Zuliefer(er)industrie

Heute geht es um eine Frage, die etwas mit Arbeiten zu tun hat und somit gar nicht zur derzeit herrschenden Sommerflaute passt:

Frage

Können Sie uns bitte über den Unterschied zwischen „Zulieferindustrie“ und „Zuliefererindustrie“ aufklären, da beide Wortformen gleichermaßen angewendet werden. Ist es so, dass das Wort „Zulieferindustrie“ eher die Funktion einer Industrie beschreibt und das Wort „Zuliefererindustrie“ sich eher auf die Akteure der Zulieferindustrie bezieht?

Unser Forschungsprojekt heißt „Der Strukturwandel in der mittelständischen Zulieferindustrie“. Haben wir die Bezeichnung „Zulieferindustrie“ richtig gewählt?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die beiden Wörter Zulieferindustrie und Zuliefererindustrie unterscheiden sich vor allem durch ihre Wortbildungsstruktur. Das erste ist eine Zusammensetzung des Verbs zuliefern und Industrie, das zweite eine Zusammensetzung des Nomens Zulieferer und Industrie. Ihre Vermutung ist also richtig: Zulieferindustrie betont eher die Handlung des Zulieferns, während bei Zuliefererindustrie eher die Handelnden, die Zulieferer, im Vordergrund stehen. Diese Bedeutungsnuance ist aber in der Praxis nicht so wichtig, da die zuliefernde Industrie und die Industrie der Zulieferer letztlich ein und dieselbe Industrie sind. Die beiden Wörter werden deshalb in der Regel ohne Bedeutungsunterschied verwendet.

Der Name Ihres Forschungsprojektes ist also korrekt. Er wäre auch korrekt, wenn Sie Zuliefererindustrie statt Zulieferindustrie verwenden würden. Erwähnt sei hier höchstens noch, dass es stilistisch besser ist, innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs immer die gleiche Bezeichnung zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fahrausweis und Führerschein

Der Nachbarsjunge ist dieses Jahr achtzehn geworden und darf seit kurzem Auto fahren. Er hat die Fahrprüfung bestanden. Ganz stolz verkündete er dies in der ganzen ihm bekannten Nachbarschaft. Bei Kindern (oder in diesem Fall jungen Erwachsenen), die ihr ganzes Leben an einem Ort gewohnt haben und die keine trägen „Bildschirmkinder“ sind, bedeutet „in der ganzen ihnen bekannte Nachbarschaft“: bei allen Menschen, die innerhalb und nicht allzu weit außerhalb des (einst) erlaubten Spielradius rundum das elterliche Haus wohnen. Da wir gleich neben dem elterlichen Haus und somit innerhalb dieses Radius wohnen, durfte auch ich ihm herzlich zum  – ja, wozu eigentlich gratulieren?

Das erste Wort, das mir hier in den Sinn kommt, ist Fahrausweis. So nenne ich spontan die amtliche Bescheinigung im Kreditkartenformat, die einen berechtigt, ein Kraftfahrzeug zu führen. Aber irgendwie beschleicht mich sofort das Gefühl, dass es sich hier wieder einmal um einen Helvetismus, das heißt ein nur in der Schweiz übliches Wort handeln könnte. Regelmäßigere Besucher und Besucherinnen dieses Blogs wissen nämlich, dass man mich des öfteren bei der Verwendung eines solchen Helvetismus „ertappen“ kann. Ein kurzer Blick ins Wörterbuch zeigt, dass mein Gefühl mich nicht trügt. In gutem Standarddeutsch heißt das bei vielen Achtzehnjährigen so begehrte Dokument Führerschein (Dld. und Österr.) oder Lenkerberechtigung (Österr.). In der Schweiz lautet die offizielle Bezeichnung Führerausweis neben umgangssprachlich Fahrausweis. Ein Fahrausweis ist eigentlich etwas anderes, nämlich eine Fahrkarte im öffentlichen Verkehr.

Das Wort Fahrausweis ist in diesem Zusammenhang also nicht nur ein Helvetismus, sondern auch noch umgangssprachlich! Als Ausrede könnte ich anführen, dass man das Wort fast nie verwendet, sondern immer nur wortlos(!) kontrolliert, ob man das Ding dabei hat, bevor man sich ans Steuer setzt. Doch ich brauche eigentlich keine Ausrede. Es macht mir nämlich nicht so viel aus, hin und wieder einen Regionalismus oder eine eher umgangssprachliche Formulierung zu verwenden. Das absolut neutrale Standardhochdeutsch gibt es nicht – oder es hört sich ziemlich steril an. Außerdem liefert mir ein Wort wie Fahrausweis Stoff für einen Blogeintrag!

Ein Fahrausweis ist auch in der Schweiz eine Fahrkarte, die zur Benutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels berechtigt. Man trifft dieses Wort aber nur in offiziellen Reglementen im Bereich des öffentlichen Verkehrs an. Im normalen Leben nennt man eine Fahrkarte „natürlich“ Billet. Um die Sache weiter zu komplizieren und das Billet über den Fahrausweis mit dem Führerschein zu verbinden, folgt hier noch ein weiterer Helvetismus: Wenn jemandem der Führerschein entzogen wird, kann man in bester Schweizer Umgangssprache sagen, dass dieser Person das Billet weggenommen wird.

Dem jungen Nachbarn wünsche ich, dass er so vorsichtig und vernünftig fährt, dass man ihm nie den Führerschein entziehen müssen wird. Er ist schon ein paar Kilometer in unserem Auto gefahren. Dabei habe ich gesehen, dass er zwar noch etwas unsicher, aber konzentriert, kontrolliert, ruhig und vorausschauend fährt. Wenn er so weitermacht, wird man ihm nie das Billet wegnehmen müssen.

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Die Absicht haben, etwas tun zu wollen

Ein bekanntes, schon oft beschriebenes, aber trotzdem immer wieder auftauchendes Phänomen: die Absicht, etwas tun zu wollen.

Wieder einmal hörte ich am Radio, dass jemand die Absicht habe, etwas tun zu wollen. Diesmal ging es um einen jungen Mann, der erklärte, er habe die Absicht, mit dem Glücksspiel aufhören zu wollen. Natürlich ist ganz klar, was er meint: Er will seine Spielsucht überwinden. Das formuliert er aber, wenn man ganz genau hinhört, ein bisschen zu vorsichtig. Er hat nicht direkt die Absicht mit dem Wetten aufzuhören, nein, er hat zuerst einmal die Absicht, den Willen zum Aufhören zu haben. Das Aufhören an und für sich ist dann ein weiterer Schritt. Ganz unrecht hat er ja nicht, denn wenn man nicht wirklich will, gelingt es einem bestimmt nicht, sich aus den Klauen des Wettteufels zu befreien. Das muss man zuerst einmal so richtig wollen. Ich hoffe allerdings für den jungen Mann und seine Finanzen, dass es nicht beim Aufhörenwollen bleibt.

Das Verb wollen ist ein Modalverb. Ein Modalverb drückt aus, dass das im Satz Gesagte gewollt, möglich, erwünscht, notwendig usw. ist. Mit wollen drückt man unter anderem einen Wunsch oder eine Absicht aus. Zum Beispiel:

Viele Pensionierte wollen nach Spanien umziehen.
= Viele Pensionierte haben den Wunsch/die Absicht, nach Spanien umzuziehen.

Wenn man also sagt, dass man die Absicht hat, etwas tun zu wollen, ist das „doppelt gemoppelt“ – außer wenn man wirklich sagen will, dass man die Absicht hat, eine gewisse Absicht zu haben.

Viele Pensionierte haben die Absicht, nach Spanien umziehen zu wollen.

Wörtlich genommen geht es hier um ganz, ganz vorsichtige Pensionierte, die sich vornehmen, ein romantisches Verlangen nach Spanien zu entwickeln, denen aber die spanische Sonne von vornherein zu heiß und Paella und Sangria sowieso zu fremdländisch sind, um wirklich auswandern zu wollen.

Ganz ähnlich geht es oft auch bei den andern Modalverben zu und her. Das ist der Fall, wenn:

Jugendliche die Erlaubnis haben, am Samstagabend später nach Hause kommen zu dürfen;
Kunden die Verpflichtung haben, die Rechnung innert dreißig Tagen zahlen zu müssen;
der Mensch den Auftrag hat, seinen Nächsten wie sich selbst lieben zu sollen;
Dr. Bopp die Fähigkeit hat, mit den Ohren wackeln zu können;
in Riesenlettern die einmalige Möglichkeit angepriesen wird, 100 000 Euro gewinnen zu können.

In all diesen Fällen werden Erlaubnis, Verpflichtung, Auftrag, Fähigkeit oder Möglichkeit zweimal ausgedrückt: einmal durch das Substantiv und einmal durch das Modalverb. Das ist im Normalfall einmal zu viel. Man sagt also besser dass:

Jugendliche die Erlaubnis haben, am Samstagabend später nach Hause zu kommen;
Kunden die Verpflichtung haben, die Rechnung innert dreißig Tagen zu zahlen;
der Mensch den Auftrag hat, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben;
Dr. Bopp die Fähigkeit hat, mit den Ohren zu wackeln.

… oder oft noch ein bisschen besser, dass:

Jugendliche am Samstagabend später nach Hause kommen dürfen;
Kunden die Rechnung innert dreißig Tagen zahlen müssen;
der Mensch seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll;
Dr. Bopp mit den Ohren wackeln kann.

Nur der noch nicht genannte Beispielsatz ist – wahrscheinlich ungewollt – auch „doppelt gemoppelt“ korrekt: Die Wahrscheinlichkeit, dass man die 100 000 Euro gewinnt ist in der Regel so gering und mit so vielen Bedingungen verknüpft, dass man zu Recht sagen könnte, dass man nur möglicherweise eine Gewinnmöglichkeit hat.

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Treffpunkt und Treffzeit?

Noch ein Beitrag dazu, dass das einheitliche Benennen der Dinge in der Sprache oft zu wünschen übrig lässt:

Frage

Steht „Treffpunkt“ neben der Bezeichnung für den Ort, an dem man sich trifft, auch für den Zeitpunkt? So lese ich häufig „Treffpunkt ist um …“ und auch bei mir im Sportverein fragen wir (auch ich) öfter mal „Wann ist noch mal Treffpunkt?“

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort Treffpunkt bezeichnet einen Ort, an dem man sich trifft. Es ist also eigentlich nicht richtig, „Treffpunkt ist um zehn Uhr“ zu sagen. Auch wenn es ein zeitliches Wort wie Zeitpunkt gibt, ist Treffpunkt nur örtlich gemeint.

Wenn Treffpunkt für einen Zeitpunkt verwendet wird, liegt das wahrscheinlich daran, dass im Deutschen kein entsprechender, ebenso praktischer und kurzer Ausdruck üblich ist. Das Wort Treffzeit wäre hier ein guter Kandidat; so gut, dass ich mich wundere, weshalb man es nicht verwendet.

Man sagt und schreibt normalerweise einfach „Wir treffen uns um zwei Uhr“ oder „Zeit: 14.00 Uhr“. Diese Ausdrucksweisen sind anscheinend so deutlich, dass ein Begriff wie Treffzeit nicht notwendig ist. Ich finde diese Erklärung sogar einigermaßen einleuchtend. Sie hat aber einen Haken: Es stellt sich umgekehrt gleich die Frage, warum dann das Wort Treffpunkt gebräuchlich ist. Man kann ja genauso gut sagen „Wir treffen uns im Klubhaus“ oder „Ort: Klubhaus“.

Warum also verwenden wir „Treffpunkt“, aber nicht auch „Treffzeit“? Eine einfache, logische Antwort muss ich Ihnen schuldig bleiben. Wahrscheinlich gibt es gar keine. Ich sage es immer wieder: Sprache und Logik haben oft reichlich wenig miteinander zu tun. Und das ist gut so.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Patentante, die Patentochter und die Logik

Frage

Gestern wollte ich von meinem Patenkind erzählen und, da es ein Mädchen ist, sagte ich Patentochter – was meine Zuhörer irritierte, da sie – anders als ich – den Gebrauch des Wortes nicht kannten. Dann kamen wir schnell auf die Krux der Formulierung Patentante – Patenkind. Müsste es streng genommen nicht eigentlich Patenneffe und Patennichte sein oder umgekehrt Patenmama und Patenpapa zum Patenkind? Sind die geläufigen Zusammensetzungen von Paten- und Tante oder Kind nicht streng genommen unlogisch?

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

wenn immer alles logisch wäre, müsste es vielleicht Patenneffe und Patennichte heißen. Dem ist aber nicht so. Ob es nun logisch ist oder nicht, die allgemein im Deutschen gebräuchlichen Bezeichnungen sind:

der Pate, die Patin (o. die Pate)
der Taufpate, die Taufpatin
der Patenonkel, die Patentante
das Patenkind, die Patentochter, der Patensohn

Sie hatten also ganz recht, als Sie als Patin oder Patentante von Ihrer Patentochter erzählten. Bei der Bezeichnung von Verwandtschaftsverhältnissen werden Systematik und Logik eben manchmal stiefmütterlich behandelt. So haben sich auch schon einmal Deutschlernende mit leicht vorwurfsvollem Ton danach erkundigt, warum es denn Schwager und Schwägerin heiße statt Schwiegerschwester und Schwiegerbruder. Es heiße schließlich auch Schwiegermutter, Schwiegervater, Schwiegereltern, Schwiegertochter und Schwiegersohn. Man kann dann einwerfen, dass Schwieger- und Schwager sprachgeschichtlich miteinander verwandt sind, aber wirklich logisch wird es trotzdem nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Schraubenzieher und Schraubendreher, Glühbirnen und Glühlampen, Geranien und Pelargonien

Gestern bin ich wieder einmal über die häufig geführte Diskussion gestolpert, ob man Schraubendreher oder Schraubenzieher sagen müsse. Die Verfechter der ausschließlichen Verwendung von Schraubendreher haben zwei Hauptargumente: 1) Mit diesem Werkzeug zieht man Schrauben nicht, man dreht sie. 2) Nach der Deutschen Industrienorm (DIN) gibt es seit einigen Jahrzehnten nur noch Schraubendreher. Ergo: Schraubenzieher ist falsch.

Das erste Argument ließe sich damit entkräften, dass die Erfinder und anfänglichen Verwender des Schraubenziehers – wie wir auch heute noch – diesen verwendeten um Schrauben an- oder festzuziehen. Deshalb nannten sie ihn auch Schraubenzieher. Doch eigentlich geht es mir vor allem um das zweite Argument.

Hier zeigt sich nämlich der Unterschied zwischen Fachsprache und Allgemeinsprache. Es ist allen klar, dass Kaffeefilter und Kopfschmerzen allgemeinsprachliche Wörter sind, während Hämofiltration und Enzephalitis vor allem in der Fachsprache verwendet werden. Bei solchen Begriffen kann es zu keinen linguistischen Grabenkriegen kommen. Anders sieht es bei fachsprachlichen Ausdrücken aus, die uns weniger fremd sind.

Irgendwann einmal in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde beschlossen, dass es nach DIN nur noch Schraubendreher gebe. Seither wird in der Fachsprache zumindest offiziell nicht mehr von Schraubenziehern gesprochen. Das mag in fachlich-technischer Hinsicht sogar gerechtfertigt sein – ich bin ja nur ein „Sprachler“, der hin und wieder ein lockeres Schräubchen anziehen oder festdrehen muss. Diese fachsprachliche Festlegung des Begriffes heißt aber noch lange nicht, dass sich die Allgemeinsprache unbedingt danach zu richten hat und nun auch nur noch Schraubendreher sagen darf. Schraubenzieher ist ein gebräuchliches, allen verständliches, „natürlich“ entstandenes Wort, das bei sprachlichen Normalverbrauchern zu keinerlei Unfällen, stilistischen Unschönheiten oder anderen Problemen führt.

Ich sage hier mit so vielen Worten, dass die Allgemeinsprache sich nicht unbedingt nach fachsprachlichen Definitionen richten muss. Fachsprachliche Definitionen dienen dazu, die in einem Fachbereich notwendige Präzision bei der Formulierung zu ermöglichen. In der Allgemeinsprache ist diese Präzision in den meisten Fällen gar nicht notwendig. Es ist einem Normalsterblichen auch kaum möglich, sie immer und überall zu erreichen. Wussten Sie zum Beispiel das Folgende:

  • Fachsprachlich gibt es keine Glühbirnen, nur Glühlampen. Weiter sind das, was man allgemeinsprachlich Lampen nennt, fachsprachlich Leuchten.
  • Fachsprachlich zieren im Sommer nicht Geranien, sondern Pelargonien Fenster und Balkone. Geranium nennt die Fachsprache nämlich die Blume, die in der Allgemeinsprache Storchenschnabel heißt.
  • Fachsprachlich sind Tomaten, Gurken, Zucchini, Auberginen und Paprikas Früchte, nicht Gemüse. Trotzdem findet man sie nirgendwo in der Obstabteilung.
  • Fachsprachlich liegen Sie falsch, wenn Sie im Park von Enten, Gänsen und Schwänen sprechen. Sie müssten eigentlich von Enten, Echten Gänsen und Schwänen sprechen. Schwäne gehören nämlich zur Unterfamilie der Gänse, zu der übrigens die Pfeifgänse wieder nicht gehören.
  • Fachsprachlich sind Spermien keine Samen, denn Samen sind bereits befruchtet und enthalten den Embryo einer Pflanze.
  • Fachsprachlich kann man nur Tote bergen. Verletzte müssen gerettet werden.
  • In der rechtlichen Fachsprache können Sie der stolze Besitzer oder die stolze Besitzerin einer Sache sein, auch wenn diese nicht Ihr Eigentum ist. Das geht so weit, dass juristisch gesehen ein Dieb nach einem Diebstahl Ihr Eigentum in seinem Besitz hat. In der Allgemeinsprache werden die beiden Begriffe mehr oder weniger mit der gleichen Bedeutung verwendet.
  • Holländisch ist nur eine Dialektgruppe des Niederländischen, wie auch Holland und Holländer nur einen Teil der Niederlande bzw. der Niederländer bezeichnen.

Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Sie soll hier aufzeigen, dass man sich als Kenner einer Fachsprache davor hüten sollte, der Allgemeinsprache seine Begriffe und Definitionen aufdrängen zu wollen. Niemand kennt alle Definitionen aller Begriffe in allen Fachsprachen. Das ist auch nicht notwendig, denn in der Alltagssprache versteht man sich ausgezeichnet, ohne immer den genau definierten, vorgeschriebenen Begriff zu verwenden. Deshalb sind fachsprachliche Definitionen keine Begründung und kein „Beweis“ dafür, dass ein allgemeinsprachlich übliches Wort falsch ist!

Wenn dem doch so wäre, wenn also Schraubenzieher falsch ist, weil die DIN Schraubendreher vorschreibt, dann

  • schrauben Sie nur noch Leuchten, also keine Lampen, an die Decke;
  • müssten wir eigentlich Tomaten und Zucchini beim Obst und nicht beim Gemüse suchen;
  • sollten die Bibelübersetzungen dahingehend umgeschrieben werden, dass Onan nicht seinen Samen, sondern seine Spermien auf den Boden fallen lässt;
  • bestimmen Sie vorher immer genau die rechtlichen Verhältnisse, bevor Sie vom Besitzer einer Wohnung oder von der Eigentümerin eines Fahrzeuges sprechen;
  • behaupten Sie nur noch, dass die Niederländer eigentlich nicht Fußball spielen können und dass es für Automobilisten nichts Schlimmeres gibt, als einen Alpenpass hinter einem niederländischen Wohnwagen überqueren zu müssen, auch wenn solche Klischees mit Holländer und holländisch einfach besser klingen.

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Mittelständische Unternehmen und mittelständige Fruchtknoten

Frage

Heißt es mittelständisch oder mittelständig?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

beide Wörter werden verwendet. Wenn Sie den Mittelstand als die gesellschaftliche oder unternehmerische Mittelschicht meinen, verwenden Sie mittelständisch. Zum Beispiel:

kleine und mittelständische Unternehmen
die mittelständische Wirtschaft

Das Wort mittelständig wird unter anderem in der Botanik benutzt. Es bedeutet in der Mitte befindlich, dazwischen befindlich. Zum Beispiel:

ein mittelständiger Fruchtknoten
die mittelständige Nasentrennwand

Man hört und liest allerdings auch hin und wieder mittelständige Unternehmen, doch standardsprachlich ist dies nicht ganz die richtig Wortwahl. Dieser unterschiedlichen Verwendung der beiden Wörter liegt übrigens keine tiefere Logik und auch keine eindeutige Grammatikregel zugrunde. Sie wird durch den allgemein üblichen Gebrauch bestimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Teilchenbeschleuniger

Fachsprachen zeichnen sich unter anderem durch für Uneingeweihte schwierig verständliche Wörter aus. Desto schöner ist es, einmal einer Bezeichnung für etwas Wissenschaftliches zu begegnen, die man gleich versteht. Beim CERN in Genf hat man ein technisch hochkompliziertes Gerät repariert, das in seiner Art das größte der Welt ist. Es trägt den Namen Teilchenbeschleuniger.

Ein solcher Name bedarf nur noch der Erklärung, dass er irgendetwas mit Atomen und noch viel kleineren aufeinanderprallenden Materienteilchen zu tun hat, und schon hat man den Eindruck, dass man begreift, worum es geht. Natürlich verstehe ich wenig bis gar nichts davon, worum es beim Teilchenbeschleuniger wirklich geht, aber dieser durchsichtige Name sagt mir immerhin, was passiert: Es werden Teilchen beschleunigt (und diese Teilchen prallen dann aufeinander und das hilft irgendwie dabei, die Zusammensetzung des Universums zu verstehen). Als nur mäßig Interessierter Außenstehender bin ich nun zufrieden. Ich „weiß“ jetzt, wofür dieses aufwändige technische Wunderwerk verwendet wird. Wenn die Allgemeinheit wissen soll, womit eine Wissenschaft sich eigentlich beschäftigt, sind solche gut gewählten, einfach interpretierbaren Namen sehr nützlich.

Wenn ich jeweils ein Wort der Woche küren würde (was ich nicht tue und – ich verspreche es Ihnen – auch nicht tun werde) wäre es deshalb diese Woche noch einmal: der Teilchenbeschleuniger.

Wenn allerdings beim Einsatz des Teilchenbeschleunigers unerwartet doch noch, wie einige befürcht(et)en, ein schwarzes Loch entsteht, das die Erde mit allem Drum und Dran verschluckt, dann ist es nicht mehr nur das Wort der Woche. Es ist dann die absolut größte Verharmlosung aller Zeiten. Aber das ist dann ja nicht mehr so wichtig.

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Ist umsonst auch vergebens?

Frage

Woher stammt  der Begriff umsonst? Was hat es mit Wortspielen auf sich, die sagen, dass umsonst nicht vergeblich sei? Zum Beispiel:

Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, da die Ausstellung schon geschlossen hatte.
Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, weil ich eine kostenlose Mitfahrgelegenheit gefunden habe.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Wort umsonst hat drei Bedeutungen:

  1. kostenlos, ohne Gegenleistung: Ich habe es umsonst bekommen.
  2. vergebens, vergeblich: Ich habe umsonst auf ihn gewartet.
  3. (nur verneint) ohne Zweck, grundlos: Ich habe dich nicht umsonst davor gewarnt.

Nun gibt es Leute, die meinen, es sei nicht richtig, umsonst im Sinne von vergebens zu verwenden. Diese Verwendung von umsonst ist aber ebenso alt, wie sie üblich und eingebürgert ist. Solange man darauf achtet, missverständliche Formulierungen zu vermeiden, ist deshalb nichts dagegen einzuwenden. Meist gibt ja – wie in Ihren Beispielsätzen – der Satzzusammenhang an, was gemeint ist. Wenn Sie am Telefon hören: „Sie rufen umsonst an, der Kinderwagen ist schon weg“, ist ganz klar, dass Sie den Anruf vergebens und nicht kostenlos gemacht haben. Wenn man sagt: „Umsonst geht nur die Sonne auf“, ist damit nicht gemeint, dass die Sonne vergebens aufgeht, sondern dass es nun einmal nichts gratis gibt.

Das Wort geht auf mittelhochdeutsches umbe sus zurück, das eigentlich um dieses, um so bedeutete. Wenn man das Aussprechen von sus (dieses, so) mit einer wegwerfenden, herablassende Geste begleitete, bedeutete die Wendung also um nichts, für nichts (Quelle: Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“).

Wenn Sie nun hoffen, dass ich hier auf ein allzu naheliegendes Wortspiel verzichte, hoffen Sie umsonst. Ich kann es einfach nicht lassen:

Fragen Sie Dr. Bopp! Fragen stellen Sie immer umsonst, aber nie umsonst.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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An seinem wievielten Geburtstag wird man sechs?

Frage

Seit Tagen verwirrt mich eine Geburtstagseinladung, die meine Tochter kürzlich bekommen hat: „Endlich werde ich 6! Am [...] möchte ich gerne meinen 7. Geburtstag feiern.“ Auf meine Frage erklärte mir die Mutter des Kindes, es sei kein Fehler, es sei richtig den Tag der Geburt mitzurechnen. Wenn man 6 Jahre alt werde, feiere man den 7. Geburtstag. Einige Leute, die die Diskussion mitbekamen, darunter eine Deutschlehrerin, bestätigten die Behauptung. Bitte klären Sie mich auf: Hat die Mutter recht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

es ist nicht erstaunlich, dass diese Geburtstagseinladung Sie verwirrt hat. Im Allgemeinen feiert man nämlich, wenn man sechs Jahre alt wird, seinen sechsten Geburtstag. Auch die Tatsache, dass man 50 Jahre alt wird, feiert man an seinem fünfzigsten und nicht an seinem einundfünfzigsten Geburtstag. Die Volljährigkeit erreicht man in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht an seinem neunzehnten, sondern an seinem achtzehnten Geburtstag.

Das Wort Geburtstag hat nämlich zwei Bedeutungen. Nur in der Amtssprache wird es manchmal wörtlich als Tag der Geburt verwendet. In der Allgemeinsprache bedeutet es nicht Tag der Geburt, sondern Jahrestag der Geburt. Wenn man ein Jahr alt wird, feiert man den ersten Jahrestag seiner Geburt, also den ersten Geburtstag. Entsprechend feierte das Mädchen, das sechs Jahre alt wurde, seinen sechsten Geburtstag. Es handelte sich um den sechsten Jahrestag seiner Geburt und nicht um den siebten Tag seiner Geburt. Sie wurde ja – um es überspitzt auszudrücken – nicht zum siebten Mal geboren.

Die Mutter des Kindes, die Deutschlehrerin und andere machen den Fehler (scherzhaft oder unbewusst – das kann ich natürlich nicht beurteilen), die beiden Bedeutungen des Wortes Geburtstag gleichzusetzen. Das klingt vielleicht „logisch“, es ist im Deutschen aber nicht üblich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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