Schraubenzieher und Schraubendreher, Glühbirnen und Glühlampen, Geranien und Pelargonien

Gestern bin ich wieder einmal über die häufig geführte Diskussion gestolpert, ob man Schraubendreher oder Schraubenzieher sagen müsse. Die Verfechter der ausschließlichen Verwendung von Schraubendreher haben zwei Hauptargumente: 1) Mit diesem Werkzeug zieht man Schrauben nicht, man dreht sie. 2) Nach der Deutschen Industrienorm (DIN) gibt es seit einigen Jahrzehnten nur noch Schraubendreher. Ergo: Schraubenzieher ist falsch.

Das erste Argument ließe sich damit entkräften, dass die Erfinder und anfänglichen Verwender des Schraubenziehers – wie wir auch heute noch – diesen verwendeten um Schrauben an- oder festzuziehen. Deshalb nannten sie ihn auch Schraubenzieher. Doch eigentlich geht es mir vor allem um das zweite Argument.

Hier zeigt sich nämlich der Unterschied zwischen Fachsprache und Allgemeinsprache. Es ist allen klar, dass Kaffeefilter und Kopfschmerzen allgemeinsprachliche Wörter sind, während Hämofiltration und Enzephalitis vor allem in der Fachsprache verwendet werden. Bei solchen Begriffen kann es zu keinen linguistischen Grabenkriegen kommen. Anders sieht es bei fachsprachlichen Ausdrücken aus, die uns weniger fremd sind.

Irgendwann einmal in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde beschlossen, dass es nach DIN nur noch Schraubendreher gebe. Seither wird in der Fachsprache zumindest offiziell nicht mehr von Schraubenziehern gesprochen. Das mag in fachlich-technischer Hinsicht sogar gerechtfertigt sein – ich bin ja nur ein „Sprachler“, der hin und wieder ein lockeres Schräubchen anziehen oder festdrehen muss. Diese fachsprachliche Festlegung des Begriffes heißt aber noch lange nicht, dass sich die Allgemeinsprache unbedingt danach zu richten hat und nun auch nur noch Schraubendreher sagen darf. Schraubenzieher ist ein gebräuchliches, allen verständliches, „natürlich“ entstandenes Wort, das bei sprachlichen Normalverbrauchern zu keinerlei Unfällen, stilistischen Unschönheiten oder anderen Problemen führt.

Ich sage hier mit so vielen Worten, dass die Allgemeinsprache sich nicht unbedingt nach fachsprachlichen Definitionen richten muss. Fachsprachliche Definitionen dienen dazu, die in einem Fachbereich notwendige Präzision bei der Formulierung zu ermöglichen. In der Allgemeinsprache ist diese Präzision in den meisten Fällen gar nicht notwendig. Es ist einem Normalsterblichen auch kaum möglich, sie immer und überall zu erreichen. Wussten Sie zum Beispiel das Folgende:

  • Fachsprachlich gibt es keine Glühbirnen, nur Glühlampen. Weiter sind das, was man allgemeinsprachlich Lampen nennt, fachsprachlich Leuchten.
  • Fachsprachlich zieren im Sommer nicht Geranien, sondern Pelargonien Fenster und Balkone. Geranium nennt die Fachsprache nämlich die Blume, die in der Allgemeinsprache Storchenschnabel heißt.
  • Fachsprachlich sind Tomaten, Gurken, Zucchini, Auberginen und Paprikas Früchte, nicht Gemüse. Trotzdem findet man sie nirgendwo in der Obstabteilung.
  • Fachsprachlich liegen Sie falsch, wenn Sie im Park von Enten, Gänsen und Schwänen sprechen. Sie müssten eigentlich von Enten, Echten Gänsen und Schwänen sprechen. Schwäne gehören nämlich zur Unterfamilie der Gänse, zu der übrigens die Pfeifgänse wieder nicht gehören.
  • Fachsprachlich sind Spermien keine Samen, denn Samen sind bereits befruchtet und enthalten den Embryo einer Pflanze.
  • Fachsprachlich kann man nur Tote bergen. Verletzte müssen gerettet werden.
  • In der rechtlichen Fachsprache können Sie der stolze Besitzer oder die stolze Besitzerin einer Sache sein, auch wenn diese nicht Ihr Eigentum ist. Das geht so weit, dass juristisch gesehen ein Dieb nach einem Diebstahl Ihr Eigentum in seinem Besitz hat. In der Allgemeinsprache werden die beiden Begriffe mehr oder weniger mit der gleichen Bedeutung verwendet.
  • Holländisch ist nur eine Dialektgruppe des Niederländischen, wie auch Holland und Holländer nur einen Teil der Niederlande bzw. der Niederländer bezeichnen.

Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Sie soll hier aufzeigen, dass man sich als Kenner einer Fachsprache davor hüten sollte, der Allgemeinsprache seine Begriffe und Definitionen aufdrängen zu wollen. Niemand kennt alle Definitionen aller Begriffe in allen Fachsprachen. Das ist auch nicht notwendig, denn in der Alltagssprache versteht man sich ausgezeichnet, ohne immer den genau definierten, vorgeschriebenen Begriff zu verwenden. Deshalb sind fachsprachliche Definitionen keine Begründung und kein „Beweis“ dafür, dass ein allgemeinsprachlich übliches Wort falsch ist!

Wenn dem doch so wäre, wenn also Schraubenzieher falsch ist, weil die DIN Schraubendreher vorschreibt, dann

  • schrauben Sie nur noch Leuchten, also keine Lampen, an die Decke;
  • müssten wir eigentlich Tomaten und Zucchini beim Obst und nicht beim Gemüse suchen;
  • sollten die Bibelübersetzungen dahingehend umgeschrieben werden, dass Onan nicht seinen Samen, sondern seine Spermien auf den Boden fallen lässt;
  • bestimmen Sie vorher immer genau die rechtlichen Verhältnisse, bevor Sie vom Besitzer einer Wohnung oder von der Eigentümerin eines Fahrzeuges sprechen;
  • behaupten Sie nur noch, dass die Niederländer eigentlich nicht Fußball spielen können und dass es für Automobilisten nichts Schlimmeres gibt, als einen Alpenpass hinter einem niederländischen Wohnwagen überqueren zu müssen, auch wenn solche Klischees mit Holländer und holländisch einfach besser klingen.

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Mittelständische Unternehmen und mittelständige Fruchtknoten

Frage

Heißt es mittelständisch oder mittelständig?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

beide Wörter werden verwendet. Wenn Sie den Mittelstand als die gesellschaftliche oder unternehmerische Mittelschicht meinen, verwenden Sie mittelständisch. Zum Beispiel:

kleine und mittelständische Unternehmen
die mittelständische Wirtschaft

Das Wort mittelständig wird unter anderem in der Botanik benutzt. Es bedeutet in der Mitte befindlich, dazwischen befindlich. Zum Beispiel:

ein mittelständiger Fruchtknoten
die mittelständige Nasentrennwand

Man hört und liest allerdings auch hin und wieder mittelständige Unternehmen, doch standardsprachlich ist dies nicht ganz die richtig Wortwahl. Dieser unterschiedlichen Verwendung der beiden Wörter liegt übrigens keine tiefere Logik und auch keine eindeutige Grammatikregel zugrunde. Sie wird durch den allgemein üblichen Gebrauch bestimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Teilchenbeschleuniger

Fachsprachen zeichnen sich unter anderem durch für Uneingeweihte schwierig verständliche Wörter aus. Desto schöner ist es, einmal einer Bezeichnung für etwas Wissenschaftliches zu begegnen, die man gleich versteht. Beim CERN in Genf hat man ein technisch hochkompliziertes Gerät repariert, das in seiner Art das größte der Welt ist. Es trägt den Namen Teilchenbeschleuniger.

Ein solcher Name bedarf nur noch der Erklärung, dass er irgendetwas mit Atomen und noch viel kleineren aufeinanderprallenden Materienteilchen zu tun hat, und schon hat man den Eindruck, dass man begreift, worum es geht. Natürlich verstehe ich wenig bis gar nichts davon, worum es beim Teilchenbeschleuniger wirklich geht, aber dieser durchsichtige Name sagt mir immerhin, was passiert: Es werden Teilchen beschleunigt (und diese Teilchen prallen dann aufeinander und das hilft irgendwie dabei, die Zusammensetzung des Universums zu verstehen). Als nur mäßig Interessierter Außenstehender bin ich nun zufrieden. Ich „weiß“ jetzt, wofür dieses aufwändige technische Wunderwerk verwendet wird. Wenn die Allgemeinheit wissen soll, womit eine Wissenschaft sich eigentlich beschäftigt, sind solche gut gewählten, einfach interpretierbaren Namen sehr nützlich.

Wenn ich jeweils ein Wort der Woche küren würde (was ich nicht tue und – ich verspreche es Ihnen – auch nicht tun werde) wäre es deshalb diese Woche noch einmal: der Teilchenbeschleuniger.

Wenn allerdings beim Einsatz des Teilchenbeschleunigers unerwartet doch noch, wie einige befürcht(et)en, ein schwarzes Loch entsteht, das die Erde mit allem Drum und Dran verschluckt, dann ist es nicht mehr nur das Wort der Woche. Es ist dann die absolut größte Verharmlosung aller Zeiten. Aber das ist dann ja nicht mehr so wichtig.

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Ist umsonst auch vergebens?

Frage

Woher stammt  der Begriff umsonst? Was hat es mit Wortspielen auf sich, die sagen, dass umsonst nicht vergeblich sei? Zum Beispiel:

Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, da die Ausstellung schon geschlossen hatte.
Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, weil ich eine kostenlose Mitfahrgelegenheit gefunden habe.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Wort umsonst hat drei Bedeutungen:

  1. kostenlos, ohne Gegenleistung: Ich habe es umsonst bekommen.
  2. vergebens, vergeblich: Ich habe umsonst auf ihn gewartet.
  3. (nur verneint) ohne Zweck, grundlos: Ich habe dich nicht umsonst davor gewarnt.

Nun gibt es Leute, die meinen, es sei nicht richtig, umsonst im Sinne von vergebens zu verwenden. Diese Verwendung von umsonst ist aber ebenso alt, wie sie üblich und eingebürgert ist. Solange man darauf achtet, missverständliche Formulierungen zu vermeiden, ist deshalb nichts dagegen einzuwenden. Meist gibt ja – wie in Ihren Beispielsätzen – der Satzzusammenhang an, was gemeint ist. Wenn Sie am Telefon hören: „Sie rufen umsonst an, der Kinderwagen ist schon weg“, ist ganz klar, dass Sie den Anruf vergebens und nicht kostenlos gemacht haben. Wenn man sagt: „Umsonst geht nur die Sonne auf“, ist damit nicht gemeint, dass die Sonne vergebens aufgeht, sondern dass es nun einmal nichts gratis gibt.

Das Wort geht auf mittelhochdeutsches umbe sus zurück, das eigentlich um dieses, um so bedeutete. Wenn man das Aussprechen von sus (dieses, so) mit einer wegwerfenden, herablassende Geste begleitete, bedeutete die Wendung also um nichts, für nichts (Quelle: Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“).

Wenn Sie nun hoffen, dass ich hier auf ein allzu naheliegendes Wortspiel verzichte, hoffen Sie umsonst. Ich kann es einfach nicht lassen:

Fragen Sie Dr. Bopp! Fragen stellen Sie immer umsonst, aber nie umsonst.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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An seinem wievielten Geburtstag wird man sechs?

Frage

Seit Tagen verwirrt mich eine Geburtstagseinladung, die meine Tochter kürzlich bekommen hat: „Endlich werde ich 6! Am [...] möchte ich gerne meinen 7. Geburtstag feiern.“ Auf meine Frage erklärte mir die Mutter des Kindes, es sei kein Fehler, es sei richtig den Tag der Geburt mitzurechnen. Wenn man 6 Jahre alt werde, feiere man den 7. Geburtstag. Einige Leute, die die Diskussion mitbekamen, darunter eine Deutschlehrerin, bestätigten die Behauptung. Bitte klären Sie mich auf: Hat die Mutter recht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

es ist nicht erstaunlich, dass diese Geburtstagseinladung Sie verwirrt hat. Im Allgemeinen feiert man nämlich, wenn man sechs Jahre alt wird, seinen sechsten Geburtstag. Auch die Tatsache, dass man 50 Jahre alt wird, feiert man an seinem fünfzigsten und nicht an seinem einundfünfzigsten Geburtstag. Die Volljährigkeit erreicht man in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht an seinem neunzehnten, sondern an seinem achtzehnten Geburtstag.

Das Wort Geburtstag hat nämlich zwei Bedeutungen. Nur in der Amtssprache wird es manchmal wörtlich als Tag der Geburt verwendet. In der Allgemeinsprache bedeutet es nicht Tag der Geburt, sondern Jahrestag der Geburt. Wenn man ein Jahr alt wird, feiert man den ersten Jahrestag seiner Geburt, also den ersten Geburtstag. Entsprechend feierte das Mädchen, das sechs Jahre alt wurde, seinen sechsten Geburtstag. Es handelte sich um den sechsten Jahrestag seiner Geburt und nicht um den siebten Tag seiner Geburt. Sie wurde ja – um es überspitzt auszudrücken – nicht zum siebten Mal geboren.

Die Mutter des Kindes, die Deutschlehrerin und andere machen den Fehler (scherzhaft oder unbewusst – das kann ich natürlich nicht beurteilen), die beiden Bedeutungen des Wortes Geburtstag gleichzusetzen. Das klingt vielleicht „logisch“, es ist im Deutschen aber nicht üblich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Eine Ost-West-Frage: Europa und der Atlantik

Frage

Auszug aus dem Geographieunterricht der Klasse 5 (Lückentext): „Europa und _____ grenzen im Osten an den _____ Ozean.“ Die Antwort des Lehrers lautet: „Europa und Afrika grenzen im Osten an den Atlantischen Ozean.“ Ist das richtig? Bezieht sich der Osten nun auf die genannten Erdteile oder den Ozean? Meiner Meinung nach grenzen Europa und Afrika im Westen an den Atlantischen Ozean.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn Eltern nicht mit den Lehrern und Lehrerinnen ihrer Kinder einverstanden sind, haben nach meiner Erfahrung oft die Lehrer(innen) recht. Nicht so in diesem Fall: Europa und Afrika grenzen im Westen an den Atlantischen Ozean. Man sagt auch nicht, dass Deutschland im Norden an die Schweiz und Österreich grenzt. Im Norden grenzt Deutschland an Dänemark, die Nord- und die Ostsee.

Die Sache mit den Himmelsrichtungen ist eben nicht ganz so einfach. Es kommt immer darauf an, worauf die Angabe sich im Satz genau bezieht. Achten Sie unter anderem auf die Stellung der Angabe der Himmelsrichtung in Bezug auf an:

Europa grenzt im Westen [d. h. in seinem Westen] an den Atlantischen Ozean.
Deutschland grenzt im Süden [d. h. in seinem Süden] an Österreich und die Schweiz.

Aber:

Europa grenzt an den Osten des Atlantischen Ozeans.
Deutschland grenzt an den Norden Österreichs und der Schweiz.

Der Lehrer (oder der Verfasser des Lückentextes) hat sich hier bei der Formulierung der Frage sozusagen in der Himmelsrichtung geirrt. Das kommt immer wieder einmal vor, denn Angaben von Himmelsrichtungen sind in gewissem Sinne relativ: Der Osten eines Gebietes grenzt an den Westen des Nachbargebietes. Der Süden einer Region liegt nördlich des Nordens der südlich angrenzenden Region. Da können einem die Himmelsrichtungen schon einmal durcheinanderkommen, wenn man sich nicht konzentriert.

Hinzu kommt, dass das Versehen auf den ersten Blick gar nicht so auffällt, weil Europa nur an einen einzigen Ozean grenzt. Die Antwort, die einem deshalb automatisch in den Sinn kommt, ist der Atlantische Ozean. Dabei achtet man gar nicht so sehr darauf, ob in der Frage Osten oder Westen steht, denn diese Angabe ist eigentlich überflüssig. Weiter liegt auf der gleichen Seite dieses Ozeans nur Afrika. Informationen, die man für das Verständnis nicht wirklich benötigt, lässt man oft außer Acht. Ich hätte den Lückentext spontan so ausgefüllt, wie der Lehrer es wollte. Erst durch Ihre Frage bin ich auf den Irrtum aufmerksam geworden. Gehen Sie also nicht allzu hart mit dem Lehrer ins Gericht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was hat der Herbst, was der Lenz nicht hat?

Zurzeit befinden wir uns in einem saisonalen Niemandsland oder, besser gesagt, einem jahreszeitlich doppelt besetzten Zeitraum. Das klingt ungewöhnlich, fast schon ein bisschen beunruhigend. Keine Angst, es hat nichts mit Klimawandel oder ähnlich Besorgniserregendem zu tun! Solche Perioden kommen jedes Jahr viermal vor. Das liegt schlicht und einfach am Unterschied zwischen den meteorologischen Jahreszeiten und den astronomischen Jahreszeiten. Die meteorologischen Jahreszeiten beginnen immer am ersten des Monats. Das scheint unter anderem die statistische Rechnerei zu vereinfachen. Die astronomischen Jahreszeiten hingegen richten sich nach den Sonnenhöchst- und -tiefstständen. Meteorologisch gesehen befinden wir uns deshalb schon seit dem 1. September im Herbst, während astronomisch gesehen der Sommer erst am 23. September endet. Solche „Doppelbesetzungen“ gibt es auch zwischen dem 1. und dem 21. Dezember, dem 1. und dem 21. März sowie dem 1. und dem 21. Juni.

Dies zeigt wieder einmal, das selbst Begriffe, die eigentlich ganz eindeutig sind, doch nicht immer ganz so eindeutig definiert sind. Und trotzdem gibt es selten Verständigungsschwierigkeiten, wenn es um Frühling, Sommer, Herbst und Winter geht.

Das Wort Herbst geht weit zurück. Es hat über ein paar Ecken auch mit dem lateinischen Wort für pflücken carpere und mit griechischen Wort für Frucht καρπος zu tun und bedeutete ursprünglich Zeit der Ernte. Diese Bedeutung findet sich noch im englischen Wort für Ernte: harvest. Sein „Gegenspieler“, Lenz, ist ein ebenso altes Wort. Es ist mit lang verwandt und bezeichnete ursprünglich so etwas wie das Längerwerden der Tage.

Wofür ich keine Erklärung finden konnte, ist Folgendes: Herbst gehört auch heute noch zum allgemeinen Wortschatz. Lenz hingegen erscheint nur noch in Ausdrücken wie „zwanzig Lenze zählen“ (zwanzig Jahre alt sein) und „sich einen faulen Lenz machen“ (sehr wenig arbeiten) oder in wahren Perlen von Schlagertexten wie  „Veronika, der Lenz ist da. Die Mädchen singen tralala …“ Weshalb sagen wir heute Frühling oder Frühjahr statt Lenz, aber nur selten Spätjahr und nie Spätling anstelle von Herbst? Was hat der Herbst, was der Lenz nicht hat? Die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen und mir leider schuldig bleiben.

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Eine x-stellige Millionensumme

Frage

In einem meiner Texte habe ich etwas leichtfertig von einer neunstelligen Millionensumme gesprochen. Es ging dabei um eine Geldsumme, die nicht genau bestimmt im Zahlenraum 100.000.000 bis 999.999.999 liegt. Es geht um den Begriff neunstellig. Es ist zwar eine neunstellige Zahl gemeint, aber einem Freund und mir kamen dann Zweifel, ob in Bezug auf die Millionen im vorliegenden Fall nicht doch der Ausdruck dreistellige Millionensumme richtig ist. Ist der Betrag 450.000.000 Euro nun eine neunstellige Millionensumme oder doch nur eine dreistellige Millionensumme?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

eine neunstellige Millionensumme ist tatsächlich einiges höher als die Summe, die Sie meinen. Bei zum Beispiel 450.000.000 (vierhundertfünfzig Millionen) spricht man von einer neunstelligen Summe oder von einer dreistelligen Millionensumme. Wenn es sich dabei um einen Betrag handelt, ist es auch üblich, von einem Betrag in dreistelliger Millionenhöhe zu sprechen. Zusammenfassend:

450 000 000 €
= eine neunstellige Summe
= eine dreistellige Millionensumme
= ein Betrag in dreistelliger Millionenhöhe

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine neunstellige Millionensumme entspräche somit einer dreistelligen Billionensumme. Allzu viel würde ich allerdings nicht darauf verwetten, denn all diese Nullen sind für mich schon so etwas wie höhere Mathematik.

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Sind Brüder Geschwister?

Frage

Kann man zwei Brüder als auch als Geschwister bezeichnen? Kann ich sagen: Klaus und Martin sind Geschwister oder ist das nicht korrekt?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

Sie können, aber üblich ist es nicht. Normalerweise verwendet man den Begriff Geschwister dann, wenn es sich um Brüder und Schwestern handelt oder wenn man nicht weiß, ob es sich um Brüder und/oder Schwestern handelt. Wenn das Wort Geschwister für Geschwister des gleichen Geschlechts verwendet wird, werden damit vor allem Schwestern bezeichnet (zum Beispiel die Geschwister Brontë). Dies geschieht aber vor allem bei bekannteren Geschwisterpaaren in Verbindung mit dem Familiennamen, also in Zusammenhängen, in denen man für Brüder das Wort Gebrüder verwendet (zum Beispiel die Gebrüder Grimm und die Gebrüder Wright). Sonst sagt man doch eher, dass Marianne und Mathilde Schwestern sind. Bei Brüdern ist die Verwendung von Geschwister nicht grundsätzlich falsch, aber ungebräuchlich. Man sagt dann eher, dass Klaus und Martin Brüder sind – oder man verwendet zum Beispiel in Firmennamen und für berühmte Brüder das relativ gehobene Wort Gebrüder in Verbindung mit deren Familiennamen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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sich einander gegenseitig

Frage

Umgangssprachlich ist klar: Wir verwenden die Formen:

Wir treffen uns in der Bar.
Wir schauten uns an.
Sie sahen sich an.

Wie ist es mit der Schriftsprache? Verwendet man grundsätzlich sich anstatt einander? Heißt es beispielsweise:

Sie blickten sich an oder Sie blickten einander an.
Sie klopften sich auf die Schulter oder Sie klopften einander auf die Schulter

Viele Fragezeichen! Ich bin schon ganz verwirrt und bitte um Aufklärung.

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

es ist auch im Standarddeutschen üblich, bei einem wechselseitigen (reziproken) Verhältnis die Reflexivpronomen des Plurals uns, euch, sich zu verwenden.

Wie treffen uns in der Bar.
Wir sahen uns an.
Sie klopften sich auch die Schultern.

Wenn man befürchtet, dass es zu Missverständnissen kommen könnte, oder wenn man es einfach möchte, kann man das wechselseitige Verhältnis mit einander oder dem weniger gehoben klingenden sich gegenseitig ausdrücken:

Wir treffen einander in der Bar.
Wir sahen uns gegenseitig an.
Sie klopften sich gegenseitig auf die Schulter.

Die Kombinationen einander gegenseitig und sich einander sind standardsprachlich übrigens nicht akzeptiert. Das sieht wohl zu sehr nach „doppelt gemoppelt“ aus. (Die im Titel stehende Dreierkombination sich einander gegenseitig sollte man demnach höchstens bewusst scherzhaft verwenden.)

Wenn man umgekehrt unbedingt ausdrücken möchte, dass es sich um ein rückbezügliches (reflexives) Verhältnis handelt, wird es schwieriger. Dann hilft meist nur noch umformulieren:

Jeder sah sich selbst an.
Jede klopfte sich auf ihre eigene Schulter.

Das ist aber glücklicherweise nur selten der Fall, da in der Regel der engere oder weitere Satzzusammenhang klärt, ob ein rückbezügliches oder ein wechselseitiges Verhältnis gemeint ist.

Natürlich geht es wieder einmal nicht ganz ohne Ausnahmen. Wenn sich mit einer Präposition verwendet wird, hat es meist nur eine rückbezügliche Bedeutung. Für eine wechselseitiges Verhältnis wird dann -einander verwendet:

Sie sind mit sich zufrieden = rückbezüglich (jeder mit sich selbst und mit der Gruppe)
Sie sind miteinander zufrieden = wechselseitig (jeder mit dem anderen)

Ihr denkt nur an euch= rückbezüglich (Richtet sich an Egoisten).
Ihr denkt nur aneinander = wechselseitig (Richtet sich an sehr Verliebte …).

Sehen Sie hierzu auch diese Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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