Als oder wie ich neulich …

Frage

Gibt es eine Regel, wann man in Aussagesätzen wie oder als verwendet?

Als ich neulich …
Wie ich neulich …

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

für die zeitliche Verwendung von als und wie gilt das Folgende: Mit als drückt man in der Vergangenheit aus, dass ein einmaliges Geschehen gleichzeitig mit einem anderen Geschehen erfolgt:

Als ich neulich nach Hause kam, stand die Polizei vor der Tür.

Hier sollte man nicht wie verwenden. Man sagt standardsprachlich also besser nicht:

Wie ich neulich nach Hause kam, stand die Polizei vor der Tür.

Wenn man hier trotzdem einmal wie verwendet, steht glücklicherweise nicht gleich die Polizei vor der Tür. Es gilt aber als umgangssprachlich. Nur wenn man etwas Vergangenes erzählt und dabei das sogenannte historische Präsens verwendet, kann als oder wie stehen:

Als ich neulich nach Hause komme, steht die Polizei vor der Tür.
oder
Wie ich neulich nach Hause komme, steht die Polizei vor der Tür.

Diese Angaben können Sie auch in der Canoonet-Grammatik nachlesen. Dort fällt sogar ein Schuss!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Offenes Kaminfeuer und Feuer im offenen Kamin

Frage

Ist der Begriff „offenes Kaminfeuer“ korrekt? Im Grunde ist es doch ein Feuer in einem offenen Kamin. Gibt es ein offenes Feuer?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

gegen die Formulierung offenes Kaminfeuer ist nichts einzuwenden. Ein offenes Feuer ist ein Feuer, das nicht von allen Seiten umschlossen, nicht verdeckt und in diesem Sinne frei zugänglich ist. Man kann ein weiteres Holzscheit, kompromittierenden Unterlagen, Fotos untreuer Exgeliebter, die Wurst, die man nicht mag, oder was immer man sonst verbrennen möchte, einfach in die Flammen werfen. Bei kleinen Kindern und offenem Feuer sollte man vorsichtig sein, damit sie weder sich selbst noch Teile der Einrichtung, von denen man sich noch nicht trennen möchte, ein Opfer der Flammen werden lassen. Umgekehrt können bei einem offenen Feuer Funken unkontrolliert die Feuerstelle verlassen. Unter anderem deshalb ist in trockenen Sommern offenes Feuer im Wald nicht gestattet, und auch bei Tankstellen sollte man Rauchen und offenes Feuer vermeiden.

Es gibt übrigens auch offenes Licht:

Die Bedeutung dieses Schildes wird im Allgemeinen wie folgt umschrieben: „Feuer, offenes Licht und Rauchen verboten“. Damit ist Licht von Kerzen, Petroleum, Benzin, Karbid usw. gemeint. Ausgenommen sind luftdicht verschlossene Brennelemente wie Glüh- oder Bergwerkslampen.

Offen bedeutet nicht nur nicht geschlossen (Türen, Geschäfte, Hemdkragen, Kamine usw.) sondern auch unverdeckt, frei zugänglich (z. B. Gelände, Wunden, Licht, Feuer). Wenn an kalten Winterabenden je nach romantischer Veranlagung und Geldbeutel in einer bescheidenen Skihütte oder einem großen Landhaus ein Feuer im Kamin angezündet wird, kann man dieses also ein Feuer in einem offenen Kamin, ein offenes Feuer in einem Kamin oder eben ein offenes Kaminfeuer nennen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das unsystematische Frühstück

Frage

Ist es falsch zu sagen: „Ich esse Frühstück“? Wenn ja, warum? Schließlich ist es auch richtig, wenn man sagt: „Ich esse Mittag.“

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

im Standarddeutschen sagt man nicht ich esse Frühstück. Man sagt einfach ich frühstücke. Wenn es etwas formeller oder gehobener zugeht, kann man auch das Frühstück einnehmen. Für das Einnehmen des Mittagessens kann man aber ungekehrt nicht ich mittage oder ich mittagesse sagen.

Die Wendung ich esse Mittag ist eine kürzere, eher umgangsprachliche Form von Ich esse zu Mittag oder eine Art Ableitung von das Mittagessen. Man nennt also die Tageszeit. Ebenso geht man am Abend vor: ich esse (zu) Abend, das Abendessen. Entsprechend müsste es bei der morgens eingenommenen Mahlzeit ich esse (zu) Morgen und das Morgenessen heißen. Diese Formen sind aber außer in einigen Dialekten und Regionalsprachen nicht üblich. Dafür verwendet man frühstücken und das Frühstück. Das Standarddeutsche geht also bei der Benennung der Mahlzeiten nicht sehr systematisch vor:

das Frühstück – ich frühstücke
das Mittagessen – ich esse zu Mittag
das Abendessen – ich esse zu Abend

Oft wird aber gar nicht angegeben, um welche Mahlzeit des Tages es sich handelt, weil sich dies meist schon aus dem engeren oder weiteren Zusammenhang ergibt. Dann hört oder liest man je nach Sprachregister zum Beispiel:

Ich ess grad was.
Wir sind beim Essen.
Die Herren sind bei Tisch.
Madame geruht zu speisen.

Informationen zum Ursprung des Wortes Frühstück finden Sie übrigens hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Schirmherrschaft, Schirmfrauschaft, Schirmherrinnenschaft

Das Thema der geschlechtergerechten Formulierung meide ich (fast) immer mit beinahe so viel Überzeugung wie der Teufel das Weihwasser. Es gibt meistens ebenso viele Meinungen, wie es Fach- und andere Leute gibt, die sich darüber äußern. Diskussionen in Foren u. Ä. werden auf beiden Seiten oft mit einer solchen Vehemenz geführt, dass Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen noch etwas davon lernen könnten. Da weder Grammatik noch Rechtschreibung diese Frage eindeutig bestimmen können und mein Fachwissen mir deshalb nicht viel hilft, halte ich mich als „Dr. Bopp“ normalerweise von dieser Diskussion fern. Nach dieser langen Einleitung mache ich heute eine Ausnahme für die Wortschöpfung Schirmfrauschaft.

Frage

Gibt es tatsächlich den gebrauch des Wortes „Schirmfrauschaft“ anstelle von „Schirmherrschaft“, wenn eine Frau die „Schirmherrin“ ist. Eigentlich achte ich für gewöhnlich auf eine genderneutrale Sprache in Texten, finde aber die Anfrage eines Auftraggebers für „Schirmfrauschaft“ sehr befremdlich.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

um gleich unangebracht kalauernd zu beginnen: Das Wort Schirmfrauschaft ist dann eine gute Wortschöpfung, wenn man auch sagt:

die Hausfrau statt die Hausherrin
die Schutzfrau statt Schutzherrin
die Schirmfrau statt die Schirmherrin
unter der Frauschaft Katharinas der Großen statt unter der Herrschaft …
unter der Schutzfrauschaft der heiligen Barbara statt unter der Schutzherrschaft …

Ich will damit eigentlich aufzeigen, dass das Wort Frau im heutigen Deutschen nur bei Eigennamen die weibliche Entsprechung zum männlichen Herr ist: Frau Müller – Herr Müller. Sonst gilt nämlich:

Frau – Mann
Herrin – Herr

Zum Beispiel:

Kauffrau – Kaufmann
PR-Frau – PR-Mann
Bauherrin – Bauherr
Schutzherrin – Schutzherr
Hausfrau – Hausmann
Hausherrin – Hausherr
und
Schirmherrin – Schirmherr

Im Allgemeinen gilt weiter, dass Herrschaft etwas ist, das sowohl von einem Herrn als auch von einer Herrin ausgeübt werden kann:

unter der Herrschaft Katharinas der Großen
unter die Schutzherrschaft der heiligen Barbara stellen

Für mich gehört deshalb die Verwendung von Schirmfrauschaft in den Bereich „Man kann alles übertreiben“. Die Schirmherrschaft obliegt einem Schirmherrn oder einer Schirmherrin. Wenn man dieses Wort unbedingt „geschlechtergerechter“ machen will, ist Schirmherrinnenschaft eine bessere Lösung. Am besten und meiner Meinung nach ebenso geschlechtergerecht ist aber einfach Schirmherrschaft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Professionals, Fachleute und Professionelle

Frage

In erziehungswissenschaftlichen Debatten, egal ob schriftlich in Veröffentlichungen oder mündlich in Vorträgen, hat sich der Begriff „Professionelle“ etabliert, um die Arbeit und die Entwicklung von ausgebildeten Pädagogen zu beschreiben. Niemand scheint an die eigentliche Bedeutung dieses Begriffs, einer Prostituierten, erinnert zu werden, so mein Eindruck.

Nun suche ich schon lange ein Wort, dass den „professional“ im Deutschen bezeichnet und nicht so doppeldeutig wie „Professionelle“ ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

wenn Sie Professionelle und den Anglizismus Professional vermeiden möchten, wäre das Wort Fachleute (m. Fachmann, w. Fachfrau) ein guter Ersatzkandidat. Auch das vor allem in der Schweiz verwendete Wort Berufsleute könnte man verwenden. Ich befürchte aber, dass man Ihnen entgegenhalten wird, dass Fachleute nicht das Gleiche ausdrücke wie Professionelle. Ob dies zu Recht oder zu Unrecht behauptet wird, sei hier dahingestellt. Da sich der Begriff Professionelle, wie Sie sagen, bereits etabliert hat, ist es wahrscheinlich am besten, ihn als gegeben zu akzeptieren. Es ist nämlich sehr schwierig, Begriffe wieder zu ändern, wenn sie einmal eingebürgert sind.

Die Bedeutung Prostituierte hat Professionelle nur in bestimmten Zusammenhängen, so dass es in der Regel zu keinerlei Verwechslungen kommen dürfte. Eventuellen „Witzen“ auf pubertärem Niveau sollte in einem professionellen Umfeld ein sehr kurzes Leben beschieden sein. Sie sind im Übrigen auch bei zum Beispiel Fachfrau nicht völlig auszuschließen. Mich persönlich würde diese Nebenbedeutung nicht stören. So nenne ich zum Beispiel die Einwohnerinnen und Einwohner der französischen Hauptstadt ohne zu zögern Pariserinnen und Pariser und auch bei Adressen wie Pariser Platz und Pariser Straße denke ich nicht gleich an ein Kondom. Je etablierter ein Begriff ist, desto weniger wichtig sind irgendwelche Nebenbedeutungen.

Wenn Sie sich dennoch nicht an den Begriff Professionelle gewöhnen können oder möchten, könnten Sie, wie gesagt, Fachleute oder vielleicht doch das englische Professionals verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Aus Freude oder vor Freude? – Wenn die Freude einen hüpfen lässt

Frage

Welcher Unterschied besteht zwischen den kausalen Präpositionen „aus“ und „vor“? Wann sage ich : „aus Freude“ oder „vor lauter Angst“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die Wörterbücher helfen einem bei dieser Frage leider nicht viel weiter. Sie vermelden bei beiden Präpositionen, dass sie bei dieser Verwendung einen Grund, einen Beweggrund oder eine Ursache angeben. Außerdem steht im Duden, dass vor nur in festen Wendungen vorkomme. Ich denke, dass die Wahl zwischen aus und vor tatsächlich oft etwas mit festen Wendungen und Ausdrücken zu tun hat. Ich glaube aber doch, einen gewissen Unterschied erkennen zu können:

  • Mit aus wird der Grund angeben, der zu einer kontrollierten, willkürlichen (vom eigenen Willen gesteuerten) Handlung führt:

aus Freude hüpfen
aus Leidenschaft morden
aus Zorn etwas demolieren
aus Angst nicht zum Zahnarzt gehen
aus Überzeugung handeln

  • Mit vor wird die Ursache eines unkontrollierten, unwillkürlichen (nicht vom eigenen Willen gesteuerten) Geschehens angegeben:

vor Freude zittern
vor Leidenschaft vergehen
vor Zorn erröten
vor Angst nicht klar denken können
vor Anstrengung schwitzen

Dabei können eigentlich willkürliche Handlungen im übertragenen Sinne unwillkürlich werden: So kann man zum Beispiel sagen, dass man vor Freude hüpft, obwohl das Hüpfen in der Regel eine durch den eigenen Willen gesteuerte Handlung ist. Man ruft dann das Bild auf, dass die Freude einen hüpfen lässt, ob man nun hüpfen will oder nicht. Wenn man aus Freude hüpft, hüpft man sozusagen auf eigene Veranlassung, weil man sich freut. Das Ergebnis ist dasselbe: Jemand hüpft erfreut herum. Bei vor lauter Angst wegrennen und aus lauter Angst wegrennen besteht der gleiche Unterschied zwischen bildlichem und wörtlichem „Träger“ der Handlung.

In Fällen wie diesen sind sowohl aus als auch vor möglich. Ich würde den genannten Unterschied bei der Verwendung von aus und vor deshalb nicht eine strenge Regel, sondern eine mehr oder weniger starke Tendenz nennen, die nicht in allen Fällen und nicht von allen in gleicher Weise befolgt wird.

Ich finde, dass diese Erklärung recht einleuchtend klingt. (Das ist nicht erstaunlich, denn ich habe sie ja soeben selbst verfasst.) Sie ist aber mit einiger Vorsicht zu genießen. Um wirklich fundierte Aussagen machen zu können, müsste man genauere Untersuchungen anhand einer großen Anzahl von Textbeispielen anstellen. Bis es vielleicht einmal so weit ist – und eigentlich auch danach –, folgen Sie am besten Ihrem Sprachgefühl.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Diametral entgegengesetzte Ansichten

Frage

Man sagt ja immer, diese Ansicht sei der anderen diametral entgegengesetzt. Ich frage mich nun, ob das in gewisser Weise nicht „doppelt gemoppelt“ oder pleonastisch ist. Reicht es nicht, wenn man sagt: „Diese Ansichten sind diametral“?

Antwort

Guten Tag M.,

diametrale Ansichten sind ungefähr dasselbe wie entgegengesezte Ansichten. Wenn man von diametral entgegengesetzten Ansichten spricht, ist das also eigentlich pleonastisch („doppelt gemoppelt“). Das stimmt aber nicht ganz, denn diametral entgegengesetzt ist als Verstärkung gemeint, das heißt, es drückt ganz und gar entgegengesetzt, vollständig entgegengesetzt aus. Solche Verstärkungen sind im Deutschen gang und gäbe (vgl. zum Beispiel auch: nie und nimmer, brennend heißer Schmerz).

Das Einzige, was ich eventuell gegen diametral entgegengesetzt einzubringen hätte, ist rein stilistischer Natur: Man hört und liest so häufig, dass Ansichten und Meinungen einander nicht einfach widersprechen, sondern diametral entgegengesetzt sind, dass diese Verstärkung etwas klischeehaft und abgedroschen klingen kann. Doch das ist  keine Frage von richtig und falsch, sondern eine Frage der persönlichen sprachlichen Vorlieben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zuliefer(er)industrie

Heute geht es um eine Frage, die etwas mit Arbeiten zu tun hat und somit gar nicht zur derzeit herrschenden Sommerflaute passt:

Frage

Können Sie uns bitte über den Unterschied zwischen „Zulieferindustrie“ und „Zuliefererindustrie“ aufklären, da beide Wortformen gleichermaßen angewendet werden. Ist es so, dass das Wort „Zulieferindustrie“ eher die Funktion einer Industrie beschreibt und das Wort „Zuliefererindustrie“ sich eher auf die Akteure der Zulieferindustrie bezieht?

Unser Forschungsprojekt heißt „Der Strukturwandel in der mittelständischen Zulieferindustrie“. Haben wir die Bezeichnung „Zulieferindustrie“ richtig gewählt?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die beiden Wörter Zulieferindustrie und Zuliefererindustrie unterscheiden sich vor allem durch ihre Wortbildungsstruktur. Das erste ist eine Zusammensetzung des Verbs zuliefern und Industrie, das zweite eine Zusammensetzung des Nomens Zulieferer und Industrie. Ihre Vermutung ist also richtig: Zulieferindustrie betont eher die Handlung des Zulieferns, während bei Zuliefererindustrie eher die Handelnden, die Zulieferer, im Vordergrund stehen. Diese Bedeutungsnuance ist aber in der Praxis nicht so wichtig, da die zuliefernde Industrie und die Industrie der Zulieferer letztlich ein und dieselbe Industrie sind. Die beiden Wörter werden deshalb in der Regel ohne Bedeutungsunterschied verwendet.

Der Name Ihres Forschungsprojektes ist also korrekt. Er wäre auch korrekt, wenn Sie Zuliefererindustrie statt Zulieferindustrie verwenden würden. Erwähnt sei hier höchstens noch, dass es stilistisch besser ist, innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs immer die gleiche Bezeichnung zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fahrausweis und Führerschein

Der Nachbarsjunge ist dieses Jahr achtzehn geworden und darf seit kurzem Auto fahren. Er hat die Fahrprüfung bestanden. Ganz stolz verkündete er dies in der ganzen ihm bekannten Nachbarschaft. Bei Kindern (oder in diesem Fall jungen Erwachsenen), die ihr ganzes Leben an einem Ort gewohnt haben und die keine trägen „Bildschirmkinder“ sind, bedeutet „in der ganzen ihnen bekannte Nachbarschaft“: bei allen Menschen, die innerhalb und nicht allzu weit außerhalb des (einst) erlaubten Spielradius rundum das elterliche Haus wohnen. Da wir gleich neben dem elterlichen Haus und somit innerhalb dieses Radius wohnen, durfte auch ich ihm herzlich zum  – ja, wozu eigentlich gratulieren?

Das erste Wort, das mir hier in den Sinn kommt, ist Fahrausweis. So nenne ich spontan die amtliche Bescheinigung im Kreditkartenformat, die einen berechtigt, ein Kraftfahrzeug zu führen. Aber irgendwie beschleicht mich sofort das Gefühl, dass es sich hier wieder einmal um einen Helvetismus, das heißt ein nur in der Schweiz übliches Wort handeln könnte. Regelmäßigere Besucher und Besucherinnen dieses Blogs wissen nämlich, dass man mich des öfteren bei der Verwendung eines solchen Helvetismus „ertappen“ kann. Ein kurzer Blick ins Wörterbuch zeigt, dass mein Gefühl mich nicht trügt. In gutem Standarddeutsch heißt das bei vielen Achtzehnjährigen so begehrte Dokument Führerschein (Dld. und Österr.) oder Lenkerberechtigung (Österr.). In der Schweiz lautet die offizielle Bezeichnung Führerausweis neben umgangssprachlich Fahrausweis. Ein Fahrausweis ist eigentlich etwas anderes, nämlich eine Fahrkarte im öffentlichen Verkehr.

Das Wort Fahrausweis ist in diesem Zusammenhang also nicht nur ein Helvetismus, sondern auch noch umgangssprachlich! Als Ausrede könnte ich anführen, dass man das Wort fast nie verwendet, sondern immer nur wortlos(!) kontrolliert, ob man das Ding dabei hat, bevor man sich ans Steuer setzt. Doch ich brauche eigentlich keine Ausrede. Es macht mir nämlich nicht so viel aus, hin und wieder einen Regionalismus oder eine eher umgangssprachliche Formulierung zu verwenden. Das absolut neutrale Standardhochdeutsch gibt es nicht – oder es hört sich ziemlich steril an. Außerdem liefert mir ein Wort wie Fahrausweis Stoff für einen Blogeintrag!

Ein Fahrausweis ist auch in der Schweiz eine Fahrkarte, die zur Benutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels berechtigt. Man trifft dieses Wort aber nur in offiziellen Reglementen im Bereich des öffentlichen Verkehrs an. Im normalen Leben nennt man eine Fahrkarte „natürlich“ Billet. Um die Sache weiter zu komplizieren und das Billet über den Fahrausweis mit dem Führerschein zu verbinden, folgt hier noch ein weiterer Helvetismus: Wenn jemandem der Führerschein entzogen wird, kann man in bester Schweizer Umgangssprache sagen, dass dieser Person das Billet weggenommen wird.

Dem jungen Nachbarn wünsche ich, dass er so vorsichtig und vernünftig fährt, dass man ihm nie den Führerschein entziehen müssen wird. Er ist schon ein paar Kilometer in unserem Auto gefahren. Dabei habe ich gesehen, dass er zwar noch etwas unsicher, aber konzentriert, kontrolliert, ruhig und vorausschauend fährt. Wenn er so weitermacht, wird man ihm nie das Billet wegnehmen müssen.

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Die Absicht haben, etwas tun zu wollen

Ein bekanntes, schon oft beschriebenes, aber trotzdem immer wieder auftauchendes Phänomen: die Absicht, etwas tun zu wollen.

Wieder einmal hörte ich am Radio, dass jemand die Absicht habe, etwas tun zu wollen. Diesmal ging es um einen jungen Mann, der erklärte, er habe die Absicht, mit dem Glücksspiel aufhören zu wollen. Natürlich ist ganz klar, was er meint: Er will seine Spielsucht überwinden. Das formuliert er aber, wenn man ganz genau hinhört, ein bisschen zu vorsichtig. Er hat nicht direkt die Absicht mit dem Wetten aufzuhören, nein, er hat zuerst einmal die Absicht, den Willen zum Aufhören zu haben. Das Aufhören an und für sich ist dann ein weiterer Schritt. Ganz unrecht hat er ja nicht, denn wenn man nicht wirklich will, gelingt es einem bestimmt nicht, sich aus den Klauen des Wettteufels zu befreien. Das muss man zuerst einmal so richtig wollen. Ich hoffe allerdings für den jungen Mann und seine Finanzen, dass es nicht beim Aufhörenwollen bleibt.

Das Verb wollen ist ein Modalverb. Ein Modalverb drückt aus, dass das im Satz Gesagte gewollt, möglich, erwünscht, notwendig usw. ist. Mit wollen drückt man unter anderem einen Wunsch oder eine Absicht aus. Zum Beispiel:

Viele Pensionierte wollen nach Spanien umziehen.
= Viele Pensionierte haben den Wunsch/die Absicht, nach Spanien umzuziehen.

Wenn man also sagt, dass man die Absicht hat, etwas tun zu wollen, ist das „doppelt gemoppelt“ – außer wenn man wirklich sagen will, dass man die Absicht hat, eine gewisse Absicht zu haben.

Viele Pensionierte haben die Absicht, nach Spanien umziehen zu wollen.

Wörtlich genommen geht es hier um ganz, ganz vorsichtige Pensionierte, die sich vornehmen, ein romantisches Verlangen nach Spanien zu entwickeln, denen aber die spanische Sonne von vornherein zu heiß und Paella und Sangria sowieso zu fremdländisch sind, um wirklich auswandern zu wollen.

Ganz ähnlich geht es oft auch bei den andern Modalverben zu und her. Das ist der Fall, wenn:

Jugendliche die Erlaubnis haben, am Samstagabend später nach Hause kommen zu dürfen;
Kunden die Verpflichtung haben, die Rechnung innert dreißig Tagen zahlen zu müssen;
der Mensch den Auftrag hat, seinen Nächsten wie sich selbst lieben zu sollen;
Dr. Bopp die Fähigkeit hat, mit den Ohren wackeln zu können;
in Riesenlettern die einmalige Möglichkeit angepriesen wird, 100 000 Euro gewinnen zu können.

In all diesen Fällen werden Erlaubnis, Verpflichtung, Auftrag, Fähigkeit oder Möglichkeit zweimal ausgedrückt: einmal durch das Substantiv und einmal durch das Modalverb. Das ist im Normalfall einmal zu viel. Man sagt also besser dass:

Jugendliche die Erlaubnis haben, am Samstagabend später nach Hause zu kommen;
Kunden die Verpflichtung haben, die Rechnung innert dreißig Tagen zu zahlen;
der Mensch den Auftrag hat, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben;
Dr. Bopp die Fähigkeit hat, mit den Ohren zu wackeln.

… oder oft noch ein bisschen besser, dass:

Jugendliche am Samstagabend später nach Hause kommen dürfen;
Kunden die Rechnung innert dreißig Tagen zahlen müssen;
der Mensch seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll;
Dr. Bopp mit den Ohren wackeln kann.

Nur der noch nicht genannte Beispielsatz ist – wahrscheinlich ungewollt – auch „doppelt gemoppelt“ korrekt: Die Wahrscheinlichkeit, dass man die 100 000 Euro gewinnt ist in der Regel so gering und mit so vielen Bedingungen verknüpft, dass man zu Recht sagen könnte, dass man nur möglicherweise eine Gewinnmöglichkeit hat.

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