a bordo, cazzo! (Gehen Sie an Bord, verdammt nochmal!)

Es sind die an den Kapitän der auf Grund gelaufenen Costa Concordia gerichteten Worte, als er sich weigerte auf sein Schiff zurückzukehren. (In diesem Zusammenhang kommt mir noch ein Kandidat für das [Un-]Wort des Jahres in den Sinn: Unglückskapitän.)

Interessant ist das Jugendwort des Jahres:

Shaz

Es ist weder aus dem Persischen übernommen noch ein Anglizismus, sondern nichts anders als eine SMS-geeignete Schreibweise des klassischen Kosewortes Schatz. Wir haben es hier mit einer ganz besonderen Art der „Fremdwortentlehnung“ zu tun: ein urdeutsches Wort, das nach fremdländischer Orthographie geschrieben wird.

Zum liechtensteinischen Wort des Jahres 2012 konnte ich noch keine Informationen finden.

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Wie man nach Pferden und Hamstern fragt

Wenn man dem Klischee glauben darf, sind die Deutschen immer ganz präzise und nimmt man es in Österreich und der Schweiz nicht weniger genau. Umso erstaunlicher finde ich es oft, wie ungenau gewisse Regeln und wie unscharf gewisse Unterschiede in der deutschen Sprache gehandhabt werden. Als Muttersprachige haben wir meist keine Ahnung, wie schwierig wir dadurch das Leben für die Deutschlernenden machen!

Frage

Pronominaladverb bei Tieren: Fragt man bei einem Pferd „Worum kümmerst du dich?“ oder „Um wen kümmerst du dich?“?

Antwort

Guten Tag L,

auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Nach der bekannten Grundregel verwendet man standardsprachlich ein Pronominaladverb der Form wo(r)-, wenn man nach Dingen usw. fragt:

Womit schlägst du den Nagel in die Wand.
Wonach riecht es hier?
Worüber lacht ihr?
Worunter haben sie sich versteckt?

Es gilt als umgangssprachlich, hier mit was, nach was, über was, unter was zu verwenden. Nach Personen fragt man hingegen nie mit einem Pronominaladverb, sondern immer mit der entsprechenden Kombination von Präposition und Personalpronomen:

Mit wem fährst du nach Warschau?
Nach wem riecht es hier?
Über wen lacht ihr?
Unter wem arbeiten sie?

Soweit haben wir es mit einer ziemlich klaren Regel zu tun. Wenn es aber um Tiere geht, ist die Lage nicht mehr ganz so eindeutig. Wenn eine Frage sich auf ein Tier bezieht, scheint die Form der Frage nämlich davon abzuhängen, welche Einstellung man zum Tier hat. Wenn das Tier als Aufgabe, als Instrument o. Ä. gesehen wird, steht eher das Pronominaladverb. Wenn das Tier als individuelles Lebewesen gesehen wird, steht eher das Personalpronomen.

Tiere als Aufgabe, um die man sich kümmert:

- Ich kümmere mich um die Hühner.
- Worum kümmerst du dich?

- Er kümmert sich um das Pferd (füttern, Stall ausmisten).
- Worum kümmert er sich?

Tiere als individuelle Lebewesen, um die man sich kümmert:

- Ich kümmere mich um mein preisgekröntes Zwerghuhn.
- Um wen kümmerst du dich?

- Er kümmert sich liebevoll um sein Pferd Fury.
- Um wen kümmert er sich?

Ein weiteres Beispiel:

- Ich spiele mit dem Hamster.
- Womit spielst du?
- Mit wem spielst du?

Bei der ersten Frage (womit?) ist der Hamster ein Spielzeug. Bei der zweiten Frage (mit wem?) ist er ein Spielgefährte.

Es gibt also keine allgemeine Regel dafür, mit welchen Fragewörtern nach Tieren gefragt wird. Dem Hamster wünsche ich übrigens, dass die Frage häufiger mit wem? als womit? lautet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Eichelhäher und die Hauswurzen

Der Eichelhäher hat den Hauswurzen den Garaus gemacht. Das klingt wie eine Mordtat aus einem Märchen, einer Gotthelf-Erzählung, einer Heimatgeschichte oder einem Fantasyroman. Dem ist aber nicht so. Es ist die Beschreibung dessen, was sich letzthin auf unserem Balkon abgespielt hat. Ein Eichelhäher – das ist ein Vogel, ein sehr schöner sogar – hat wohl auf der Suche nach einem wurm- oder larvenförmigen Leckerbissen mit seinem Schnabel die beiden mit Hauswurzen bepflanzten Blumentöpfe umgegraben. Die Hauswurzen, eigentlich sehr zähe Pflanzen, haben es trotz ihres lateinischen Namens Sempervivum (semper = immer, vivum = lebend) nicht überlebt. Die eine Hälfte liegt wurzellos auf dem Balkonboden, die andere Hälfte ist auf der Außenseite des Geländers sozusagen zu Tode gestürzt.

Eichelhäher Hauswurz

Eichelhäher und Hauswurz: Die beiden Wörter rufen bei mir ein Bild von Urtümlichkeit oder zumindest tiefster Ländlichkeit auf. Gewisse Wörter haben das an sich und eignen sich entsprechen gut dazu, einem Text eine bestimmte Atmosphäre zu verleihen. In diesem Fall ist die Wirklichkeit aber viel profaner. Trotz des altertümlich-ländlichen Namens kommt der Eichelhäher heute auch in städtischen Umgebungen vor, und Hauswurzen gibt es in jedem Gartencenter.

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Erstmalig aufführen oder nicht?

Frage

Auf der Seite www.korrekturen.de wird behauptet, dass das Adjektiv „erstmalig“ nicht adverbial gebraucht werden könne.

Das Adjektiv erstmalig kann nicht adverbial verwendet werden, so kann man zwar von einer „erstmaligen Aufführung“ sprechen, es heißt aber nur „Das Stück wurde erstmals aufgeführt“ und nicht „Das Stück wurde erstmalig aufgeführt“.

Ich halte diese Aussage für falsch. Meines Wissens kann man jedes Adjektiv adverbial verwenden (eben, wie oben, durch Weglassen der Flexionsendung). Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag S.,

die Angabe, die Sie zitieren, ist nicht falsch. Ich finde nur, dass sie etwas zu streng formuliert ist. Man hört und liest zwar häufiger wurde erstmalig aufgeführt, aber standardsprachlich kann man diese Formulierung besser vermeiden. Warum?

Das Adjektiv erstmalig gehört zu einer Gruppe von Adjektiven, die üblicherweise nicht adverbial verwendet werden, weil sie selbst schon von Adverbien abgeleitet sind. Sie stehen sehr häufig vor Substantiven, die von Verben abgeleitet sind:

heute besuchen → der heutige Besuch
den Vertrag bald abschließen → der baldige Vertragsabschluss
oben erwähnen → die obige Erwähnung
einmal zahlen → einmalige Zahlung
erstmals aufführen → die erstmalige Aufführung

Man verwendet diese Gruppe von Adjektiven also dann, wenn in einem Satz „etwas Verbales” durch ein Substantiv ausgedrückt wird. Ein Adverb, das ein Verb begleitet, wird zu einem Adjektiv, das ein entsprechendes Substantiv begleitet. Diese Aufgabe übernehmen, wie die Beispiele oben zeigen, u. a. mit ig gebildete Ableitungen (z. B. heute → heutig, ersmals → ersmalig).

Wenn wir nun wieder den umgekehrten Weg gehen, wird das Adjektiv, das beim Substantiv steht, wieder zu einem das Verb begleitenden Adverb. Dabei wird bei dieser Gruppe von Adjektiven nicht wie bei gewöhnlichen Adjektiven die endungslose Form gewählt, sondern das ursprüngliche Adverb, von dem das Adjektiv ja abgeleitet wurde:

der heutige Besuch → heute besuchen (nicht: heutig besuchen)
der baldige Vertragsabschluss → den Vertrag bald abschließen (nicht: baldig abschließen)
die obige Erwähnung → oben erwähnen (nicht: obig erwähnen)
die einmalige Zahlung → [nur] einmal / ein Mal zahlen (besser nicht: einmalig zahlen)
die erstmalige Aufführung → erstmals / zum ersten Mal aufführen (besser nicht: erstmalig aufführen)

Adjektive auf –malig wie einmalig, erstmalig und letztmalig werden zwar relativ häufig auch adverbial verwendet, aber stilistisch gesehen ist es besser, auf  zum Beispiel einmal, erstmals, letztmals oder zum ersten/letzten Mal zurückzugreifen.

Man kann also nicht sagen, dass ausnahmslos alle attributiv verwendeten Adjektive auch adverbial verwendet werden. Es gibt, wie man sieht, ein paar Ausnahmen. Sehen Sie hierzu auch diese und diese Seite in Canoonet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Baldmöglich, baldmöglichst, möglichst bald

Frage

Gibt es das Wort „baldmöglich“ überhaupt? Muss es nicht korrekt „baldmöglichst“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

wenn man es rein statistisch anschaut, gibt es das Wort baldmöglich. Ein kurzer Google-Blick ins Netz zeigt nämlich, dass baldmöglich sehr häufig vorzukommen scheint (über 90 000 Treffer). Google-Zahlen sollten mit großer Vorsicht behandelt werden, sie zeigen hier aber immerhin, dass baldmöglich eine des Öfteren aus Tastaturen fließende Wortform ist. Trotzdem ist in zweierlei Hinsicht etwas nicht ganz in Ordnung.

Zuerst die Form:

Sie haben recht, dass es eigentlich baldmöglichst heißt. Der Ausdruck ist nicht mit so bald wie möglich, sondern mit möglichst bald verbunden. Es ist die Form, die man in den Wörterbüchern findet und die Google (man beachte wiederum den Bitte-mit-Vorsicht-genießen-Zeigefinger) mit über einer Million Treffern auch „statistisch“ unterstützt. Die im Deutschen übliche Form ist baldmöglichst.

Dann der Stil:

Die „korrekte“ Form baldmöglichst vermag allerdings nur mäßig zu überzeugen. Sie gilt im Allgemeinen als stilistisch unschöne, papierdeutsche Formulierung, die man besser vermeidet. Wenn Sie in einem Brief oder einer Mail versprechen wollen, eine Anfrage baldmöglichst zu behandeln, sollten Sie sich also überlegen, ob Sie die Anfrage nicht vielleicht viel eleganter so bald wie möglich oder möglichst bald behandeln möchten.

Das Wort baldmöglich gibt es in diesem Sinne nicht. Auch die übliche Form baldmöglichst sollte aus stilistischen Gründen vermieden werden. Letzteres ist allerdings, wie immer bei Stilistischem, vor allem eine Frage des Geschmacks.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Noch einmal bis einschließlich

Frage

Heute bin ich beim Verfassen einer Nachricht über folgenden Satz gestolpert: „Ich bin bis einschließlich nächste(r) Woche im Urlaub.“ Wie heißt es richtig? Den Genitiv findet man häufig, der Akkusativ scheint mir jedoch logischer – es heißt ja auch „bis einschließlich nächsten Freitag/fünfzehnten Oktober“.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es heißt üblicherweise tatsächlich:

bis einschließlich nächsten Freitag
bis einschließlich fünfzehnten Oktober

In der Verbindung bis einschließlich wird einschließlich nicht als Präposition, sondern als Adverb verwendet. Als solches hat es keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Substantivs. Den Fall bestimmt hier also bis, das den Akkusativ verlangt. Wenn dies bei nächsten Freitag und fünfzehnten Oktober der Fall ist, wählt man auch bei einer weiblichen Zeitangabe besser den Akkusativ:

Ich bin bis einschließlich nächste Woche im Urlaub.

Etwas ganz anderes ist, dass die Wendung bis einschließlich zumindest in meinen Ohren recht unschön klingt (Papierdeutsch). Besser wäre zum Beispiel:

bis nächsten Freitag
bis zum 15. Oktober

Sehr oft ist nämlich die Bedeutung bis einschließlich in einem einfachen bis enthalten. Wenn ich für einen Artikel bis nächsten Freitag Zeit habe, kann ich ihn nach dem allgemeinen Verständnis auch noch am Freitag abgeben. Mehr dazu lesen Sie hier.

Auch bei Angaben, bei denen bis weniger deutlich ist, kann man mit etwas schöneren Formulierungen als mit bis einschließlich Klarheit schaffen:

Ich bin bis Ende nächster Woche im Urlaub.

Wenn Sie wollen, können Sie natürlich auch bis einschließlich verwenden. Falsch ist es nicht. Und für den Fall, dass es sich nicht nur um einen Beispielsatz handelt, wünsche ich Ihnen, dass Sie bis Ende nächster Woche eine schöne Urlaubszeit verbringen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Regenschirmsyndrom

Kennen Sie das Regenschirmsyndrom? Es ist die Überzeugung, dass es immer dann regnet, wenn man keinen Regenschirm bei sich hat, und dass es nie dann regnet, wenn man einen Schirm mitgenommen hat. Bei einem Besuch im Elsass habe ich gestern wieder daran „gelitten“.

In Murbach (schöne romanische Abteikirche!) drohten Regenwolken am Himmel. Wir haben also die fröhlich blauen Regenschirme aus dem Kofferraum geholt, sie in die Kirche mitgetragen und auch noch über den Kreuzweg zur Loretokapelle hinaufgeschleppt. Es fiel „natürlich“ kein Tropfen Regen.

Danach ging es nach Colmar. Trotz grauen Wolken ließen wir die Regenschirme im Kofferraum. Wir waren nun ja Erfahrungsexperten in Sachen Elsässer Wetter, und wer trägt schon gerne einen Schirm mit sich herum, wenn es doch nicht regnet? Selbstverständlich begann es zu tröpfeln, kurz nachdem wir den spezifischen Punkt erreicht hatten, an dem es sich einfach nicht mehr lohnt, zum Auto zurückzugehen. Wir setzten unseren Weg also fort, aßen – wie es sich für rechtschaffene Touristen gehört – einen Flammkuchen mit einem Glas Elsässer Riesling und sahen uns dann mit eingezogenem Kopf und hochgeschlagenem Kragen den Rest der Stadt im Regen an.

Kein Wunder also, dass mich das Regenschirmsyndrom beschlich. Es ist selbstverständlich kein echtes Syndrom. Es ist nicht mehr als eine irrige Annahme, die wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass einem nur dann etwas auffällt, wenn Regen und Regenschirm nicht gleichzeitig anwesend oder nicht gleichzeitig abwesend sind. Regnet es und der Schirm ist bei der Hand, fällt nichts auf. Regnet es nicht und man hat keinen Schirm dabei, fällt ebenfalls nichts auf. An die Situationen, in denen etwas auffällt, erinnert man sich, an die anderen nicht. Und schon ist der hier beschriebene falsche Eindruck entstanden.

Wenn Sie dieses Gefühl kennen, aber keinen Namen dafür haben: Ich schlage den Ausdruck Regenschirmsyndrom vor. Man kann ihn auch für „Erfahrungen“ wie die folgenden verwenden:

Die Milch geht immer erst nach Ladenschluss aus.
Diese Ampel steht immer auf Rot, wenn ich ankomme.
Ich bin immer am Wochenende krank. (= Arbeitnehmerversion)
Er/sie ist immer an Wochentagen krank. (= Arbeitgeberversion)
u. v. a. m.

Manchmal würde man sich ja wünschen, dass dieses „Syndrom“ kein Irrtum wäre, sondern der Wirklichkeit entsprechen würde. Ich wäre dann in diesem Sommer des Öfteren MIT einem Regenschirm aus dem Haus gegangen …

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Können deutsche Autos gehen?

Frage

Wieso heißt es in Deutschland „Umgehungsstraße“? Bei uns in der Schweiz heißt es „Umfahrungsstraße“. Ein Auto fährt doch – oder geht es doch?

Antwort

Dass man in Deutschland Umgehungsstraße und nicht Umfahrungsstraße sagt, liegt daran, dass die Deutschen das Wort umgehen in diesem Zusammenhang ein bisschen anders, abstrakter verwenden als die Schweizer und die Österreicher. Mit umgehen kann nicht nur um etwas herumgehen, sondern auch um etwas herumfahren oder um etwas herumverlaufen gemeint sein. Auf gut „Deutschländisch“ kann man deshalb sagen:

Wir umgehen die Stadt westlich auf der A 81.
Die Schnellstraße umgeht das Dorf in einem weiten Bogen.

Für deutsche Ohren klingt Umgehungsstraße also ganz normal, auch wenn man nicht zu Fuß, sondern im Auto auf ihr unterwegs ist. In der Schweiz und in Österreich versteht man das natürlich auch, man sagt aber:

Wir umfahren die Stadt westlich auf der A3.
Die Schnellstraße führt in einem weiten Bogen um das Dorf.

Entsprechend heißt es dann nicht Umgehungsstraße, sondern Umfahrungsstraße (oder nach gut schweizerischer Orthografie Umfahrungsstrasse).

In Deutschland können Autos also auch nicht wirklich gehen, aber man kann in ihnen – sofern das Straßennetz es zulässt – einen Ort fahrend umgehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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